Weltpremiere im Museum Neukölln: Exponate der Dauerausstellung jetzt auch haptisch erlebbar

geschichtsspeicher_präsentation 3d-objekte_museum neukoellnIn der Dauerausstellung „99 x Neukölln“ können sich Besucher des Museums Neukölln schon seit Jahren durch 99 Originalobjekte und an Compu-terterminals über grundlegende Aspekte der Geschichte und Gegenwart des Bezirks informie- ren. Nun ist ein weiterer innovativer „museums- pädagogischer Quantensprung“ geglückt, wie Bezirksstadtrat Jan-Christopher Rämer vergange- nen Donnerstag bei einem Pressegespräch im Museum auf dem ehemaligen Gutshof Britz erklärte: „Ich bin sehr froh darüber, dass mit dem Einsatz von 3D-Objekten jetzt auch Blinde- und Sehbehinderte Exponate der ständigen Aus- stellung erfahren können.“

Möglich wird dies, weil mehrere Objekte vom 3D-Labor der Technischen Universität Berlin mit einem 3D-Scanner aufgenommen und in Kunststoff oder Gips original- getreu raemer_goesswald_jerichow_präsentation 3d-objekte_museum neukoellnin allen drei Dimensionen ausgedruckt wurden. Die Reproduktionen ähneln fast hundertprozentig den dinglichen Zeitzeugen in den Museumsvitrinen. Das Museum Neukölln beteiligte sich gemeinsam mit drei anderen Berliner Museen von 2013 bis 2015 an einem Kooperationsprojekt mit der TU Berlin, das vom Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) gefördert wurde. Museumsleiter Dr. Udo Gößwald (M., zwischen Jan-Christopher Rämer und Samuel Jerichow) unterstrich, dass Reproduktionen von Exponaten per 3D-Drucker im Museumsbetrieb von morgen nicht mehr wegzudenken sein werden. In Bildungs- programmen pfirsichkern_präsentation 3d-objekte_museum neukoellnfür Schüler seien sie aber aktuell eine Weltpremiere.

Für die pädagogische Arbeit des Museums ergeben sich durch den Einsatz der 3D-Objekte ganz neue Möglichkeiten. Schülerinnen und Schüler der 7. Jahr- gangsstufe der Johann-August-Zeune-Schule für Blinde untersuchten mit Unterstützung einer Museumslehrerin selbstständig die vergrößerte Reproduktion eines Amuletts, das aus einem Pfirsichkern geschnitzt wurde. Das Original, das zwei Blumen auf der einen und zwei Friedenstaube auf der anderen Seite zeigt, schnitzte ein politischer Häftling in einem syrischen Gefängnis. Der Gefangene ließ das Amulett seinem Bruder im Libanon zukommen. Als dieser mit seiner Familie aus dem Land floh, nahm er den Pfirsichkern als Andenken an seinen Bruder 1989 mit ins Exil nach Neukölln, wo er schließlich in der Museumsvitrine landete. Für die sehbehinderten Jugendlichen eröffnete das anfassbare vergrößerte Exponat eine neue Dimension. Während Sehende einfach näher an ein Objekt herangehen können, um es genauer zu betrachten, sind Sehbehinderte auf eine die Vergrößerung raemer_präsentation 3d-objekte_museum neukoellnangewiesen, die sehr viel leichter zu ertasten ist.

„Die 3D-Objekte sind aber auch für sehende Men- schen ein haptisches Erlebnis“, stellte der in Neukölln für Bildung, Schule, Kultur und Sport zuständige Bezirksstadtrat Rämer fest, dessen Mutter sehbehindert ist und in der Johann-August-Zeune-Schule urne_präsentation 3d-objekte_museum neukoellndie Brailleschrift lernte.

Grundschülerinnen und -schüler der Britzer Fritz-Karsen-Schule begaben sich auf die Spur von Archäologen. Sie erkundeten, vermaßen und katalogisierten – unterstützt von einer zweiten Museumslehrerin – die 3D-Reproduktionen einer Urne, den Kamm der rixdorfer tanzpaar_präsentation 3d-objekte_museum neukoellnBritzer Prinzessin sowie eine Spinnwirtel aus der Vor- und Frühgeschichte.

Das größte Objekt, das Samuel Jerichow von der TU Berlin mit seinen Kollegen in drei Arbeitsschritten für das Museum Neukölln im 3D-Labor originalgetreu kopieren konnte, ist der Unterkiefer eines Wollhaarmammuts. Das Stück ist über 20.000 Jahre alt und wurde um 1900 in der Kiesgrube von Franz Körner – dem heutigen Körnerpark – gefunden. „Wir müssen genau überlegen, was wir als nächstes reproduzieren“, erklärte Museums-leiter Gößwald. „Stoff können wir zum Beispiel nicht einscannen.“ Besser geeignet ist dagegen die Figur des Rixdorfer Tanzpaares, die ihrem Original täuschend ähnlich sieht, allerdings leichter als die Porzellanfigur ist.

=Christian Kölling=

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