Bildungsreise in die Neuköllner High-Deck-Siedlung

ayrault_giffey_mueller_etienne_ayrault-besuch neukoellnUm Anregungen für die Förderung der Integra-tion und die Verbesserung des Zusammen-lebens in der französischen Gesellschaft zu entwickeln, besuchte der ehemalige Premier-minister und amtierende Abgeordnete des Départements Loire-Atlantique Jean-Marc Ayrault (l.) am Dienstag den Bezirk Neukölln. Begleitet wurde der prominente Gast von einer acht-köpfigen Delegation, an deren Spitze der Bot-schafter der Republik Frankreich, Philippe Etienne (r., neben Ines Müller), stand. Am Mittag konnte Neuköllns Bezirksbürgermeisterin Dr. Franziska Giffey (2. v. l.) die Gruppe der französischen Sozial- und Integrationsexperten im Nachbarschaftstreff „mittendrin“ saal_ayrault-besuch neukoellnim Quartiersmanagement-Gebiet High-Deck-Siedlung begrüßen.

„Ich möchte die Menschen in dieser berühmten Sonnenallee kennenlernen“, sagte Jean-Marc Ayrault, der fließend Deutsch spricht, in der Vorstellungsrunde. Seine politische Karriere begann er als Bürgermeister in Nantes, der sechstgrößten Stadt Frankreichs, die im Département Loire-Atlantique einst schwer unter den Folgen des wirtschaftlichen Strukturwandels der Werftindustrie litt. Giffey, die die Gäste mit einigen Sätzen auf Französisch willkommen hieß, leitete den Expertenaustausch mit einer Situations-beschreibung ein, in der – angefangen beim hohen Anteil sozialschwacher Schüler, nichtdeutscher Herkunft bis hin zur hohen Nichtschwimmerquote bei Migranten-kindern – alle Probleme überblickartig ohne rosarote Brille benannt wurden, für die Neukölln als „nicht einfaches Terrain“ in den letzten zehn Jahren bekannt wurde. „Wie werden Kinder und Jugendliche zu freien Menschen, die sich der Demokratie verpflichtet fühlen?“, fragte Giffey zusammenfassend, nachdem sie darauf hinge-wiesen ayrault_giffey_ayrault-besuch neukoellnhatte, dass im Bezirk drei Moscheen unter Beobachtung des Verfassungschutzes stünden. Ange-sichts der Terror-Anschläge in Paris warnte sie: „Auch in Neukölln haben wir einige Jugendliche an ISIS verloren. Wir machen uns große Sorgen – auch für Berlin.“ Und am Ende ihrer Rede zog sie die politische Schlussfolgerung: „Wir brauchen einen starken Staat. Wir brauchen viele Kita-Plätze und Ganztagsschulen von 8 bis 16 Uhr.“

Detailiert wurden anschließend die Arbeit des Quar-tiersmanagements High-Deck-Siedlung, das Stadtteil-mütter-Projekt und die Arbeit des Jugendtreffs The Corner vorgestellt. Darüber hinaus berichtete Ingo Malter, der Geschäftsführer der Wohungsgesellschaft Stadt und Land, über die Mieterbeiräte des kommunalen Wohnungsunternehmens und gab eine aktuelle Einschätzung, was getan werden muss, um die gerade nach Deutschland kommenden Flüchtlinge mit Wohnraum zu versorgen.

„Es gibt viele Eltern, die ihre Kinder in die Kita schicken möchten, aber die Plätze sind nicht da“, beklagte Quartiersmanagerin Ines Müller. Auch wenn es in der Siedlung Menschen gebe, die noch nie in ihrem Leben gearbeitet hätten, gebe es zum Glück auch rund 165 Menschen in der Nachbarschaft, die sich in unterschiedlichem Umfang ehrenamtlich engagierten. „Das reicht von einige Stunden im Jahr bis hin zu essen_ayrault-besuch neukoellnganz vielen Stunden in der Woche“, merkte Müller an. Dass Arbeit, die ehrenamtlich geleistet oder in vom JobCenter geförderten Projekten erbracht wird, sich mit ihren Ergebnissen sehen lassen kann, bewies eindrucksvoll das Küchen-team des Nachbarschaftstreffs: Anleiter Suat Teymur vom IB – Internationaler Bund und seine Helferinnen konnten der Experten-Delegation zum Mittag das arabische Gericht Mansaf mit Hähnchenkeule, Basmati-Reis, Mandelstiften, Cashew-Nüssen und einer speziellen arabischen Gewürzmischung servieren. Als Beilage gab es Fattoush-Salat mit Schluppen, Tomaten, Gurken und malter_ayrault_ayrault-besuch neukoellnRadieschen, zum Nachtisch ein Stück Kuchen.

