Nach 30 Jahren: Das Aus der Buchhandlung SoSch

sosch buchhandlung_gropius-passagen_neuköllnAm Heiligabend endet eine Ära, die 1985 begann, als dort, wo seit 1996 die Gropius Passagen sind, noch ein Einkaufszentrum mit nur 40 Ladenpavillons stand. In einem davon hatte Sonja Schwestka-Krause, die 1980 der gropius passagen_neuköllnLiebe wegen von Österreich nach Berlin gekommen war, eine Buchhandlung eröffnet – auf gerade mal 36 Quadratme-tern.

Heute hat die Buchhandlung SoSch 629 Quadratmeter Ver-kaufsfläche. Und zu dieser, die strategisch günstig nahe dem Haupteingang liegt, gehören außerdem drei Räume im Kellergeschoss. „Der 24. Dezember ist unser letzter Verkaufstag“, sagt Sonja Schwestka-Krause. Danach wird das Objekt geräumt, um es pünktlich am 11. Januar an den Vermieter übergeben zu können. „Wir arbeiten jetzt also auf die Schließung hin“, formuliert die 57-Jährige die aktuelle Situation. Es klingt rational, was wiederum zum Statement passt, dass sie ja damals, 1998, bei der Anmietung des Ladens niemand ge-zwungen buchhandlung sosch_gropiuspassagen_neuköllnhabe, den Vertrag zu unterschreiben, der dem Vermieter ein „Sonderkündigungsrecht ein-räumt, wenn die Fläche anderweitig benötigt wird.“

Über ein Vierteljahr ist vergangen, seit dieses Damoklesschwert zugeschlagen hat: „Im April ist für mich gleich zweimal die Welt zusammen-gebrochen, am Ende des Monats kam die Kündi-gung, sonja schwestka_buchhandlung sosch_neuköllnund kurz vorher war mein Mann gestorben.“ Da falle man erstmal in eine Schockstarre. Aber die hat sich inzwischen gelöst, musste sich lösen, um „ohne größeren Schaden aus allem raus zu kommen.“ Bei Verlagen, die Unverkauftes nicht zurückneh-men, wird nun nichts mehr bestellt. Lesungen werden auch nicht mehr stattfinden. Unter dem Umsatz-Aspekt seien die ohnehin nie interessant gewesen, sondern nur hinsichtlich der Kundenbindung: „Und dieser Gesichtspunkt fällt jetzt weg.“ Denn die Suche nach einem neuen Laden – und somit ein fünfter Umzug – kommt für Sonja Schwestka-Krause nicht infrage. Vier Mal innerhalb der kalender2016_sosch buchhandlung_gropiuspassagen neuköllnGropius Passagen, weil das Unternehmen wuchs und immer mehr Platz gebraucht wurde, reicht, findet sie. Selbst die vielen „sehr reizenden Stammkunden“, die Hilfe anboten und nach dem Erfahren von der Kündigung das Center-Management mit Beschwerden und geballter Empörung bombardierten,  können an dem Entschluss nicht rütteln. Den 14 Mitarbeitern, die dem Unternehmen seit Jahren oder gar knapp drei Jahrzehnten die sosch buchhandlung_gropiuspassagen neuköllnTreue halten, wurde gekün-digt.

Ebenso unklar wie deren Zukunft ist die von Sonja Schwestka-Krause. Irgendetwas in der Buchbranche wolle sie schon machen, vielleicht Rezensionen schreiben oder Veranstaltungen organisieren, „aber auf keinen Fall wieder Einzelhandel“. Mit dem hatte die promovierte Philosophin allerdings auch vor 35 Jahren nach dem Umzug von Wien nach Berlin nicht viel im Sinn. An der Uni zu arbeiten, sei ihr Plan gewesen, der aber davon durchkreuzt wurde, dass sie nach einem Praktikum in einer Bibliothek an einen Job in einer Buchhandlung kam. „Die Idee, mich selbstständig zu machen, wurde von meinem Mann, der als Steuerberater gearbeitet hat, voll und ganz unterstützt“, erinnert Sonja Schwestka-Krause sich und 25 jahre sosch-buchhandlung_gropius-passagen neuköllnerzählt vom Tag der Eröffnung. Es war der 18. November 1985, ein Montag, und sie habe noch nicht mal Wechselgeld in der Kasse gehabt, als die ersten Einnahmen kamen: „Der Laden ist gleich total eingeschlagen. Das bewies mir, dass ein Bedarf für eine allgemeine Sorti-mentsbuchhandlung buchhandlung sosch_gropius-passagen_neuköllnda ist, und daran hat sich bis heute nichts geändert.“

