Süßes und Praktisches nach einem Abend mit schwerer Kost

sarglager_markaz islamische bestattungen_neuköllnEs ist eine schwierige Entscheidung, die die Abgeordneten des Bundestages in genau einem Monat treffen wollen, denn es geht um Leben und Tod. und um die im Grund-gesetz verbriefte Würde des Menschen. Oder genauer: Darum, ob und wie künftig in Deutschland das Sterben durch Sterbehilfe, der assistierte Suizid, juristisch geregelt werden soll.

Die Genezareth-Kirche war gut und von Menschen ver-schiedenster Altersgruppen besucht, als kürzlich in ihr dieses komplexe Thema im Rahmen der Reihe Kirche eine Stimme geben behandelt wurde; die Neuköllner Bun-destagsabgeordneten Christina Schwarzer (CDU) und Dr. Fritz Felgentreu (SPD) waren nicht darunter. Auf dem Podium hatte neben Gemein-depfarrerin Ingrid Schröter der evangelische Theologie-Professor Dr. Notger Slenczka Platz genommen. Er habe seinen Zivildienst in der Altenpflege abgeleistet, berichtete er und beugte so der Annahme vor, dass seine Meinung zum Themenkomplex einzig auf schröter_slenczka_genezareth-kirche neuköllnTheorie und religiöser Grundhaltung beruht. Überhaupt, gab Notger Slenczka (r.) gleich zu Beginn zu bedenken, „ist alles Abstrakte letzt-lich Quatsch, weil die Einzelfälle hochkompliziert sind.“

Wie aber kommt man zu einem Pro oder Contra in Sachen Sterbehilfe? Wie geht man mit ethi-schen Fragen um? Und wie mit dem „Gewissen, das sich noch vor der Entscheidung mit einem Gefühl statt mit Zitaten aus einem Ethik-Buch oder der Bibel meldet“? Auf dieses Gefühl, riet der 55-Jährige, solle man achten. „Stellen Sie sich mal vor, ein sehr guter Freund, der einen Tumor hat und sein Ende autonom gestalten möchte, käme zu Ihnen und würde sagen: ‚Komm, hier is’n Messer!‘ Würden Sie sofort sagen: ‚Machen wir!‘?“, bat Slenczka zum Gedankenspiel. Oder würde man sich bereiterklären, einem Todkranken ein Glas mit einem Giftcocktail zu mixen, das dieser selber zum Mund führt? Beihilfe zur Selbsttötung sei in Deutschland seit 1998 legal, wies der Theo-loge taufbecken_genezareth-kirche neuköllnhin. „Ärzte dürfen diese Beihilfe aber gar nicht leisten, weil sie helfen müssen, sobald der Patient in Bewusstlosigkeit fällt, und für alle anderen hat das juristische Recht eine ethische Komponente, die zum Zögern führt, weil das Leben ein sehr hoher Wert ist.“ Mehr noch sei „zu leben für religiöse Menschen ein Akt des Ge-horsams“.

Weshalb also überhaupt nun ein Gesetz zur Regelung der Sterbehilfe – auch vor dem Hintergrund, dass das Unterlassen von lebensverlängernden Maßnahmen, früher „passive Sterbehilfe“ genannt, durch eine Patientenverfügung abgelehnt werden kann? „Die neue Gesetzgebung zielt auf die Abschaffung und Verhinderung der ge-werblichen notger slenczka_genezareth-kirche neuköllnSterbehilfe“, unterstrich Slenczka. Das sei beispielsweise in der Schweiz, wohin mancher Todkranke aufgrund der hierzulande noch vorherr-schenden Rechtsunsicherheit seine vorletzte Reise antritt, nicht anders: „Deshalb treten Sterbehilfeorga-nisationen dort als Vereine und nicht als Gewerbe mit Gewinnabsicht auf.“ Die Folge einer liberalen Gesetzgebung in Deutschland könne sein, dass der Suizid zur Kassenleistung wird, die andere Option wäre, jede Art von organisierter Beihilfe zum Suizid zu verbieten: „Ich halte es für einen gefährlichen Weg friedhof koppelweg britz, berlin-neukölln, tag des friedhofs 2012der Gesellschaft, Suizid zu bejahen. Der Tod darf nicht eine Option neben dem Leben sein.“

Das Leben ist nicht mehr zumutbar und lebenswert: „Wer entscheidet, welches Leben lebenswert ist?“, fragte der Professor der Humboldt-Universität ins Publikum. „Was in der Gesellschaft nicht funktioniert, ist das Akzeptieren von Angewiesenheit“, entgegnete ein Zuhörer. „Man will niemandem zur Last fallen, aber warum eigentlich nicht?  Weshalb fällt es vielen so schwer zu akzeptieren, genezareth-kirche neuköllnvon anderen Hilfe zu emp-fangen?“ Es fehle das Ver-trauen, dass jemand gerne hilft und die Gesellschaft trägt, äußerte Pfarrerin Ingrid Schröter. Zudem, ergänzte sie schmunzelnd, fehle das Bewusstsein dafür, „dass jeder von Anfang an eine Zu-mutung ist.“

Sie habe schon Freunde beim Sterben begleitet und dabei die Möglichkeiten der Palliativmedizin schätzen gelernt, lenkte eine Frau aus dem Publikum wieder zum Kernthema des Abends: „Trotzdem bin ich dafür, die Rechtslage bei der Sterbehilfe für Ärzte zu erleichtern.“ Dass Sterbende in der Situation des assistierten Suizids vollkommen sich selber überlassen sind, damit ingrid schröter_notger slenczka_genezareth-kirche neuköllnsich der Arzt nicht strafbar macht, rühre sie an, erhielt sie Unterstützung von einer anderen.

Selbstverständlich kam Prof. Dr. Notger Slenczka nicht umhin, die Frage nach seiner ganz persönlichen Einstellung zum Suizid beantworten zu müssen: „Ich hoffe, dass ich persönlich es in einer scheinbar ausweglosen Situation nicht täte, sondern auch dann noch das sichere Gefühl hätte, dass alle Dinge mir zum Guten dienen und ich vertrauensvoll nehmen kann, was mir zugespielt wird.“ Für seinen Beitrag zu dem „Abend mit schwerer Kost“, der reichlich Denkanstöße lieferte, bedankte sich Pfarrerin Schröter mit Süßem und Praktischem bei dem passionierten Radfahrer: Eine Luftpumpe und ein Glas Neuköllner Honig steckten in einem Stoffbeutel mit dem Aufdruck „Neukölln macht glücklich“.

Am 13. November letzten Jahre begann das, so Bundestagspräsident Norbert Lammert, „vermutlich anspruchsvollste Gesetzgebungsprojekt dieser Legislaturperiode“ mit einer emotionalen, vierstündigen Debatte über Sterbehilfe. Über die vier fraktionsübergreifend ausgearbeiteten Geset-zesentwürfe wurde Anfang Juli diskutiert. „Die Lesung der Gesetzentwürfe und Verabschiedung ist für den 5. oder 6. November vorgesehen“, teilte Sebastian Hübers vom Bundestagsbüro des Neuköllner Abgeordneten Fritz Felgentreu mit.

=ensa=

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