„Nicht aufgeben und mit den Kindern reden, reden, reden!“

piekara_uensal_hoops_daz-fachabend jugend-delinquenz_neuköllnWenn Kinder und Jugendliche straffällig werden, spüren die am Strafverfahren beteiligten Fach-kräfte von Justiz, Polizei und Jugendhilfe immer wieder, wie wichtig das familiäre Umfeld ist. Welche Rolle spielt aber tatsächlich die Familie bei der Straffälligkeit? Wie gehen Eltern mit dem delinquenten Verhalten ihrer Kinder um? Gibt es Unterschiede bei Familien mit Migra-tionsgeschichte? Über diese Fragen tauschten sich am vergangenen Mittwoch beim Fachabend „(Mit)Schuldige oder Ressource – Familien- und Angehörigenarbeit bei straffälligen Jugendlichen“ gut 60 Gäste im Deutsch-Arabischen Zentrum in Neukölln aus. Eingeleitet wurde die durch michael piekara_daz-fachabend jugend-delinquenz_neuköllnMichael Piekara (l.), Vorsitzender der Integrationshilfe Berlin-Brandenburg e. V., moderierte Veranstaltung von Dr. Martina Hoops.

Die wissenschaftliche Mitarbeiterin des Deutschen Jugend-instituts stellte ihre Forschungsergebnisse über die Rolle der Eltern und Familienangehörigen bei der Straffälligkeit von Kindern und Jugendlichen vor. Anschließend berichtete Ismail Ünsal, Projektleiter des EJF, aus der Praxis über Chancen und Grenzen der Netzwerkarbeit und verwies dabei auf das Elternnetzwerk im Modellprojekt „Elternbezogene Einzelbetreuung für straffällige Jugendliche mit arabischem Migrationshintergrund“.

Große Einigkeit bestand bei diesem Fachabend, zu dem u. a. der Neuköllner Migrationsbeauftragte Arnold Mengelkoch als Gast gekommen war, dass die Straffälligkeit von Heranwachsenden ein im Regelfall vorübergehendes und in allen Gesellschaftsschichten verbreitetes Phänomen ist: „Jugenddelinquenz ist passa-ger und ubiquitär“, heißt das in der Sprache der Experten. „Die Jugend war noch nie so ausdifferenziert“, erläuterte die Pädagogin Martina Hoops weiter: „Wir müssten eigentlich von ‚Jugenden‘ sprechen.“ Und um ihre Wortschöpfung näher zu begrün-den fügte sie hinzu, dass es ein Unterschied sei, ob die Akademikertochter aus Wilmersdorf im Modegeschäft oder der afghanische Flüchtlingsjunge im Supermarkt auf die für beide gleichermaßen spannende Klautour gingen.

„Die Familie ist als Ort emotionaler Unterstützung und persönlicher Beratung heute besonders wichtig“, sagte Hoops weiter. Auch die neueste Shell-Studie belege: „Jugendliche fühlen sich in der Familie wohl. Das ist grundlegend anders als vor 20, 30, 40 Jahren!“ Große Unterschiede zwischen jung und alt gebe es aber bei-spielsweise in der Wahrnehmung der Kriminalitätsursachen. Während Eltern den schlechten Umgang ihrer Kinder oft für die Delinquenz verantwortlich machten, gäben Jugendliche häufig an, sie hätten eine Straftat „einfach so“, also ohne ein konkretes Motiv oder eine klar benennbare Ursache begangen. „Eltern versuchen, die Taten ihrer Kinder zu rationalisieren“, fasste die Pädagogin ein Ergebnis ihrer Forschungen zusammen. „Nicht hinter jeder Straftat lauert gleich unbedingt eine Gefährdung“, resümierte Hoops. Verfestigte Delinquenz trete vor allem auf, wenn es massive Gewaltbelastung in der Familie, große materielle Belastungen und „Beziehungsprobleme ohne Ende“, wie etwa bei Trennungsfamilien gebe. Der Eintritt der Strafmündigkeit mit 14 Jahren habe so gut wie keine Bedeutung und halte Kinder und Jugendliche nicht wirksam vom kriminellen Verhalten ab. Rechtzeitige institutionelle Hilfe könne dagegen Defizite ausgleichen und zur produktiven sabrina hoops_daz-fachabend jugend-delinquenz_neuköllnBearbeitung der Delinquenz beitragen. „Mit zunehmen-dem Alter der Kinder verliert die Familie aber an Bedeutung“, warnte Dr. Martina Hoops. Ihr dringender Rat, um der Verfestigung von Delinquenz vorzubeu-gen, lautete daher: „Frühzeitig anfangen, konsequent dranbleiben. Nicht aufgeben und mit den Kindern reden, reden, reden!

