Die Wohnstruktur galoppiert im Sanierungsgebiet Karl-Marx-Straße/Sonnenallee vorweg, die Infrastruktur hinkt hinterher

luftbild sonnenallee neuköllnEine spannende Veranstaltung kündigte der Leiter des Neuköllner Stadtplanungsamtes, Rolf Groth, den mehr als zwanzig Besuchern an, die vergangenen Dienstag ins Wetzlar-Zimmer im Rathaus gekommen waren. Sie wollten sich aus erster Hand über aktuelle Trends im Gebiet Karl-Marx-Straße/Sonnen- allee informieren, das im März 2011 als Sanierungsgebiet nach dem Baugesetzbuch festgesetzt wurde, in dem für den Zeitraum der Sanierung das Besondere Städte- baurecht gilt. Hans-Jürgen Hempel und Olaf Gersmeier vom Büro für Stadtplanung, Stadtforschung und Stadterneuerung stellten die Ergebnisse ihrer im Auftrag des Bezirkes erstellten Wohn- und Infrastrukturuntersuchung vor, die die Gebietsent-hempel_gersmeier_rathaus neuköllnwicklung von 2008 bis 2013 aufzeigt.

Bereits Ende Juni hatten sie ihre Ergebnisse im Stadtentwicklungsausschuss der BVV Neukölln vorgestellt. Die wichtigsten Befunde der beiden Stadt- und Raumplaner lauten: Der hohe Woh- nungsleerstand, der 2002 im Gebiet Karl-Marx-Straße/Sonnenallee über 10 Prozent lag, ist endgültig beseitigt. Aufgrund der großen Verän- derungsdynamik und nicht zuletzt wegen des augenblicklich starken Zuzugs nach Berlin gebe es im Programmgebiet, wo derzeit 30.600 Menschen in 15.300 Wohnungen lebten, jetzt so gut wie gar keinen Leerstand mehr. Maximal 2.500 karl-marx-straße neuköllnzusätzliche Einwohner könnten zwischen Sonnen- allee und Karl-Marx-Straße nur noch eine neues Zuhause finden, sofern alle Möglichkeiten der Nachverdichtung und des Wohnungsneubaues vollständig ausgeschöpft würden.

„Ich kenne die Situation im Bezirk seit bald 50 Jahren und ich habe so eine positive Entwicklung eigentlich noch nie erlebt. Wir haben eine große Aufwertung erfahren. Die Zuzüge kommen vor allem aus der EU und aus ganz Deutschland. Der Leerstand ist weg“, freute sich Dr. Carsten Brückner, Vorsitzender von Haus & Grund Berlin-Neukölln. „Wir dürfen keine Angst vor einer positiven Entwicklung haben“, forderte er optimistisch. Ein Mitglied des unter den Besuchern stark vertretenen Vereins für Haus-, Wohnungs- und Grund- eigentümer wurde konkret: „Wann wird der Status Sanierungsgebiet endlich eckhaus roseggerstr sonnenallee neuköllnaufgehoben, und wann kann ich über mein Eigentum wieder frei verfügen?“, fragte er in die Runde. „Sie dürfen Ihr Grundstück nur nicht mit einem spekulativen Gewinn verkaufen“, erwiderte Stadtplanungsamtsleiter Groth sichtlich gereizt und erläuterte, dass den Einschränkungen der Eigentümerrechte erhebliche öffentliche Leistungen gegenüber stünden. Das Sanierungsgebiet werde, wie ursprünglich vorgese- hen, für voraussichtlich 15 Jahre bestehen bleiben, sagte Groth, und eine im Publikum anwesende Mitarbeiterin der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung pflichtete ihm bei. Trotz des zunehmend positiven Images sei die Funktionsfähigkeit des Gebietes Karl-Marx-Straße/Sonnenallee weiterhin durch anhaltende Struktur- sonnenuhr_sonnenallee neuköllnveränderungen im Einzelhandel, mangelnde Aufent-haltsqualität im öffentlichen Raum und gealterte Infrastruktureinrichtungen stark beeinträchtigt. Stadt-bildprägende Gebäude wie die Alte Post stünden leer alte post_neuköllnund warteten auf neue Nutzungen. Weitere Im- pulse zur wirtschaft-lichen und stadtstruk-turellen Stärkung, wie sie beispielsweise seit 2008 das Städtebauförder-programm Aktive Zentren setzt, seien deshalb unver-zichtbar, waren sich die Stadtplanungsexperten des Landes Berlin und des Bezirkes umzugswagen-engpass neuköllnNeukölln einig.

Wer ist nun ins Sanierungsgebiet Karl-Marx-Straße/ Sonnenallee gezogen, und welche Anforderungen an die soziale Infrastruktur ergeben sich? „Zwischen 2008 und 2013 verzeichneten wir mit plus 7 Prozent einen kräftigen Bevölkerungszuwachs im Bearbeitungsgebiet, der deutlich über dem Berliner Durchschnitt von 4,8 Prozent lag“, stellte Olaf Gersmeier vom Büro für Stadtplanung, Stadtforschung und Stadterneuerung PFE fest. Sein spektakulärster Befund: „In der Altersgruppe zwischen 25 und 35 Jahren lag der Zuwachs bei sagenhaften 42 Prozent.“ Ursache sei der Zuzug von jungen Erwachsenen aus der EU und dem Bundesgebiet. Die Zahl der Erwerbstätigen im Gebiet sei merklich gestiegen und die Zahl der Hartz-IV-Bezieher deutlich gesunken. Bei den Angebotsmieten habe es eine überdurchschnittliche Steigerung im Berliner Vergleich gegeben. Auch bei beste-sonnen-giebel_sonnenallee neuköllnhenden Mietverhältnissen sei mit einer Markt-anpassung zu rechnen, so dass die Miethöhe in absehbarer Zeit den Berliner Durchschnitt errei- chen werde.

Insbesondere auf die soziale Infrastruktur für Kinder und Jugendliche müsse in Zukunft geachtet werden. Denn obwohl Familien mit schulpflichtigen Kindern nach wie vor den Wunsch hätten, aus dem Sanierungsgebiet wegzuziehen, werde es bei steigenden Mieten in ganz Berlin immer schwieriger, diesen Wunsch auch in die Tat umzusetzen. Zweitens sei noch nicht abzuschätzen, wie sich die neuzugezogenen jungen Erwachsenen verhalten werden. „Es werden mehr Familien bleiben, als man denkt“, war eine Quartiersmanagerin sich sicher. Auch der Grünen-Bezirksverordnete und Vorsitzende des Stadtentwicklungsaus-kita karlsgartenstraße, neukölln, kitafinder neuköllnschusses Jochen Biedermann vermutete, dass es einen „zunehmenden Nachfragedruck auf die Infrastruktur“ geben werde. Für manche Kin- dertagesstätten, die häufig in ehemaligen Geschäften unterkämen, seien bereits heute die Ladenmieten einfach zu hoch. Stadtplanungs- amtsleiter Groth wies auf die „bereits laufende Ertüchtigung der Schulen im Sanierungsgebiet Karl-Marx-Straße/Sonnenallee hin. Neben Kitas, Grund- und Sekundarschulen gehörten selbstverständlich auch Jugendfreizeiteinrichtungen zur sozialen Infrastruktur. Hier stellten die Stadtplaner aktuell den größten Handlungsbedarf fest: Die Bedarfdeckung, räumte sie ein, liege derzeit nur bei 41,7 Prozent, d. h. es fehlen 354 Plätze.

=Christian Kölling=

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