Drastisch geändert habe sich aber die grundsätzliche Situation in den Gropius Passagen, die vor knapp vier Jahren an die Management für Immobilien (MfI) AG verkauft wurden, die ebenfalls Besitzerin der Neukölln Arcaden ist. „Seitdem wurde es im Center immer schwie-riger, weil das für Kunden immer unattraktiver wurde“, gropius-passagen neuköllnbeschreibt Sonja Schwestka-Krause die Lage. Wegen der lange geplanten Umgestaltung, die jetzt in vollem Gange ist, seien nur noch kurzfristige Mietverträge abgeschlossen worden: „Das Ergebnis ist ein gewollt hoher Leerstand.“ Die Auswirkungen sind rückläufige Umsätze, nicht nur bei gropius passagen neuköllnder Buchhandlung SoSch, die natürlich auch dem Internet-handel sowie branchenspezifischen Neuerungen wie E-Books geschuldet seien, ebenso aber der gesunkenen Attraktivität des Einkaufszentrum. Welcher Faktor der entscheidendere ist, will und kann die Buchhändlerin nicht einschätzen. Ins Spekulative müsste sie sich ebenfalls bei einem anderen Punkt versteigen: „Ich kann wirklich nicht sagen, ob bei anderen Mietern das Sonderkündigungsrecht durchgesetzt wurde, und weiß auch nicht, ob sich unsere Kündigung im Center rumgesprochen buchhandlung sosch_gropiuspassagen neuköllnhat.“ Man dürfe sich die Atmo-sphäre dort, wo nur noch wenige inhabergeführte Geschäfte bestehen, nicht wie in einem Dorf vorstellen: „Man grüßt sich und das war’s. Der Einzige, mit dem ich mich austausche, ist der Apotheker.“

Rund 20.000 Titel stehen in den Regalen von SoSch. „Hauptsächlich verkaufen wir Lesefutter, haben aber auch einen sehr großen Kinderbuchbestand“, sagt Sonja Schwestka-Krause. Die Stammkundschaft beschreibt sie als „nicht mehr ganz jung und definitiv keine Hipster“, es seien überwiegend Familien, die in den Hochhäu-sern der Gropiusstadt leben, und das bildungsbürgerliche Klientel aus den Eigenheimsiedlungen. Die nächste Anlaufstelle für die Beschaffung von Lesefutter wird ab dem 28. Dezember die Buchhandlung Leporello in Rudow sein – falls das buchhandlung sosch_gropiuspassagen_neuköllnCenter-Management, das unsere Anfrage unbeantwortet ließ, die SoSch-Ladenfläche nicht an einen der Branchenriesen vermietet.

„Über die Weiternutzung gibt es nur Gerüchte, an denen ich mich nicht beteiligen möchte“, erklärt Sonja Schwestka-Krause. Ihre Energie wird für Wichtigeres gebraucht, vor allem nach Weihnach-ten, wenn der gesamte, etwa 150.000-teilige Warenbestand sortiert, gescannt, verpackt und an die Verlage zurückgeschickt werden muss. Alles, was übrigbleibt, werde an die Mitarbeiter verschenkt oder an gemeinnützige Einrichtungen gespendet. Den Auftrag zum Rückbau der Fläche hat sie dem Vermieter übergeben, weil ihr das als die entspanntere Möglichkeit erschien.

Wenn alles über die Bühne ist, weiß die Geschäftsfrau, die nie ohne Buch ins Bett geht, schon jetzt, werde sie erstmal Urlaub machen. Aus praktischen Gründen mit einem E-Book-Reader im Gepäck, „obwohl ich die Dinger aus unternehmerischer Sicht verfluche, weil die wenig Provision bringen und sogar die Vorführgeräte nicht gestellt, sondern gekauft werden müssen.“ An den Start in die Selbstständigkeit wird Sonja Schwestka-Krause immer der Kassenbon erinnern, den ihre erste Kundin ihr zum 25-jährigen SoSch-Jubiläum in einem Bilderrahmen schenkte.

=ensa=

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