„Hätte der Meister heute gelebt, wäre er Fotograf geworden“

neukoelln_schloss britz_rembrandt-ausstellungÜber 100 Original-Radierungen des niederländi-schen Malers und Zeichners Rembrandt Harmens-zoon van Rijn sind ab heute in der Ausstellung „Rembrandt in Black & White“ im Schloss Britz zu bewundern. Die Werke stammen aus der Privat-sammlung des Rembrandt-Kenners Jaap Mulders und umfassen gut ein Drittel aller Radierungen Rembrandts. Die Ausstellung bietet damit einen breiten Überblick über das druckgraphische Werk des 1606 in Leiden geborenen Künstlers.

Sonja Kramer, die Geschäftsführerin der Kulturstif-tung Schloss Britz, Leihgeber Jaap Mulders und Kuratorin Aneta Brinker stellten schon vorgestern bei einem Pressetermin die Exponate vor, zu denen Selbstbildnisse, Studien, Porträts, Landschaften, Akte, Szenen aus dem alltäglichen Leben sowie Geschichten und Gleichnisse aus dem Alten und Neuen Testament gehören. „Nicht die Schönheit oder Idealvorstellungen prägen die Radierungen Rembrandts, sondern die Realität, wie sie vom Künstler gesehen wird“, erklärt Aneta Brinker im ersten Raum, Rembrandt_aux_yeux_hagardswo zahlreiche Selbstbildnisse neben Studien über Bettler aus den Anfangsjahren 1630 bis 1631 ausgestellt sind.

„Würden Sie sich so zeichnen?“, fragt die Kunst-historikerin, während sie auf ein Bild der insgesamt sechs Selbstbildnisse umfassenden Studie über menschliche Emotionen deutet, das Rembrandt mit stark verzerrtem Gesicht zeigt: „Der Künstler wollte wissen, welcher Muskel bei welchem Gesichtsausdruck bewegt wird. Er hat sich deshalb in dieser Serie wütend, heiter, skeptisch oder entschlossen gezeichnet.“ Rembrandts Liebe zum Detail, seine technische Virtuosität und Beobachtungsgabe seien bereits bei seinen ersten Genre Bildern – den Studien über Bettler – zu erkennen. „Die Lebensnähe und Erzählfreude der ersten Graphiken ziehen sich bis zum Ende durch das Werk“, stellt Brinker fest.

„Hätte der Meister heute gelebt, wäre er Fotograf geworden“, fasst der Nieder-länder Jaap Mulders die Arbeitsweise seines großen Landsmannes pointiert zusammen. „Wie ein Fotograf experimentierte Rembrandt mit dem einfallenden Licht und realistischen Momentaufnahmen. Nicht umsonst wird der berühmte Maler als ein Meister des Chiaroscuro bezeichnet“, sagt der Sammler. Der Schein einer Kerze oder das einfallende Licht durch ein Fenster seien jeweils Teil eines Beleuchtungs-konzeptes, das der dargestellten Szene durch starke Kontraste eine besondere Spannung verleihe. „Es geht in den Bildern aber auch um den Moment“, fügt Mulders , der seit 1997 Radierungen von Rembrandt sammelt hinzu. Tobit, den blinden Vater des Tobias aus dem Alten Testament, hielt Rembrandt beispielsweise just in dem Moment fest, als er los eilt, um seinen Sohn zu begrüßen, dabei aber vor lauter Aufregung die Tür verfehlt. „Rembrandt hätte ebenso eine andere Szene darstellen können: Etwa den Moment, als der Blinde den Sohn, der seine Augen heilt, begrüßt rembrandt_diana im badeund umarmt“, kommentiert Jaap Mulders. An Papa-rrazi-Aufnahmen fühlt sich der Kunstsammler, der bis 2007 Geschäftsführer des National Ballet und Musiktheaters in Amsterdam war, bei der Radie-rung „Diana im Bade“ erinnert: „Im 17. Jahrhundert sahen die Porträtierten in Aktzeichnungen ver-schämt zur Seite. Auf diesem Druck schaut die überraschte Diana dem Betrachter aber direkt ins Gesicht.“

Auch Kuratorin Aneta Brinker betont, dass die für Rembrandt typischen Momentaufnahmen wäh-rend seiner Schaffenszeit sonst nicht üblich waren. In einer Radierung aus der Geschichte des Barmherzigen Samariters ist zum Beispiel nicht nur zu sehen, wie der Samariter rembrandt_barmherziger samariterden überfallenen Kaufmann bis zur Tür der Herberge in Sicherheit bringt, sondern gleichzeitig beugt sich eine Frau im Hintergrund tief in einen Brunnen, um Wasser zu schöpfen, und im Vordergrund verrichtet unübersehbar ein Hund gerade sein Geschäft. Weitere berühmte Radierungen, die in der Ausstellung gezeigt werden, sind das Hundertguldenblatt – ein religiöses Motiv, das den zu seiner Zeit stattlichen Preis von 100 Gulden pro Blatt einbrachte – und Drucke von vitrine rembrandt-ausstellung_schloss britz_neukoellnAdam und Eva sowie vom Eulenspiegel.

Ein besonderes Zeichen für die Qualität und den malerischen Charakter der Arbeiten Rembrandts ist, dass sich seit 1640 in Amsterdam wichtige Personen des öffentlichen Lebens wie Prediger, Apotheker und Goldschmied für Radierungen abbilden ließen. In der Ausstellung sind neben der Kupferplatte eines porträtierten Predigers im Original auch drei Probeabzüge zu sehen, die bei der Anfertigung der Druckplatte des Goldschmiedes Jan Lutma entstanden. In einer Ausstellungsvitrine wird außerdem das zum Radieren benötigte Werkzeug gezeigt: Im Begleit-programm rembrandt-ausstellung_schloss britz_neukoellnzur Ausstellung, so die Ankündigung, können sich Erwachsene in die Technik der Radierung ein-führen lassen.

Nützlich ist für Besucherinnen und Besucher auch ein Tablet-PC, den alle beim Betreten der Ausstellung erhalten. Er enthält viele Informationen zu den Expo-naten und bietet gleich am Anfang die Gelegenheit, vor einem Selbstbildnis von Rembrandt das eigene Porträt aufzunehmen und im Stil des alten Meisters anzu-sehen. Außerdem hilft der Computer, Fälschungen zu erkennen, denn: In der Ausstellung sind als besondere Überraschung vier Radierungen versteckt, die nicht von Rembrandt stammen.

Die Ausstellung „Rembrandt in Black & White“ wird bis zum 21. Februar 2016 im Schloss Britz (Alt-Britz 73) zu sehen. Öffnungszeiten: Di. – So. 11 – 18 Uhr; Eintritt: 7 Euro/erm. 4 Euro, der Eintritt für Kinder bis 12 Jahre ist frei. Informationen über Sonderführungen für Schulklassen (1 Euro pro Person) sowie das Begleitprogramm telefonisch unter 030 – 609 79 230.

=Christian Kölling=

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