Die Endlichkeit der Möglichkeiten, Platz für das Aushängeschild Neuköllns zu erhalten

kunstraum t27 neuköllnWie viele Galerien, Ateliers und kulturelle Projekträume es in Neukölln genau sind, die schon wegen unbezahl-barer Mieterhöhungen oder der Kündigungen ihrer Mietverhältnisse aufgeben mussten, sei „ganz schwer zu sagen“, muss Dr. Martin Steffens zugeben. Selbst er, der als langjähriger Leiter des Kunstfestivals 48 Stun-den Neukölln bestens in der Szene vernetzt ist, hat keinen belastbaren Überblick darüber, wer warum seinen Standort im Bezirk verlassen hat. Dass einige oder gar viele schlichtweg keine Lust mehr auf Neukölln oder die Existenz als Kunstschaffende hatten, kann und will Steffens nicht ausschließen.

Sehr genau weiß er jedoch, weshalb es den kunstraum t27 nun nicht mehr in der Thomasstraße gibt. „Uns ist regulär gekündigt worden“, sagt Martin Steffens, der auch Vorsitzender des Kunstvereins Neukölln ist, der wiederum die Galerie betreibt, die sich vor 10 Jahren hier ansiedelte. Am Wochenende wurde der Abschied mit 1_abschiedsfest kunstraum t27 neuköllneinem 27-stündigen Programm eingeläutet, das mit einer Prozession zum neuen Domizil in der Mainzer Straße endete. Im Fokus der vorletzten Stunde stand aber erstmal das Thema „Platzangst“, wobei es den Disku-tanten nicht um das Krankheitsbild der Agoraphobie, sondern um die Situation des Raums für Kunst im Bezirk podiumsdiskussion platzangst_abschiedsfest kunstraum t27 neuköllnging. Neben Martin Steffens (M.) beteiligten sich (v. r.) Jan-Christopher Rämer, Neuköllns Kultur-stadtrat, die Künstlerin Antje Gerhardt, die Stadt-planerin Stefanie Burgstaller und Tiny Domin-gos, u. a. Sprecher der Koalition der Freien Szene Berlin, daran.

„Wie ist es überhaupt zur jetzt starken Blütezeit der Neuköllner Kultur gekommen?“, wandte sich Steffens an Antje Gerhardt, die die Entwicklung seit knapp drei Jahrzehnten verfolgt. Kunst brauche neben Zeit einen Raum, erklärte sie, und den habe es hier lange zu sehr günstigen Konditionen gegeben – bis der Neukölln-Boom die Trendwende brachte. Den müsse man jedoch im Zusammenhang mit dem Run auf Berlin betrachten, mahnte Rämer: „Ich hab Kunst und Kultur nie als Antrieb für die Entwicklung der Immobilienpreise gesehen, aber dafür wird die Sparte jetzt instru-mentalisiert.“ gerhardt_rämer_abschieds-podi kunstraum t27 neuköllnSeitdem, kritisierte der gebürtige Neuköll-ner, werde von anderen Leuten das abgesurft, was die ins Leben riefen, die schon vor dem Boom im Bezirk waren. Das Hauptaugenmerk müsse deshalb auf der Frage „Wie können diejenigen bleiben, die hier schon immer Kunst gemacht haben?“ liegen.

Neukölln habe sich, bestätigte Stefanie Burgstaller, vom Problembezirk zum Place to be, in dem Kunst das Aushängeschild ist, gewandelt und das hätten auch Immobilienbesitzer entdeckt, die derzeit wie im Gold-rausch alte post_neuköllnagieren würden. „Das Problem ist, dass viele kein Geld in die Hand nehmen wollen, um Orte zu entwickeln, wenn sie keinen Mehrwert sehen“, ergänzte die Stadtplanerin, die beim neuen BIWAQ-Programm in Neukölln dafür zuständig ist, Schlüsselimmobilien wie die Alte Post in die Zukunft zu führen. Allein die Mentalität von Haus-eigentümern und die Profit-Orientierung von Investoren domingos_burgstaller_steffen_abschieds-podi kunstraum t27 neuköllnwill Tiny Domingos aller- nicht für die aktuelle Situa-tion und daraus resultie-rende Probleme verantwortlich machen. Das Gebaren einer neuen Generation Ankommender mit der Attitude „Wir sind Berlin, und vor uns war niemand hier!“ trage, so Domingos‘ Eindruck, ebenfalls entscheidend dazu bei.

