Einblicke in das Leben im Hof der Sorgen und die Arbeit der Perlen von Neukölln

haus arnold fortuin_neukölln„Die Geschichten halten fest, was keinem Menschen zuzumuten ist.“ Mit diesem Satz beginnt Eva Ruth Wem-mes Buch „Meine 7000 Nachbarn“, bevor es überhaupt richtig anfängt. Die gebürtige Westfälin lebt in Berlin und arbeitet seit 2011 als Kultur- und Sprachmittlerin für Roma in Neukölln. Für das im Verbrecher Verlag erschienene Buch hat sie ihre Erfahrungen mit Migranten niederge-schrieben, von denen heute – angesichts der aktuellen Flüchtlingssituation – kaum noch jemand spricht, die aber lange als Synonym für Integrationsprobleme, Armut, Sozialschmarotzerei und Kriminalität standen.

Eva Ruth Wemme ist es jedoch wichtig, auch einmal den Fokus auf die andere Seite dieser Medaille zu richten – und das tut sie als Ich-Erzählerin in einer so lakonischen wie bildhaften Sprache, die äußerst untypisch für ein Sachbuch ist. Die Inhalte, die sie in vielen kleinen Episoden vermittelt, die den Menschen zwar keine Gesichter, aber doch Namen und Biografien meine 7000 nachbarn_eva ruth wemme_verbrecherverlag berlingeben, lassen allerdings kaum eine andere Genre-Zuordnung zu.

Es geht der Autorin um Einblicke in das Leben der Roma und die verschiedenen Aspekte des Umfelds, in dem sie sich bewegen: Behörden, soziale Einrich-tungen, Schulen und Kitas. „Wir sollen nicht sagen, dass wir schlecht ausgebildet sind, wir sollen die Perlen von Neukölln sein, die das Romaproblem lösen. (…) Aber die Wahrheit ist, dass wir nicht wissen, was wir tun sollen“, klagt eine Kollegin von Wemme, die – wie alle beruflich Involvierten – „täglich gegen den Beton irgendwelcher Stellen“ anrennt, die im Recht seien. „Ich möchte fünf Minuten lang in der heilen Welt sitzen“, sie müsse sich von ihrem Land erholen, veranschaulicht die Autorin die Frustration und Erschöpfung, die mit ihrem Job im „Hof mit den Sorgen“, wo viele Roma wohnen, einhergeht. Verursacht durch einen lebensfeindlichen Dschungel aus Ausbeutung und Raffgier, prekären Ver-hältnissen, Desinformation und Bildungsferne, einem angespannten Wohnungs-markt, haus arnold fortuin neuköllnphysischer und psychischer Gewalt, Diskrimi-nierung, Arbeitslosigkeit und nicht zuletzt die Büro-kratie an sich.

Statt auf plumpe oder gar einseitige Schuldzuweisun-gen zu setzen, hält Eva Ruth Wemme den Lesern einen Spiegel vor, um mit Vorbehalten und Stereo-typen zu konfrontieren, die alle Individuen zu einer breiten Masse machen. So zeichnet sie mit „Meine 7000 Nachbarn“ kein harmonisches Bild, sondern kreiert ein lesenswertes Mosaik, das Tatsachen, Sorgen und strukturelle Hindernisse entlarvt und thematisiert. „Ich kenne Suzana mit Kopftuch und langem Rock“, schildert sie eine äußerst bezeichnende Situation. „Jetzt hat sie eine Hose und einen Anorak an. Sie möchte an diesem Abend nur eine arme Frau sein, keine arme Romni aus Craiova.“ Geldgier, hält Eva Ruth Wemme fest, sei ihr bei Roma „eigentlich nie begegnet. Not schon.“

Am 19. September liest die Autorin ab 19 Uhr im Neuköllner Leuchtturm (Emser Straße 117) aus ihrem Buch „Meine 7000 Nachbarn“; Eintritt frei.

=ensa=

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