Ein Museum des Lebens und der Verbindung zwischen Menschen und Objekten

museum neukölln ganghoferstraßeEs war 1985, als Dr. Udo Gößwald die Leitung des damals noch in der Ganghoferstraße angesiedelten Heimatmuseums Neukölln übernahm. Dorothea Kol-land war seinerzeit bereits seit vier Jahren Chefin des Neuköllner Kulturamts. Sie habe den Keim dieses Museums gepflanzt, erinnerte sich Gößwald an den Beginn der gemeinsamen Arbeit an der Neukonzeption des Museums vor 30 Jahren. Am vergangenen Sams-tag feierte es, seit 2004 auf das Präfix „Heimat“ verzich-tend und 2010 auf den Gutshof Britz umgezogen, das Jubiläum und lud dazu ein, die Historie aus musealer Sicht Revue passieren zu lassen.

Begonnen wurde der Abend mit Führungen durch das Museum. Dr. Udo Gößwald zeigte den Besuchern dabei außer den Büros der Mitarbeiter auch den Geschichts-speicher, Büroraum Museum Neuköllnder sich direkt unter dem Dach befindet. Geschichtsspeicher Museum NeuköllnNach vorheriger Anmeldung steht er allen öffen, die sich hier näher mit historischen The-menfeldern über Neukölln beschäftigen wollen.

Vor der Begrüßungsrede von Kulturstadtrat Jan-Chris-topher Rämer bat das Estrel-Azubi-Projekt Schloss Britz ans estrel-azubi-projekt schloss britz_sieben koestlichkeiten_30 jahre museum neukölln„Sieben Köstlichkeiten“-Büffet, das namentlich Bezug auf „Die sieben Tische“, estrel-azubi-projekt schloss britz_sieben köstlichkeiten_30 jahre museum neuköllndie aktuelle Sonderausstel-lung im Museum, nahm.

Wie alle Redner an diesem Abend, hob Rämer hervor, dass dem bezirklichen Mu-seum 1987 der Museumspreis des Europarates zugesprochen wurde. „Es ist seitdem das einzige Museum in Berlin, das diese Auszeichnung erhalten hat“, merkte er an und ging außerdem auf die Diskussionen im Vorfeld des Umzugs nach Britz ein. Er resümierte, dass „die Hoffnungen und Jan-Christopher Rämer_30 Jahre Museum NeuköllnErwartungen am neuen Standort weit übertroffen“ wurden.

Seinen Dank an Museumsleiter Gößwald und die Mit-arbeiter äußerte Jan-Christopher Rämer (l.) schließlich nicht nur mündlich, sondern auch in Form eines Geschenks, das er, wie er erzählte, in einem Bücher-schrank seines Amtssitzes gefunden hatte: Ein dicker Wälzer mit Schwarz-Weiß-Aufnahmen aller Neuköllner Schulgebäude in den 1960er Jahren. Als Schulstadtrat, der er auch ist, bat Rämer, dass das Katharina Bieler_30 Jahre Museum NeuköllnMuseum doch dem zweiten Band des Buches „Schulreform“, der die Spanne von 1945 bis 1972 umfasst, einen dritten hinzufügen möge.

Die etwa 250 Besucher wechselten danach hinüber in den Kulturstall, wo die Leiterin des Kulturamtes, Dr. Katharina Bieler (r.), ihre Festrede hielt. Sie erinnerte daran, dass in den vergangenen 30 Jahren insgesamt rund 40 Publikationen vom Museum Neukölln heraus-gegeben wurden, bescheinigte Gößwald ein Gespür für spannende Ausstellungsthemen und wies auf das Leit-prinzip Udo Gößwald_Museum Neuköllnseiner Arbeitsweise hin, „die emotionale Bin-dung eines Mensches an ein Objekt aufzuzeigen“.

