Neuköllner Schiffahrtskanal beim Artenreichtum führend

katamaran solon_historischer hafen berlinZu einer gemeinsamen Bootstour auf der Spree hatten vorgestern Andreas Geisel, Berlins Senator für Stadtentwicklung und Umwelt, sowie der Vorstandsvorsitzende der Berliner Wasserbetriebe, Jörg Simon, knapp 50 Journalisten eingeladen. Anlass der Rundfahrt mit dem völlig emissionsfreien, solarbetriebenen Katamaran Solon, die im Historischen Hafen an der Fischerinsel begann und bis in den Osthafen zum Belüf-tungsschiff Rudolf Kloos ging, das jetzt regelmäßig nachts den Landwehrkanal mit frischem Sauerstoff versorgt: Mitte Juni war es infolge Starkregens zum Überlaufen der Mischwasserkanalisation gekommen, was unmittelbar anschließend zu einem belüftungsschiff rudolf kloos_neuköllner schiffahrtskanalgroßen Fischsterben in Spree und Landwehr-kanal führte. Senator Geisel und Vorstand Simon wollten nun die Öffentlichkeit über aktuelle Maß-nahmen wie den Bau unterirdischer Stauräume in der Kanalisation zur Verbesserung der Wasser-qualität informieren. Wie sieht auf lokaler Ebene in Neukölln die Qualität der Gewässer aus und belüftungsschiff rudolf kloos_berlinwas kann getan werden, damit ein weiteres Fischsterben in Zukunft verhindert wird?

„Die Wasserqualität ist heute nicht mehr der die Fische limitierende Faktor. Vor 30 Jahren hatten wir eine ganz andere Situation, die sich inzwischen deutlich verbessert hat“, erklärte der Fischereibio-loge Jens Puchmüller vom Fischereiamt Ber-lin seinen Fragestellern immer wieder und warb damit für eine differenzierte Betrachtung des Fischsterbens im Juni. In Berliner Gewässern lebten derzeit 38 Fischarten. Fünf neue Arten seien seit 2003 hinzugekommen. Besonders freute sich der Fischereibiolologe, dass im Berliner Stadtgebiet vereinzelt wieder Schmerlen präsent seien, die bis 1920 noch in der Panke nachgewiesen wurden, wegen der zunehmenden Gewässerverschmutzung aber verschwanden. „21 der in Berlin vorkommenden Fischarten konnten in Kanälen nachgewiesen werden“, präzisierte er seine Angaben zu den Fischbeständen im innerstädtischen Bereich. 90 Prozent der Fischpopulation, so Puchmüller weiter, entfielen auf Plötze und Barsch, ebenso maybachufer neuköllnkönnten aber bekannte Arten wie Zander, Aal und Hecht, die nur wenig Sauerstoff benötigten und die monotone Gewässerstruktur vertrügen, in Kanälen gefunden werden. Der Neuköllner Schiffahrtskanal ist mit 14 Fischarten vor Landwehrkanal und Britzer Zweigkanal am artenreichsten. Für alle, die ganz genau wissen wollten, wo welche Fischarten in Berlin anzutreffen sind , hatte Puchmüller eine große, auch online einzusehende Karte aus dem Umweltatlas mitgebracht sowie die ebenfalls als PDF-Download erhältliche Broschüre „Fische in Berlin“ des Fische-reiamtes ausgelegt. „Die Fische flüchten, wenn der Sauerstoffgehalt des Wasser für sie zu gering wird, solange es geht“, betonte der Biologe und wiederholte die in den letzten Jahren immer wieder gemachte Beobachtung des Fischereiamtes, dass die Fischpopulationen in den Berliner Gewässern stabil seien und niemals der ganze jörg simon_andreas geisel_christian gaebler_pressetour spreeFischbestand sterbe.