Deutlich sprach sich Martina Hoops (r.) gegen eine Dramatisierung der Jugendkriminalität aus. „Die Straffälligkeit der Jugendlichen ist sowohl im Bund als auch in Berlin seit Jahren rückläufig“, stellte sie unter Berufung auf einschlägige Statistiken fest. Dr. Andreas Behm, Leiter der Oberstaatsanwaltschaft, der als Zuhörer anwesend war, bestätigte: „Die Delikte Gruppengewalt und Gewalt auf der Straße gehen seit 2007 runter.“ Zwar sei die Zahl der Intensivtäter in der Statistik nicht gesunken, aber es habe einen Rückgang der Straftaten gegeben. Für Berlin ist die aktuellste Übersicht der Antwort auf eine Schriftliche Anfrage des Neuköllner Wahlkreisabgeordneten Joschka Langenbrinck (SPD) aus dem Frühjahr 2014 zu entnehmen.

Ismail Ünsal berichtete anschließend über seine Praxiserfahrungen aus dem von der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft geförderten Modellprojekt „Elternbezogene Einzelbetreuung für straffällige Jugendliche mit arabischem Migrationshintergrund“. Die Migrationsgeschichte wirke sich vor allem bei der ersten und zweiten Generation aus. Migranten der ersten Generation hätten gegenüber ihren Kindern eine schwache Position, weil sie sich nicht so gut auskennen würden. Anschaulich werde dieses Problem beispielsweise, wenn Kinder für ihre Eltern Übersetzungsarbeiten übernehmen müssten und dabei – aus Unwissenheit oder mit Absicht – falsch oder nur unvollständig übersetzen würden. Zudem empfänden arabische Eltern straffälliger Kinder, gerade bei Bagatell-delikten, oft große Scham und Sorge: „Es gibt Fälle in meiner Beratung, da steht sogar die Großmutter in der Tür, während sich bei den wirklich ernsten Fällen die Eltern oft kaum kümmern.“ Drittes Hemmnis für die Beratungsarbeit seien autoritäre Erziehungsmethoden und zu harte Strafen der Eltern. „Kein Mensch sagt: Ich habe ismail uensal_daz-fachabend jugend-delinquenz_neuköllnmein Kind ordentlich vermöbelt und danach ist alles noch viel schlimmer geworden“, klagte Ismail Ünsal (l.) über das fehlende Einfühlungs-vermögen arabischer Väter und Mütter.

Bei langanhaltender Straffälligkeit nähme die Resignation wie bei allen anderen Eltern zu, stellte der Familienberater fest: „Wir müssen zu unseren arabischen Eltern ein persönliches Vertrauensverhältnis aufbauen, um bei der Arbeit erfolgreich zu sein. Vieles erledigen wir am Telefon und sind über Handy fast immer zu erreichen.“ Hilfreich für die Arbeit seien zudem gute Kontakte zur AG Migration der Polizei. Die größte Herausforderung für das Elternnetzwerk sei es, in Zukunft mehr Selbstmelder zu gewinnen. Arabische Eltern, betonte Ünsal, können sich an das Netzwerk wenden, wenn ihr Kind selber Opfer einer Straftat geworden ist, mit der Polizei zu tun hat oder vor Gericht muss.

=Christian Kölling=

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Eine Antwort

  1. Ich mag ja nur einen geringen Einblick haben, aber reden, reden taten in meiner Dienstzeit die Sozialarbeiter, Übersetzer oder wir Lehrer, während die Täter dabei saßen und schwiegen, allenfalls wortkarg alles durchstanden, so als ob sie von einem Anwalt beraten worden wären.

    Und die Eltern der Täter? Da gibt es mehrere immer wiederkehrende Reaktionen:
    – Die einen brausten auf, empfahlen Gewalt und übten sie aus.
    – Einige bedrohten sogar die sie informierenden Lehrer mit Klagen.
    – Die anderen Eltern waren wissende „Mittäter“ und logen.
    – Und noch andere waren regelmäßig unerreichbar. (Davon gab es vielfältigste kaum nachprüfbare Varianten!)

    Eltern von Opfern wollten leider zu oft keine Anzeige erstatten, waren auch nicht dazu zu überreden. Sie meinten, damit ihr Kind zu schützen, was auch vielfach nachvollziehbar war.

    Für meine Anmerkung hatte ich plötzlich einige Fälle wieder vor den Augen:
    Drogendelikte, Versicherungsbetrug, Erpressung von Mitschülern, Diebstahl im Praktikum, Kaufhausdiebstähle auf Bestellung … (Deutscher, polnischer, türkischer, syrischer, palästinensischer Täter und Täterinnen)
    richard

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