Darauf ging Dr. Gößwald in seinem Vortrag, der unter dem Motto „Ein Museum des Lebens“ stand, noch näher ein. Zuvor aber dankte er, begleitet vom Beifall der Besucher, der anwesenden ehemaligen, langjährigen Kulturamtsleiterin Dorothea Kolland.

Mithilfe von Photos und kleinen Filmsequenzen rief der Museums-Chef eine Vielzahl von Ausstellungen wieder ins Gedächtnis, die am alten und neuen Standort gezeigt wurden. Doch auch den Ball bzw. Puck, den der aktive Eishockeyspieler Jan-Christopher Rämer ihm zugepasst hatte, als er einen sehr persönlichen Bezug zwischen der Dauerausstellung 99 x Neukölln und dem kanadischen Eishockystar Wayne Gretzky 99xneukölln_museum neukölln_foto friedhelm hoffmannherstellte, der immer die Rückennum-mer 99 trug, nahm Gößwald auf. Anhand des Expo-nats Kleiderbügel verdeutlichte er die Arbeitsweise des Museums, die stets darauf ziele, Verbindungen zwischen Menschen und Objekten aufzuzeigen und Impro Theater_30 Jahre Museum Neuköllnzu veranschaulichen, wie Eines zum Anderen führt. Dass dabei das Thema Immigration künftig eine ebenso große Rolle wie in der Vergangenheit einnehmen wird, daran ließ Dr. Udo Gößwald in seinem Vortrag keine Zweifel.

Mit der sehr kurzweiligen und amüsanten Vorstellung der Improvisationstheaters Hidden Shakespeare aus Hamburg wurde dieser Abend beendet, die Geschichte des Neuköllner Museums wird aber weitergehen.

Die anlässlich des Jubiläums erschienene Festschrift „Passagen – Das Museum Neukölln 1985 – 2015“ kann zum Preis von 6 Euro im Museum Neukölln erworben werden.

=Reinhold Steinle=

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Eine Antwort

  1. Die Suche nach Merkmalen der idealen Schule stand 1993/94 im Zentrum der Jahresausstellung des Museums. Sie war bestückt mit einmaligen Dokumenten aus der „großen Zeit“ der Neuköllner Schulreformen vor 1933 und mit den wichtigsten Schulmodellen der Zeit 1945-1972 und einer einzigen Planung für eine dann nicht gebaute ökologischen Schule. Schön, dass sich 2015 der neue Stadtrat wieder für die Arbeit von damals interessiert und die Weiterführung vermisst. Doch wo sind heute die Schimmang, Korthaase, die leitenden Schulräte und die Forschung, die damals die ungeheuere Arbeit erst ermöglichten?

    Auch die beiden Bände zur Neuköllner Schulgeschichte konnten nur bis 1972 geführt werden, weil die folgenden Jahre sehr streitbefangen waren und nur interessengebunden dargestellt wurden. Eine Fehlerkultur gab es praktisch nicht. Die GEW war links und gespalten und der Beamtenbund galt weithin nur als reaktionär. Die späten 70er waren auch die Jahre in denen die Kinder der „Gastarbeiter“ kamen oder schulpflichtig wurden, eine Zeit, in der die Schulen sich zwangsläufig massiv ändern mussten. Nichts darüber ist bisher dargestellt worden.

    Elternarbeit mit migrantischen Müttern und eine Jenaplanschule, um nur zwei Neuerungen zu nennen, wären zu bearbeiten genauso wie Erfahrungen mit dem Ganztagsunterricht und den Integrationsklassen. Vierzig Jahre schon könnte ein dritter Band Schulgeschichte Neukölln umfassen. Dass es die ideale Schule nicht geben kann, wissen alle, doch die Suche nach Verbesserungen wird immer eine lohnende Arbeit sein, die Erfahrungen aufnimmt und bereit ist, aus Fehlern zu lernen. Hoffen wir, dass die dringenden Alltagsfragen diese Arbeit nicht weiterhin völlig beiseite schieben.
    Richard

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