„Fokus Neukölln“ hilft dem Dialog zwischen Einwohnern und Neukölln-Forschern auf die Sprünge

ortsschild berlin-neuköllnViel diskutiert wird über Neukölln schon lange: Entweder über den Problembezirk oder seit neuestem über den Trendbezirk Neukölln, der zum guten Beispiel in der sich wandelnden Metropole Berlin werden könne. Wie können Neuköllne-rinnen und Neuköllner in Zukunft aber mehr miteinander statt übereinander reden? Wie kann vor allem die Wissenschaft, die im Modell-Bezirk fleißig forscht, in diesen Dialog einbezogen werden? Die Bürgerstiftung Neukölln und das Wissenschaftszentrum Berlin halfen mit Unter-stützung der Initiative Wissenschaft im Dialog (WiD) am vergangenen Montagabend diesem überfälligen Dialog gehörig auf die Sprünge: Wissenschaftlerinnen und Wissen-schaftler stellten in der vollbesetzten Villa Neukölln ihre aktuellen Studien über Wohnen, Leben und Lernen in Neukölln knapp und verständlich bei der Veran-staltung „Fokus Neukölln“ vor. Moderiert wurde die Diskussion von der Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin (WZB) für Sozialforschung, Prof. Jutta Allmendin-ger, und dem Kommunikationsberater Simon Hauser, der u. a. in der Bürgerstiftung Neukölln allmendinger_giffey_diskussion fokus neukoellnaktiv ist.

Bezirksbürgermeisterin Dr. Franziska Giffey, die als Gast am Dialog teilnahm und eine Begrüßungsrede hielt, hatte die Lacher auf ihrer Seite, als sie eine typische Forschungsanfrage aus ihrem Berufsalltag im Rathaus Neukölln schilderte: „Haben Sie nicht einmal ein, zwei oder drei Stunden Zeit, um ein Interview zu führen?“, werde sie immer wieder gefragt. „Ich habe aber noch nie ein Ergebnis zurück bekommen“, klagte Giffey (r.), die ihre Doktorarbeit ebenfalls am Beispiel Neukölln schrieb. WZB-Präsidentin Allmendinger (l.) berichtete, dass ihr bei einer spontanen Abfrage in der Bibliothek des Instituts mehr als 150 Studienarbeiten über Neukölln genannt worden seien und die Bibliothekarin schließlich darum bat, die Suchanfrage einzugrenzen. „Wir wären nichts mit unserem Geld am Wissen-schaftszentrum Berlin kolland_allmendinger_diskussion fokus neukoellnohne Ihre Mitarbeit“, bedankte sich Jutta Allmendinger stellvertretend bei der ehemaligen Neuköllner Kulturamtsleiterin Dr. Dorothea Kolland (l.) für die Kooperationsbereitschaft der Neuköllner und versprach, mit diesem Abend „dem Bezirk etwas zurückzugeben“.

In zwei Gesprächsrunden mit jeweils drei Forscherteams wurden insgesamt sechs Forschungsberichte vorgestellt. Nach drei Kurzvorträgen – bei denen erfreulicherweise Power-Point-Präsentation ausdrücklich verboten waren – hatte das Publikum die Gelegenheit, per Karte schriftliche Fragen, die von der Moderatorin verlesen wurden, an die lueter_hirsel_veit_freiheit_diskussion fokus neukoellnWissenschaftler zu richten.

Dr. Albrecht Lüter (l.) und Aline-Sophia Hirseland (2. v. l.) machten den Anfang mit einem Bericht zu ihrer Camino-Studie „Zusammenleben in Nord-Neukölln“. Dr. Susanne Veit (r.) berichtete über ihre Arbeit „Das Experiment der verlorenen Briefe – Solidarität in Neukölln“. In einem aufwändig angelegten Test wurden Briefe, die wie zufällig verloren aussahen, in ganz Berlin systematisch ausgelegt. In den Ortsteilen Waidmannslust und Zehlendorf war die Quote der Briefe, die von den Findern in Briefkästen geworfen wurden, am höchsten. Neukölln lag bei den wieder eingeworfenene Briefen im Mittelfeld, zeichnete sich aber durch zwei Besonder-heiten aus: Erstens war hier die Zahl der Briefmarken, die von den Umschlägen abgelöst wurden, am höchsten. Zweitens wurden im Bezirk die meisten Kommentare auf den gefundenen Briefumschlägen abgegeben. „Entschuldigung für die Marke“, war auf einem Umschlag vermerkt, auf dem zwar die Briefmarke fehlte, der aber trotzdem seinen Weg in den Briefkasten fand. Schließlich stellte Dipl.-Soz. Manuela Freiheit (2. v. r.) von der Universität Bielefeld am Ende der ersten Runde ihre Ergebnisse über Ausgrenzung und Diskrimierung im Reuterquartier vor, die die Forscherin als keller_diskussion fokus neukoellnFolge von Zwangsräumungen und zunehmender Verdrängung im Kiez inter-pretierte.