Hinzu komme, bemängelte Martin Steffens, dass „der Senat keine Idee hat, wie die grassierende Raumknappheit für Kunst gestoppt werden kann“. Zwar konnte Tiny Domingos auf ein 2016 startendes, mit 3,6 Millionen Euro subventioniertes Programm des Landes für die freie Szene in Berlin verweisen, doch mehr als 3_abschiedsfest kunstraum t27 neuköllnSchadensbegrenzung verspricht er sich davon nicht. Das Manko sei auch hier, dass die Förderung meist in Strukturen und nicht in innovative Ansätze fließe: „Ich würde mir einen Sonderstatus für Kunst- und Projekträume wünschen, weil sie zum Ökosystem der Stadt gehören, aber meistens die ersten Opfer von Gentrifizierung sind.“

„Ein wünschenswerter Gedanke, aber nicht zu realisieren“, prognostizierte Jan-Christopher Rämer, der schon froh ist, dass die Galerien im Saalbau und im Körnerpark als bezirkliche Kunstorte gehalten werden können und mit ihnen renommierte Strukturen, die auch Neuköllner Künstlern Raum geben, fortbestehen. „Ohne Kunst und Kultur im Zentrum läuft der Bezirk Gefahr, langweilig zu werden.“ Umso sinnvoller wäre es, meinte der Kulturstadtrat, wenn das Land die Spielräume für die Bezirke z. B. bei der Verteilung der Citytax erweitern 4_abschiedsfest kunstraum t27 neuköllnwürde. Wichtig sei zudem, dass Künstler Mit-glieder des Abgeordnetenhauses einladen, um ihnen gegenüber Notwendigkeiten deutlich zu machen.

Für den kunstraum t27 mussten die Notwendig-keiten nach 10 Jahren mit 108 Ausstellungen auf 5_abschiedsfest kunstraum t27 neuköllnden Nullpunkt herunter-gefahren werden. Nach der Diskussion wurden DIN A4-Blatt große Cutouts der letzten Ausstellung verkauft. Anschließend konnten sich alle Besucher daran beteiligen, in einer symbolischen Prozession „bedeut-same Gegenstände“ von der Thomasstraße in die neue, 2_abschiedsfest kunstraum t27 neuköllnerheblich kleinere Galerie im Flughafenkiez zu überfüh-ren. „Ich bin froh, dass es für uns überhaupt in eigenen Räumen weiter-gehen kann“, sagte Martin Steffens. In einer anderen Galerie unterzukommen, um deren Location mitzunutzen, wäre für den Kunstverein Neukölln mangels Lust auf „mögliche Streitereien über Inhalte und Künstler“ keine Option gewesen. Ausgerechnet in solchen Roomsharing-Projekten sieht Stefanie Burgstaller indes angesichts der Raumknappheit die Zukunft. Mehr noch wünscht sie sich „Multi-funktionalität und Synergien zwischen Kunst, sozialen und Bildungsangeboten“.

So blieb am Ende des Abends der Eindruck, dass die Möglichkeiten, bezahlbare Räume für Kunst zu erhalten, begrenzt sind: Neukölln hat als attraktiver – weil: günstiger – Produktionsort ausgedient, und von einem attraktiven – weil: lukrativen – Verkaufsort ist es weit entfernt.

=ensa=

Advertisements