Begeisternder Purismus in der Neuköllner Oper

spind_zauberflöte_neuköllner operEin Bühnenbild, das nur aus einem Schrank besteht. Sechs Gestalten, die mit grotesken Bewegungen, in weißen Schutzanzügen und mit aufgesetzten Gasmasken vor das Publi-kum treten. Wüsste man nicht, welches Stück hier gegeben werden soll, auf die berühmte „Zauberflöte“ mit der Musik von Mozart und dem Libretto von Schikaneder würde man niemals kommen. Die Companyia Dei Furbi aus Barcelona gibt mit einer gänzlich ande-ren Inszenierung und A cappella-Interpreta-tion der „Zauberflöte“ derzeit ein Gastspiel in der Neuköllner Oper. Im vergangenen Jahr erhielt sie dafür in Spanien den Premio Max 2014 als beste Musiktheaterinsze-nierung @Zauberflöte_MascaresBis_Neuköllner Operdes Jahres.

Gesungen und gesprochen wird auf Spanisch. Doch mit den Übertiteln in deutscher Sprache, die auf dem hinteren Bühnenvorhang einge-blendet werden, ist es kein Problem der Handlung zu folgen, wenn man den Inhalt der Zauberflöte nicht kennt oder nicht mehr richtig in Erinnerung hat. Schnell nimmt einen das Spiel der sechs jungen Sängerinnen und Sänger gefangen, zieht einen die puristische Darstellung in den Bann. Der spanische @Tamino 3_Neuköllner OperPapageno zeigt eine tolle körperliche Präsenz, man spürt, dass ihm der Schalk im Nacken sitzt. Dazu braucht es kein wunderbares Kostüm, die körperliche und mimische Charak-terisierung der Persönlichkeit seines dramatur-gischen Vorbilds reicht vollkommen.

Witzig wie Pamina urplötzlich im Schrank erscheint. Dazu wird einfach eines der oberen Spindfächer geöffnet, und ihr Bildnis mit den langen Haaren erinnert einen unwillkürlich an die Mona Lisa von da Vinci. Kein Wunder, dass Prinz Pamino da Feuer fängt und sie begehrt. Auch beim Text kommt manchmal Humor durch und erzeugt damit Lacher beim Publikum: So @Suicidi Pamina i Nans bis_Neuköllner Operals es an einer Stelle heißt „Die Königin erinnert sich in C-Moll, als sie in Ohnmacht fällt.“

Ja, man braucht tatsächlich ein Weniges an Bühnenbild, an Requisiten, an Kostümen um die „Zauberflöte“ aufzuführen. Wenn man sie so reduziert wie bei der Companyia Dei Furbi-Produktion, dann enthüllt sie ihre eigene Schönheit. Um die Rollen und ihre Zuschreibung zu verstärken, genügen hier Kopfbedeckungen oder Mäntel – und schon wird damit die Phantasie des Zuschauers angeregt. Und die fehlende Orchestrierung des Stückes? Die vermisst man zu keiner Sekunde in der Aufführung. Der leichte, weiße Vorhang in der Mitte der Bühne wird auf vielfältigste Weise benutzt: zum Verstecken, als Gefängnis, als Durchgang und anderes mehr. Das erinnert an die Fähigkeit von Kindern, mithilfe Zauberflöte2_Neuköllner Operihrer Phantasie aus wenigen Gegen-ständen phantastische Welten entste-hen zu lassen.

Hätte man diese „Zauberflöte“ doch nur in einer puristischen Form belassen. Aber stattdessen wurde beispielsweise mit Halbmasken der Commedia dell’arte gespielt. Und mit Rokoko-Zwergen: Im ersten Moment witzig, doch zu sehr auf Wirkung bedacht, was einfach nicht notwendig gewesen wäre. Und die spannende musikalische Begegnung zwischen Papagena plakat die zauberflöte_neuköllner operund ihrem Pagageno: Leider überinszeniert und cho-reographisch überladen.

Aber lassen Sie sich von diesen Kritikpunkten nicht zu sehr beeindrucken. Die einstündige Aufführung von Gemma Beltrans „La Flauta Magica“ ist absolut sehens- und hörenswert. Am vergangenen Donnerstag war das Gros des Publikums – darunter viele Zuschauer aus Spanien oder spanischsprachigen Ländern und viele, die der Altersgruppe Ü65 angehörten – jedenfalls restlos begeistert. Das Ensemble musste sogar noch eine Zugabe geben. Und auch so etwas erlebt man in der Neuköllner Oper nicht alle Tage: Nach der Vorstellung erprobte sich eine Besucherin im Treppenhaus gesanglich, und erfolgreich obendrein, an den hohen Tönen.

Weitere Aufführungen der Zauberflöte in der Neuköllner Oper vom 23. bis 26., am 30. und 31. Juli sowie am 1. und 2. August jeweils um 20 Uhr. Karten: 13 – 24 Euro; Schüler, Studenten, Auszubildende, Wehr- und Ersatz-dienstleistende sowie Begleitpersonen von Schwerbehinderten erhalten Karten für 9 Euro, Kinder bis 14 Jahre zahlen 5 Euro. (Nur an der Abend-kasse und gegen Vorlage des Personalausweises gibt es ein 3 Euro-Ticket für Inhaber einer Sozialkarte.)
Kartenreservierung: online über die Neuköllner Oper-Website, telefonisch unter 030 – 68 89 07 77 oder via E-Mail an tickets[at]neukoellneroper.de

=Reinhold Steinle=

Advertisements