Nach dem Mittagessen lobte Stadt und Land Geschäftsführer Malter (l.) die „extrem wichtige und extrem erfolgreiche soziale Arbeit“ in der High-Deck-Siedlung. „Wenn wir täglich hören, ein Gebiet ist schwierig, dann wird es schwierig bleiben“, gab er zu bedenken. „Wir sollten lieber sagen, Neukölln ist etwas Überraschendes – komm‘ doch mal vorbei! Ich freue mich savas_stadtteilmuetter_ayrault-besuch neukoellnsehr, dass wir so hohen Besuch haben.“

Tülay Savas (r.), Koordinatorin der Stadtteilmütter stellte die 10 Themen der Stadtteilmütter vor, die von Spracherziehung bis hin zum richtigen Umgang mit Fernsehen und Computer reichen. Über 7.000 Familien hätten die Stadtteilmütter seit 2004 beraten. „Die Frauen sind inzwischen auch wichtige Brückenbauerinnen zwischen Familien und Einrichtungen geworden“, sagte Savas. Sie bedauerte, dass die meisten Stadtteilmütter trotzdem nicht osman_ayrault-besuch neukoellndauerhaft beschäftigt werden könnten. „Wir beraten in der Landessprache und auf Augenhöhe“, betonte Stadtteilmutter Halla Osman (r.) ausdrücklich: „Das Vertrauen der Eltern ist bei unserer Arbeit das A und O.“

Heike Hirth, Leiterin des Jugendtreffs The Corner, hob demgegenüber gerade die Unabhängigkeit ihrer Ein-richtung als Erfolgsfaktor der Arbeit hervor: „Die Jugendlichen können uns Fragen stellen, weil wir keine Moslems sind“, sagte sie überzeugt. Migrantische Jugendliche hätten eine geringe Frustrationstoleranz und eine hohe Gewalterfahrung. Sie versuche deshalb, erklärte Hirth weiter, eine Streitkultur bei den Jugendlichen zu entwickeln, die es in den meisten arabischen und türkischen Familien nicht gebe, die in Deutschland aber unverzichtbar sei. „Der Islam ist eine Religion der Angst“, merkte Heike Hirth kritisch an und bekam dafür gleich den Widerspruch einer Stadtteilmutter zu hören: „Es gibt im Islam Gesetze und auch das Grundgesetz gilt. Ich rede vom richtigen Islam.“

In der abschließenden Diskussion traf Jean-Marc Ayrault, der viel zuhörte und Notizen machte, mit der kurzen Frage an eine Stadtteilmutter, ob sie sich als Deutsche fühle, einen wunden Punkt. „Bei uns zu Hause hängen zwei Fahnen aus Jordanien und Palästina an der Wand. Dazwischen ist eine deutsche Fahne“, antwortete die Frau. „Und die Fußball-Fahne?“, rief fragend eine ihrer alteingesessenen Nachbarin-nen spontan dazwischen. „Ja, Hertha ist die größte Fahne“, gab die Gefragte zu. Eine zweite, 40-jährige Frau, die seit 33 Jahre in Berlin lebt, und mit sieben Jahren ohne Deutschkenntnisse aus dem Libanon kam, ergänzte: „Ich fühle mich als Deutsche, rundgang high-deck-siedlung_ayrault-besuch neukoellnauch wenn ich ein Kopftuch trage und Moslem bin. Ich fühle mich im Libanon nicht zu Hause.“

Der Arbeitsbesuch der französischen Delegation endete nach rund 2 1/2 Stunden mit einem kurzen Rundgang durch die High-Deck-Siedlung, in die seit der Einrichtung des Quartiers-managements Projektfördergelder in Höhe etwa 1,2 Millionen Euro geflossen sind. Quar-tiersmanagerin Ines Müller (M.) zeigte „Die Voliere“, ein soziales Kunstprojekt an der Fassade eines Hauses in der Heinrich-Schlusnus-Straße, das 2009 gemeinsam mit Künstlern aus Lyon erstellt wurde. Vielleicht gibt es auch einmal die Möglichkeit, mehr aus Nantes zu erfahren, denn die Europäische Kommission kürte die Stadt, die der wirtschaftliche Strukturwandel einst so hart getroffen hat, 2013 zur Umwelthauptstadt Europas.

=Christian Kölling=

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