Ist die Neuköllner Kreativwirtschaft mehr als eine zu vernachlässigende Größe?

(v. l.: Clemens Mücke, Mareike Ulman, Tobias Losekandt, Anja Kofbinger, Notker Schweikhardt)

(v. l.: Clemens Mücke, Mareike Ulman, Tobias Losekandt, Anja Kofbinger, Notker Schweikhardt)

„Das große Geld wird in der Kreativ-wirtschaft noch nicht gemacht“, schickte Dr. Susanna Kahlefeld, Mitglied der Grünen-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus, gleich zu Beginn des Kiezgespräches „Bunt, kleinteilig und international – Krea-tivwirtschaft in Neukölln“ voraus. Zu diesem hatte sie vorgestern zusammen mit ihrer Parteikollegin Anja Kofbinger ins Café DOTS in der Weserstraße ein-geladen. Besonders in den letzten fünf Jahren hätten sich aber laut einer im Okto-ber 2014 vorgestellten Studie immer mehr Unternehmen der Bereiche Designwirtschaft, Software/Games/IT, Kunstmarkt, Film-wirtschaft oder Mode im Norden Neuköllns niedergelassen. Und: „Mehr als 50 Prozent sagen, dass sie von ihrem Unternehmen leben können“, gab Kahlefeld zu bedenken. Sollte die Kreativwirtschaft also mehr als eine zu vernachlässigende Größe sein, für die sie manche Kommunalpolitiker noch immer halten? Darüber wollten die beiden Parlamentarierinnen mit Clemens Mücke von der Wirtschafts-förderung Neukölln, Tobias Losekandt vom Kreativnetz Neukölln, Mareike Ulman vom Fashion-Label format und Notker Schweikhardt, Sprecher für Kultur- und Kreativwirt-schaft laden vermietet_neuköllnim Abgeordnetenhaus, sowie mit rund zwei Dutzend Besuchern diskutieren.

„Die günstigen Mieten, die immer ein Plus für Neukölln waren, sind immer mehr zum Unsicherheitsfaktor geworden“, stellte Tobias Losekandt fest, der die Kreativen im Bezirk vernetzt und berät: „Je mehr der Mietendruck steigt, desto schwieriger ist die Struktur zu erhalten.“ Designerin Mareike Ulman, deren Laden namens WESEN in der Weser-straße gleich nebenan ist, pflichtete bei: „Ich konnte mich hier 2011 ansiedeln, ohne großartig zu investieren. Vor kurzem ist unser Haus verkauft worden und ich weiß noch nicht, wie sich die Miete jetzt entwickelt.“ Einige Teile der Produktion befänden sich weiterhin im Ladengeschäft, andere Teile seien aber bereits nach Kreuzberg 4_nemona pop up store_karstadt hermannplatz_neuköllnsowie ins polnische Szczecin ausgelagert wor-den.

Clemens Mücke von der Wirtschaftsförderung Neukölln wies auf langjährige Bemühungen hin, erfolgreiche Akteure der Kreativwirtschaft, wie z. B. die IT-Bürogemeinschaft in Berlin-Neukölln, mit dem Unternehmensnetzwerk Neukölln-Süd-ring e.V., in dem 460 Unternehmen mit 12.000 Beschäftigten vertreten sind zusammenzubringen. Auch der gerade zum dritten Mal erfolgreich durchgeführte NEMONA Pop Up Shop im Karstadt am Hermannplatz sei für das Kaufhaus ebenso wichtig wie für die ausgewählten Mode-Labels, die sich an exklusiven Verkaufsständen im Karstadt-Haus vorstellen könnten. Ebenso begrüßte Mücke alle Aktivitäten, die dazu dienen, unterschiedliche Kundenkreise zusammen zu bringen. So habe beispielsweise der Klunkerkranich auf dem Dach der Neukölln Arcaden Menschen in das Einkaufscenter geholt, die es sonst ignoriert hätten. Und umgekehrt kämen jetzt Kunden aus den Arcaden in den Gemeinschaftsdachgarten, eröffnung_klunkerkranich neuköllndie nicht zum typischen Publikum gehörten.

„Ich freue mich, bisher nicht einmal die Worte Start-up und Wagniskapital gehört zu haben, sondern dass Sie immer von Gründern sprechen“, kommentierte Notker Schweikhardt, dessen Bürgerbüro in Schöneberg ein Container direkt am U-Bahnhof Kurfürstenstraße ist, die Diskussion in Neukölln. Mehr als allgemeine Kritik an der Förderpraxis des Senats, die die Innovativen und Kreativen immer übergehe und stattdessen die Etablierten und gut Organisierten subventioniere, konnte er an diesem Abend allerdings kaum einbringen: „Niemand achtet auf die kreativen Inhalte, alle in Berlin sind nur auf den kommerziellen kurzfristigen Erfolg ausgerichtet.“

Nach einem Kiezgespräch im April war dies bereits das zweite Kiezgespräch mit dem Schwerpunkt Lokale Ökonomie. Zwar ist der Begriff „Soziale und Solidarische Ökonomie“ im Europäischen Recht inzwischen verankert, was wichtig für spätere Projektfördermöglichkeiten ist, doch gibt es in Deutschland kaum den politischen Willen, soziale und solidarische Unternehmen zu unterstützen. Allerdings läuft, wie Clemens Mücke (r., neben Susanna Kahlefeld) erwähnte, seit dem 1. September das kahlefeld_muecke_grünen-kiezgespräch kreativwirtschaft neuköllnProjekt „Neukölln²“, für das das Neuköllner Bezirksamt Fördermittel in Höhe von fast 2 Millionen Euro aus dem Bundesprogramm Bil-dung, Wirtschaft, Arbeit im Quartier (BIWAQ) akquirieren konnte. Das bis Ende 2018 laufende Programm richtet sich an Unternehmen der Kreativ-, Mode und Kulturwirtschaft sowie Ein-zelhandelsunternehmen an der Sonnenallee, außerdem an Eigentümer und Projektentwickler von Schlüsselimmobilien in der Karl-Marx-Straße, wozu u. a. die Alte Post und das ehemalige C&A-Gebäude gehö-ren. Näheres zum BIWAQ-Programm in Neukölln soll in Kürze der Öffentlichkeit vorgestellt werden, wie Clemens Mücke am Schluss der Veranstaltung erklärte. Wir werden berichten.

=Christian Kölling=