„Aktion N!“ entreißt Fakten aus der Neuköllner Vergangenheit dem Vergessen und bringt sie auf die Bühne

aktionN flyer_heimathafen neuköllnIn Neukölln lagerten die „Judenmöbel“ im Saalbau: Dieser Satz findet sich in dem 1990 erschienenen Buch „Saalbau Neukölln. Vom Ballhaus zum Kulturzentrum“ und brachte Stefanie Aehnelt und Julia von Schacky vom Heimathafen Neukölln auf die Idee, darüber einmal – zusammen mit Neuköllnerinnen und Neuköllnern – ein Stück zu machen, um es in ihrem Theater im früheren Saalbau Neukölln aufzuführen: Letzten Freitag hatte „Aktion N! – ein Neuköllner Unter-suchungsausschuss“ nach monatelanger Vorbereitung mit umfangreichen histori-schen Recherchen und etlichen Proben im ausverkauften Saal des Heimathafen Neukölln Premiere. Dort, wo AktionN_04(c)VerenaEidel_Heimathafen Neukoellnfrüher die „Judenmöbel“ lagerten.

Anfang des Jahres war es, als Aehnelt und von Schacky dazu aufriefen, gemeinsam mit ihnen in Archiven zu recherchieren und das Stück zu erarbeiten. Menschen ganz unterschiedlichen Alters und verschiedenster Interessen meldeten sich. Manche lockte mehr der Spaß am Theaterspielen, andere waren primär auf das Forschen in der Historie aus. Intensiv recherchierten dann alle in Archiven in Berlin und Potsdam und AktionN_01(c)VerenaEidel_Heimathafen Neukoellnnahmen auch Kon-takt zu dem Histo-riker Prof. Wolfgang Dresen auf. Denn: So viel über den Holocaust veröffentlicht wurde, über die Verwertung des Vermögens jüdischer Bürger nach deren Deportation ist allgemein wenig bekannt. Noch heute finden sich in vielen deutschen Familien mehrmals vererbte Möbel-stücke und ähnliches, was ehemals aus jüdischen Besitzern gehörte. Naheliegend, dass man daraus Legenden strickte („Das stammt noch von unserem Ur-großvater“) oder einfach nicht näher nachfragte, wie der Gegenstand in den Besitz AktionN_06(c)VerenaEidel_Heimathafen Neukoellnder Familie gekommen ist. Doch nicht nur wertvolles Hab und Gut deportierter Juden kam in den Handel, nein, auch Alltagskleidung und Haushaltsutensilien wurden veräußert. Und was besonders perfide  und vielen – wie auch mir – unbekannt war: Juden mussten selber vor ihrer Deportation ihren Besitz detailliert in AktionN_08(c)VerenaEidel_Heimathafen NeukoellnInventarlisten aufführen.

Wie normal bei solch einem Langzeitprojekt, kamen auch bei den „Aktion N!“-Vorbereitungen mal neue Interessierte hinzu, während andere absprangen. Letztlich blieben sieben Frauen und ein Mann für die Bühne. Da manche zuvor noch niemals im Rampenlicht gestanden hatten, wird im Stück auf Schauspiel weitestgehend ver-zichtet. AktionN_02(c)VerenaEidel_Heimathafen NeukoellnAuch treten alle in ihrer Alltagskleidung auf, was verdeutlichen soll, dass hier die Menschen als sie selber agieren und keine Rollen spielen.

Die Biographien von vier jüdischen Familien und einem alleinstehenden Mann aus Neukölln, deren Hausrat zweifelsfrei im Saalbau Neukölln gelagert wurde, werden in „Aktion N!“ erzählt. Die biographischen Details sind der Recherche der Projektteilnehmer zu verdanken; der Titel „Aktion N!“ greift die Bezeichnung auf, die die Nationalsozialisten der Erfassung und Verwertung des AktionN_07(c)VerenaEidel_Heimathafen Neukoellnjüdischen Besitzes als Tarnnamen gaben.

Die acht Mitwirkenden geben in dem Stück aber auch ihre eigene Motivation, sich mit diesem Aspekt der Aufarbeitung der NS-Geschichte zu beschäftigen, preis. Sie spekulieren, wie sie sich wohl selber in der Nazi-Zeit verhalten hätten, oder berichten, wie in ihrer Familie mit diesem Kapitel der deutschen Geschichte umgegangen wurde. Letzteres regt auch das Publikum an, sich Gedanken darüber zu machen. Das Ergebnis ist eine sehr gute Inszenierung, die auf eine klischeehafte Einteilung in Gut und Böse gänzlich verzichtet und in vielen AktionN_09(c)VerenaEidel_Heimathafen NeukoellnPassagen einfach nur aufzeigt, wie pervers die Ver-wertung jüdischen Vermögens in ihrer Perfektion und Akribie ablief.

Doch auch emotional berührende Momente finden sich in dem Stück genügend. Besonders sticht dabei eine Szene hervor, bei der die Mitwirkenden mit dem Rücken zum Publikum stehen, so selber zum Publikum werden, und auf die Leinwand schauen, die die wohl bekannteste Szene aus dem 1942 entstandenen NS-Propagandafilm „Die große Liebe“ zeigt. In dieser singt Zarah Leander in einem bombastischen Bühnenbild ihr berühmtes Lied „Ich weiß, es wird einmal ein Wunder gescheh’n“. Ebenso groß kann die emotionale Wirkung bei den Zuschauern ausfallen, wenn die Namen der jüdischen Bürger, deren Besitz hier einst gelagert worden ist, ganz schlicht an die Wände des Saals geschrieben werden. Auch die Einspielung des Skype-Gesprächs, das Stefanie Aehnelt mit dem 90-jährigen aktion n_heimathafen neuköllnHolocaust-Überlebenden Alfred Schorn führte, der seit Jahrzehnten in den USA wohnt, dürfte kaum jemanden unberührt lassen.

„Ich kann nicht sagen, dass ‚Aktion N!‘ sich für mich gut angefühlt hat, aber es war wichtig“, resümiert Eva Lange-Müller, eine der Mitwirken-den, zum Ende des zweistündigen Stückes. „Jeder Stolperstein wird jetzt gelesen.“

Weitere Vorstellungen von „Aktion N!“ sind am 25. und 26. September sowie am 9., 10., 28. und 29. Oktober jeweils um 20 Uhr im Heimathafen Neukölln. Im Eintrittspreis von 16 Euro (erm. 11) ist 1 Euro als Spende enthalten, um von dem Erlös Stolpersteine für Simon Luft, Erna und Willy Pese, Paul Leske sowie Hedwig und Emil Wolff zu finanzieren.

Als Begleitprogramm zur Theaterproduktion wurde vom Projekt Route 44 des Kultur bewegt e. V. die Führung „Auf den Spuren der NS-Zeit“ ent-wickelt. Sie findet am 26. September um 12 Uhr erneut statt; Treffpunkt ist am Heimathafen Neukölln.

=Reinhold Steinle=

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