Senator Andreas Geisel (M.) räumte dem-gegenüber in seiner Begrüßungsrede ein, dass 8 Tonnen organisches und anorgani-sches Material nach dem Starkregenereignis vom 13. Juni aus den Gewässern Berlins beseitigt werden mussten. Während für die Jahre 2003 bis 2012 eine Statistik vorliegt, wie viele Fischkadaver anfielen, wurden für das Jahr 2015 keine aufgeschlüsselten Angaben mehr veröffentlicht. Inoffiziellen Schät-zungen zufolge fielen diesmal 4.000 Kilogramm toter Fische an. „Die Verbesserung der Wasserqualität der Berliner Gewässer ist eine dringende Aufgabe“, bekannte der Stadtentwicklungssenator dann auch folgerichtig. Mit dem Bau weiterer unter-irdischer Stauräume werde das Mischwasser bei Starkregen aufgefangen und zeitverzögert an die Klärwerke weitergeleitet: „Dies führt zu spürbaren Verbesserun-gen der Umweltbelastung sowie zur Stabilisierung des Fischlebens in den Berliner Gewässern“, versprach der Senator. Jörg Simon (l., neben Geisel), Vorstandsvorsit-zender der Berliner Wasserbetriebe, wies auf die Notwendigkeit hin, die „Kana-lisation wetterfest“ zu machen. „Wir reagieren auf zunehmende Witterungsextreme, indem wir unser Kanalsystem intelligenter und anpassungsfähiger machen“, sagte Simon. Neben mehr Stauräumen und einer Erhöhung der Kapazitäten käme es auf pumpwerk schandauerstr_neuköllneine bessere Steuerung und damit optimale Auslastung der Pump- und Klärwerke an.

Kay Joswig, Planer der Wasserbetriebe, konn-te bezogen auf Neukölln bereits ein sehr positives Bild zeichnen: Fünf Maßnahmen, für die das Land Berlin und die Wasserbetriebe mehrere Millionen Euro investierten, konnten im Bezirk schon fast vollständig abgeschlos-sen werden. Angefangen von einem Stauraumkanal inklusive Pumpwerk am Weigandufer über ein Drosselbauwerk und Neubau eines Wehrbauwerkes in der Erkstraße, wurden ein Stauraumkanal unter der Lahnstraße fertiggestellt und drei Regenüberlaufbauwerken unter der Niemetzstraße umgebaut. Letzte Maßnahme, auf die in Neukölln keine weiteren Investitionen mehr folgen werden, ist der Umbau von drei Regenüberlaufbauwerken in der Friedelstraße, der im Lauf des Jahres 2015 vermüllungsprävention neuköllner schiffahrtskanalendgültig fertig gestellt sein soll.

Auch wenn im Jahr 2020 wie geplant in ganz Berlin 300.000 Kubikmeter Stauraum zur Verfügung stehen, sind nach den Plänen des Senats immer noch 10 Überläufe pro Jahr zugelassen. Die Umweltpolitike-rinnen Silke Gebel (Grüne) und Marion Platta (Die Linke) wollen deshalb lieber heute als morgen zusätzlich dezentrale Maßnahmen, um Regenwas-ser bei Starkregen zurückzuhalten. Gebel hatte bereits kurz nach dem Fischsterben im Juni gefordert: „Es müssen Maßnahmen des dezentralen Regen-wassermanagements ergriffen werden, die solche Überläufe verhindern. Das bedeutet, das Regenwasser auf Gründächern oder in Parkanlagen zurückzuhalten, um die Kanalisation zu entlasten.“ Ein Antrag für eine Gründächerstrategie war von Gebel gleichzeitig ins Parlament eingebracht worden. Marion Platte hatte sich schon im März erkundigt, ob die dezentrale Regenwasser-bewirtschaftung in Berlin nur auf dem Papier stünde. „Wie arbeiten die Berliner Wasserbetriebe, bezirklichen Ämter, landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften, anderen landeseigenen Unternehmen mit Gebäudebestand und Grundstücken mit der zuständigen Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt zusammen, um Niederschlagswasser ökologisch und dezentral zu bewirtschaften?“, lautete eine ihrer Fragen. Deren Hintergrund: Um Belastungen der Gewässer zu minimieren könnten Bürger aktiv werden und mit Hauseigentümern Pläne für die Verwendung von Regenwasser schmieden, das z. B. gesammelt und in Trockenzeiten zum müllsack_neuköllner schiffahrtskanalGießen der Straßenbäume verwendet werden könnte. Ebenso seien Projekte zur Nutzung des Regenwassers für WC-Spülungen be-kannt, die zur Verzögerung der Abgabe von Wassermengen in das Kanalnetz führen.

Fazit: Obwohl in Neukölln alle Maßnahmen zur Modernisierung der Kanalisation fast vollstän-dig abgeschlossen worden sind, war das Fischsterben in Neuköllns Kanälen im Juni nicht zu verhindern. Auch wenn alle Sanierungsziele im Jahr 2020 in ganz Berlin erreicht sind, bleibt auf lokaler Ebene immer noch etwas zu tun, um das Umweltbewusstsein zu heben.

=Christian Kölling=

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