„Who The Fritz Is Karsen?“: Feierstunde für den Mitbegründer der Gesamtschule in Britz

aula_who the fritz is karsen_august-bebel-institutEs ist üblich, an Geburts- oder Todestage bedeutender Persönlichkeiten im Vierteljahrhun-dert-Rhythmus mit Festakten oder Gedenkveran-staltungen zu erinnern. Insofern war es schon etwas ungewöhnlich, dass die Fritz-Karsen-Schule in Britz am vergangenen Samstagabend zur Feier des 130. Geburtstags des Namens-gebers in die Aula der Schule eingeladen hatte.

Zu verdanken sei das in Kooperation mit dem Museum Neukölln und dem August-Bebel-Institut organisierte Fest Neuköllns Bildungsstadtrat Jan-Christopher Rämer. Er habe diese Würdigung angeregt, betonte Schulleiter Robert Giese zu Be-ginn 130.geburtstag fritz karsen_who the fritz is karsen_august-bebel-institutseiner Eingangsrede, bevor er ausführte, welche grundlegenden Neuerungen in der Schul-pädagogik Fritz Karsen von 1921 bis 1933 in seiner Funktion als Rektor des damaligen Kaiser-Friedrich-Realgymnasiums praktisch umsetzte. Heute ist die Schule in der Sonnenallee, deren fritz karsen_august-bebel-institutRektor eben-falls unter den Gästen war, nach Ernst Abbe benannt.

Unter Karsen wurden Jungen und Mädchen erstmals gemeinsam unterrichtet. Es gab Arbeiten in Gruppen und an Projektthemen, ja, der Gruppen- und Projektunterricht wurde hier das erste Mal erprobt. Zwei Fragestellungen haben Karsen beschäftigt: „Wie kann das Autoritätsverständnis in der Schule über-wunden werden?“ und „Wie kann die Schule organisiert werden, und zwar für die Interessen der Schüler?“. Beide Ansätze würden in der Fritz-Karsen-Schule „weiter beackert“, versprach Giese. „Zeitweise wurden in der Schule an der Sonnenallee keine Noten vergeben“, führte er weiter aus. Auch in der heutigen Fritz-Karsen-Schule, die 1956 zu ihrem Namen kam, gibt es erstmals ab der 7. Klasse Noten. Und Giese ist sicher, dass „man demokratisches Handeln in der Projektarbeit lernen kann“. Dann nämlich, „wenn gemeinsam etwas erarbeitet wird und niemand dominiert.“ Die 1920 von Karsen formulierte Forderung nach einer Einheitsschule, so Robert Giese, sei bis heute nicht erfüllt worden. Immer noch, kritisierte er, hätten Kinder von reichen Eltern eine rämer_who the fritz is karsen_august-bebel-institutgrößere Chance das Gymnasium zu besuchen.

Jan-Christoper Rämer (l.) merkte man in seiner darauffolgenden Rede deutlich an, wie sehr er sich mit der Fritz-Karsen-Schule verbunden fühlt, die er vor 15 Jahren mit dem Abitur in der Tasche verließ. So freute er sich, ehemalige Lehrerinnen und Lehrer von ihm unter den Gästen zu entdecken und begrüßte diese mit Namen. Er versprach, dass jede Schule, die auf dem Weg ist eine Gemeinschaftsschule im Bezirk Neukölln zu werden, von ihm unterstützt werde. So sehr ist Rämer von dieser Schulart überzeugt, doch gleichermaßen ist ihm bewusst, dass man „niemanden dazu zwingen“ könne. Beifall gab es, als er ankündigte, dass die fehlenden Vorhänge für die Aula „wohl im Februar 2016“ endlich angebracht würden. Und auch der Sportplatz der Fritz-Karsen-Schule werde neu gebaut.

Außerdem erinnerte Rämer daran, dass sich neben Fritz Karsens Geburtstag auch der von Kurt Löwenstein 2015 zum 130. Mal jährt. Was dieser von 1921 bis 1933, in seinen Zeit als Stadtrat für das Volksbildungswesen in Neukölln, bewegen konnte, sei schon „aller Ehren wert“, meinte Rämer. Durch Menschen wie Karsen und Löwenstein habe der zweite Bildungsweg seine Wurzeln in Neukölln. „Vielleicht“, eintritt berufsleben fritz karsenspekulierte er, „hätte es den Kanzler Gerhard Schröder nicht gegeben, hätte er nicht die Möglichkeit gehabt, sein Abitur auf dem zweiten Bildungsweg zu erlan-gen.“

Anschließend erzählten Schülerinnen und Schüler der Fritz-Karsen-Schule auf selbstangefertigten Schau-tafeln den Lebensweg von Fritz Karsen nach. Helena unterricht fritz karsenMeier, eine Studentin der Uni Hamburg, die sich in ihrer Masterarbeit mit der Pädagogik von Fritz Karsen beschäftigt hat, schloss einen Diavortrag an, der veranschaulichte, wie der Unterricht in Karsens Zeit an robert giese_jc rämer_helena maier_leon vasic_reinhard wenzel_diskussion who the fritz is karsen_august-bebel-institutder Schule abge-laufen ist.

Unter dem Veranstaltungsmotto „Who The Fritz Is Karsen?“ sollte auch die abschließende Podiumsdiskussion mit Schulleiter Robert Giese (l.), Jan-Christopher Rämer (2. v. l.), Helena Meier und Schulsprecher Leon Vasic (2. v. r) stehen, die von Reinhard Wenzel, Bildungsreferent beim August-Bebel-Institut, moderiert wurde. Leider ließ sie jedoch einen roten Faden vermissen, so dass es mehr zu einzelnen Statements der Beteiligten als zu einer anregenden Diskussion miteinander kam.

=Reinhold Steinle=

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Eine Antwort

  1. Gut und wichtig, dass man Fritz Karsen gewürdigt hat, denn er war ein prägender Schulpolitiker, Schulleiter und Organisator im Neukölln vor 1933, von denen es hier im Bezirk fast ein Dutzend gab..

    Weniger im Sinn seines und Löwensteins Bildungsziel dürfte allerdings die Veranstaltung, über die Reinholf Steinle treffend und ausführlich berichtet, gewesen sein. Kritische Bürger der neuen Republik sollten erzogen werden, die sich ein selbständiges Urteil bilden können!

    Doch in der Veranstaltung wurde weder

    – über die Rolle der extra von Karsen zugegründeten Deutschen Oberschule,
    – noch über seine geplante Riesenschule am Dammweg,
    – noch über seine außerordentliche Personalpolitik
    – oder die tatsächliche Zusammensetzung der Schülerschaft der Neuköllner Pionierschulen an der Sonnenallee

    gesprochen oder gar kritisch diskutiert.

    Ja sogar die von Karsen geplante Konzeption einer Fachraumschule und den damit verbundene Zwang zu wandernden Klassen wurden in den Darstellungen auch nur kritisch erwähnt.

    War im Sinne Löwensteins und Karsens vielleicht das Konzept einer reinen Belobigungsveranstaltung falsch, denn dafür hat man auch noch Grundschulkinder in Rollen gezwängt hat, die diese nicht bewältigen konnten. Weder die Lesung der Biografie, noch den unverständlichen Sprechchor! Hat die Schule nicht auch ältere Schülerinnen und Schüler?

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