Künstlerisch-kollaborativer Prozess auf dem Albert-Schweitzer-Platz gescheitert?

platzschild albert-schweitzer-platz neuköllnDie Künstler Eva Hertzsch und Adam Page haben den Neuköllner Albert-Schweitzer-Platz künstlerisch nach- gestaltet, um den Zusammenhang von Bürgerbetei- ligung, Stadtentwicklung und Kunst im öffentlichen Raum an einem Praxisbeispiel vorzustellen. „Ge- scheitert? Über einen künstlerisch-kollaborativen Prozess“, lautet der Titel ihrer Ausstellung, die am Montagabend mit einem Gespräch zwischen Berlins Stadtentwicklungssenator Andreas Geisel und Mark Terkessidis, Publizist mit den Schwerpunkten Pop- kultur und Migration, in der Galerie des August Bebel Instituts (ABI) im Wedding eröffnet wurde.

Schülerinnen und Schüler des Albert-Schweitzer-Gymnasiums entdeckten im November 2011 auf einer Reise nach London, die Eva Hertzsch und Adam Page initiiert hatten, im Osten der Metropole einen malerischen Pavillon, der auf dem Arnold Circus im Bezirk Shoreditch steht. Es entstand die Idee, den tristen Albert-Schweitzer-Platz albert-schweitzer-platz neuköllnvor ihrer Schule zu einem ähnlich kommunikativen Ort aufzuwerten, an dem sich alle Leute in der Nachbarschaft treffen können, um zu reden, Gemeinschaft zu pflegen oder sich einfach nur auszu-ruhen. Eine Gruppe namens „Die 12 Veränderer“ wurde gegründet. Ihre Entwürfe wurden im August 2012 bei der 3. Architekturbiennale in Venedig und im November sogar in der Nordischen Botschaft im Rahmen der Ausstellung Building Blocks in Berlin gezeigt. Nach langem Ringen um die Zuständigkeit baute 2014 das adam page_august-bebel-institut berlin-weddingBezirksamt Neukölln den Albert-Schweitzer-Platz komplett um. Dabei blieben nur wenige Ideen der 12 Veränderer übrig. „Es gibt in London eine andere Tradition der Beteiligung“, stellte Adam Page (r.) bei der Ausstel-lungseröffnung bedauernd fest. Seine Forderung: „Alle beteiligten Parteien müssen bis zum Ende, eva hertzsch_august-bebel-institut berlin-weddingwenn die Ent- scheidungen getroffen werden, mit am Tisch sitzen.“ Eva Hertzsch (l.) erklärte zu den stilisierten weißen Rosen auf dem nachgebauten Pavillon: „Selbst Rosen, die wir auf dem Platz gepflanzt hatten, wurden entfernt, weil sie angeblich das Bild des Platzes stören.“

Ingo Siebert, Studienleiter und Geschäftsführer des August Bebel Instituts, kündigte bei der Ausstellungseröffnung ein reichhaltiges Rahmenprogramm an: „Wir werden uns tiefer mit der Frage von Beteiligung auseinandersetzen. Welche Rolle spielen Kunst, Jugendliche und Bürger im Partizipationsprozess? Und ist die repräsentative siebert_geisel_terkessidis_august-bebel-institut berlin-weddingDemokratie in Gefahr, wenn Bürger mit beteiligt werden?“

Als früherer Bezirksbürgermeister in Lichtenberg konnte Andreas Geisel (r., neben Mark Terkes-sidis) zunächst über seine Erfahrungen mit dem Bürgerhaushalt berichten: „Die Bürger wollen in der Regel nicht sparen, aber die Entschei-dungen sind durch den Bürgerhaushalt ziel- gerichteter geworden.“ Grundsätzlich wünschte sich der Stadtentwicklungssenator einen Dialog auf Augenhöhe mit gut informierten Bürgern und größerer Ver- lässlichkeit. „Ein erzieltes Ergebnis darf nicht immer wieder in Frage gestellt werden, wenn neue Bürger hinzukommen. Irgendwann“, so seine Kritik, „muss auch mal entschieden werden.“ Die Idee, dass durch mehr Bürgerbeteiligung etwa die Wahlbeteiligung wieder steige würde, habe sich nach Ansicht von Andreas Geisel allerdings als Irrtum herausgestellt: „Die Beteiligungsmöglichkeiten sind vielfältiger geworden, aber die Beteiligten sind immer diesselben Personen.“

Mark Terkessidis, Autor des Buches „Kollaboration“, will vor allem kleinteilige Betei- ligungsmöglichkeiten direkt im unmittelbaren Lebensumfeld der Menschen. Ein Beispiel, das er nannte: „Am Kreuzberger Landwehrkanal wurden nach dem Abrutschen des Ufers Bäume gefällt. Es gab Proteste. Tatsächlich hatten die Demonstranten aber gute, ja sogar bessere Ideen als die Verwaltung. Im Gespräch mit der zuständigen Behörde wurde ein neuer Plan entwickelt, der besser und viel billiger war. Die Bäume wurden erhalten.“ Unter Kollaboration versteht Terkessidis eine positive Form der Zusammenarbeit, obwohl der Begriff seit dem 2. Weltkrieg negativ bewertet werde. Man könne nicht mehr über die Köpfe der Bürger hinweg regieren. Unter Bezug auf einen französischen Soziologen erklärte der Buchautor: „Michel Foucault hat gezeigt, wie in Familien, Schulen, Fabriken im 19. Jahrhundert die pavillon_august-bebel-institut berlin-weddingDisziplin durchgesetzt wurde. Diese Disziplin gibt es in unserer Gesellschaft nicht mehr. Dort wäre heute der Raum für die Kollaboration.“

Bei den Besuchern der Vernissage gingen die Meinungen über den Wert und den Sinn diverser Beteiligungsverfahren weit auseinander. „Hört bloß auf zu beteiligen!“, warnte eine Frau. Der Frust, der durch fehlgeschlagene Bürgerbeteiligung entstehe, erhöhe die Politikverdrossenheit nur immer weiter. Ein zweiter Gast war dagegen mit Online-Beteiligungs-verfahren sehr zufrieden, die von anderen Besuchern widerum scharf kritisiert wurden. Zumindest eine versöhnliche Nachricht konnte Moderator Siebert am Ende der Gesprächsrunde mitteillen: Die drei grünen Holzbänke im Pavillion, der im Ausstellungsraum des ABI steht, haben Mitarbeiter des Grünflächenamtes Neukölln unbürokratisch zur Verfügung gestellt und angeliefert.

Weitere Veranstaltungen im Rahmen der Ausstellung im August Bebel Institut (Müllerstr. 163):

– 17. November, 17 – 21 Uhr: Workshop „Jugendpartizipation – im Gefecht der Ziele“ mit Cornelia Seiberl (Psychologin, Trainerin für politische Bildung), Lorenz Schwochow (Sozialwissenschaftler); Teilnahme: 5 Euro inklusive Verpflegung und Getränke

– 19. November, 19 – 21 Uhr: In Schule Gesellschaft verändern mit Rahel Puffert (Kulturwissenschaftlerin) und Bernhard Trieglaff (Lehrer).

– 3. Dezember, 19 – 21 Uhr: Finissage: Kollaboration und Kunst im Stadtraum mit Tim Renner (Staatssekretär für Kultur) Cordelia Polinna (Think Berlin), Elfriede Müller / Martin Schönfeld (Büro für Kunst im öffentlichen Raum, BBK Berlin)

=Christian Kölling=

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