„Hartz IV ist ungerecht und demütigend“: Systemkritik eines Neuköllner Aufstockers als Novelle

thomas pregel_stadtbibliothek neuköllnEinen „sehr fleißigen Aufstocker“ konnte Bibliothe-kar Ralph Haack gestern Abend im dicht besetzten Veranstaltungsraum der Neuköllner Stadtbibliothek begrüßen: Thomas Pregel war gekommen, um aus seiner im letzten Jahr erschienenen und teils autobiographischen „Hartznovelle“ zu lesen.

Grundsituation der Erzählung: Die gelernten Histo-riker Dr. Heiko Rüdesheimer, Dr. Katharina Breiten-bach und der Magister Artium-Absolvent Sebastian Podbielski haben nie einen richtigen Einstieg ins Berufsleben gefunden. Sie treffen sich jetzt regelmäßig im Emser Eck, einer fiktiven Kneipe, für die es in Nord-Neukölln immer noch reale Vorbilder gibt. Bald merken sie, dass sie längst nicht nur ihr Interesse für Milieustudien in das Bierlokal führt: Sie sind vielmehr zutiefst deprimiert über die niederschmetternde Realität ihrer Existenz. Sie empfinden ein erbärmliches Gefühl der Unwertigkeit und haben die Lust am Leben verloren. Sie leiden gemeinsam an einem tiefgreifenden Minderwertigkeitskomplex, der durch das Hartz IV-System noch vertieft wird. Nur im Emser Eck, unter den unvermittelbaren Langzeitarbeitslosen, fühlen sich Katharina, Heiko und Sebastian bei Bier und Futschi nicht ausge-schlossen.

„Hartz IV ist ungerecht und demütigend“, lautet die in der 192-seitigen Erzählung immer wiederkehrende Anklage. Ein Schreiben des Jobcenters reißt Sebastian endgültig die Beine weg: Weil er in seiner „Erklärung zum Einkommen aus selbst-ständiger Tätigkeit“ die Rückerstattung von 54,34 Euro aus der Betriebskosten-abrechnung zu spät und nicht ordnungsgemäß angegeben hat, wird ihm nun ein hartznovelle_thomas pregel_größenwahn-verlagBußgeld von bis zu 5.000 Euro für die Ordnungswidrigkeit angedroht: 5.000 Euro für 54,34 Euro! Sebastian stiftet Katharina und Heiko dazu an, mit ihm ein Manifest zu verfassen. „Dem Mensch wird nicht an sich ein Wert beigemessen. Er hat keinen Wert als menschliche Existenz, sondern muss seinen Wert erst beweisen. Das ist der Hauptfehler des Systems“, heißt es darin.

Welche Forderungen im Pamphlet erhoben werden und wie die Erzählung ausgeht, wollte Thomas Pregel, der selbst in Neukölln lebt, an diesem Abend nicht preisgeben. Nur soviel verriet der 38-Jährige bei seiner Lesung in der Helene-Nathan-Bibliothek: „Ein bedingungsloses Grundeinkommen ist nicht die Lösung.“

Thomas Pregels „Hartznovelle“ ist direkt beim Größenwahn-Verlag sowie im Buchhandel erhältlich. Auf der Homepage des Verlags steht auch eine Leseprobe als pdf-Download  bereit.

=Christian Kölling=

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