„Berufliche Strategien und Statuspassagen von jungen Erwachsenen mit Migrationshinter-grund im deutsch-französischen Vergleich“, stellte Prof. Dr. Carsten Keller (r.) von der Universität Kassel in der zweiten Runde vor. Nur bei diesem Thema vergaß Jutta Allmendinger, die auch Professorin für Bildungssoziologie und Arbeitsmarktforschung an der Humboldt-Universität zu Berlin ist, ihre Moderatorenrolle kurz und hätte mit ihrem Fachkollegen fast eine Diskussion begonnen. Wichtigster Befund, den der Soziologe Keller dem Neuköllner Publikum mitteilte: Während sich in Deutschland die fleißigen und erfolgreichen Menschen mit Migrationshintergrund diskriminiert fühlten, seien es in Frankreich die Gescheiterten und in die Banlieu abgeschobenen Nachkommen der Migranten, die gesellschaftliche Diskriminierung wahrnähmen. Die Architektin Prof. Dr.-Ing. Susanne Junker, die mit ihren Studentinnen und Studenten am Teltowkanal einen Erinnerungsort für Kriegsopfer entworfen hat, stellte ihre Arbeit „Neukölln als Nekropole – Vergegenwärtigung von Kriegstod“ vor. Vergeblich hatten in den letzten Kriegtagen Junge und Alte als letztes Aufgebot im Volkssturm versucht, eine Brücke über den Teltowkanal gegen die Rote Armee zu verteidigen. Die Forschungsfrage des Seminars lautete: Warum begaben sich damals Menschen in einen ausweglosen Kampf ? Eine Frage, die angesichts vieler Kriege in der Welt, einen unmittelbaren Gegenwartsbezug hat. Vervollständigt wurde das breite Spektrum der Forschungs-arbeiten mit Neukölln-Bezug schließlich mit einer Studie von Prof. Dr. Felicitas Hillmann und der Doktorandin Jana Taube über die „Regenerierung von Stadtteilen durch migrantische Akteure“. Das migrantische Unternehmertum habe seine Nische verlassen, Neukölln werde durch das migrantische Unternehmertum längst geprägt, es habe eine wichtige soziale Funktion für die Integration, diene der touristischen Imagebildung des Bezirkes ebenso wie der Stabilisierung von Kiezen, lauten die streitbaren Hauptbefunde der Arbeit. Jana Taube untersuchte besonders die Gruppe der jungen, mobilen und akademisch sehr gut ausgebildeten Kunst- und Kulturschaffenden. In Neukölln konnte sie beobachten: „Das migrantische Unter-nehmertum simon_hauser_diskussion fokus neukoellnzieht sich inzwischen durch alle Branchen und fällt kaum noch auf“.

Bemerkenswert waren bei dieser Dialogver-anstaltung – neben den Forschungsergebnis-sen – auch die präzisen und kritischen Fragen aus dem Publikum: Erschwert ethnische Ökonomie die Integration ? Welche Bedeu-tung haben die Spätis für Neukölln? oder Wie aussagekräftig sind Umfrageergebnisse, die nur bei Straßenfesten gesammelt wurden? Die befragten Wissenschaftler mussten bei ihren Antworten gelegentlich weit ausholen, um ihre Forschungsmethodik zu begründen oder auch einfach einmal zugeben, dass bestimmte Aussagen politisch umstritten sind oder am besten im kleinen Kreis nach der Veranstaltung beim Bier besprochen werden könnten. Mehr als einmal wurde an diesem Abend gelacht und die Stimmung war alles andere als verbissen, ohne albern zu sein. Dr. Dorothea Kolland resümierte: „Ich bin unendlich dankbar für die Unterstützung des Giganto-Unternehmens WZB. Nur waren noch zu wenig langjährige Neuköllner – zum Beispiel Lehrer – zu sehen.“ Eine Folgever-anstaltung sei möglich, deuteten WZB und Bürgerstiftung am Ende gemeinsam an.

=Christian Kölling=

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3 Antworten

  1. Ich nehme diesen Artikel mal zum Anlass, mich für die großartige Arbeit der FACETTEN-Magazin-Redaktion zu bedanken. Die Vielfalt Eurer Themen, die Kombination aus kleinen Geschichten und großen Fragen unseres Stadtteils und nicht zuletzt das hohe Niveau der Texte beeindrucken mich seit Monaten. Ihr vergeßt nicht die Kinder, nicht die Alten, nicht die Kreativen, nicht die Harzer. Eure Berichterstattung schafft ganz oft den schwierigen Spagat zwischen dem Problembezirk und der Multikultulti-Idylle – was herauskommt, ist wirklicher und sinnvoller als alles, was ich sonst so über Neukölln zu lesen bekommen. Herzlichen Dank dafür. Ich hoffe, ihr seid irgendwie finanziert und macht das nicht alles ehrenamtlich. Beste Grüße aus der Nachbarschaft

    • Wir danken ganz herzlich für die Komplimenteflut und die Anerkennung unserer Arbeit, die genau die Ausrichtung verfolgt, die Sie beschreiben.
      Die Hoffnung, dass wir „irgendwie finanziert“ werden, müssen wir Ihnen jedoch nehmen. Nachteile hat dieser Zustand vor allem für uns. Für unsere Leser hat er dagegen den Vorteil, dass wir nur ihnen und uns selber gegenüber verpflichtet sind, d. h. ihnen Native Advertising erspart bleibt.

  2. Schön der letzte Satz, dass ältere Neuköllner Lehrer gefehlt haben! Doch ich zum Beispiel war schon bei der ersten Vorstellung der Ergebnisse im Wissenschaftszentrum dabei und möglicherweise hatten auch andere den Eindruck von dort mitgenommen, dass ihre Erfahrungen nicht gefragt seien. Das klingt nach Klagen, ist aber als Hinweis gedacht, denn wo anders als in der Schule beginnen die Erfolgsgeschichten oder häufen sich schon früh Enttäuschungen, die selten aufgefangen werden können. Häufig, weil wir nicht in die (Rest)Familien und ihre Wertordnungen eingreifen können oder das „Sozialamtsmodell“ oder andere Entwürfe schon eine Ausbildungschance überstrahlen, …, leider.
    richard

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