Viele Punkte angesprochen, aber längst nicht alle Fragen beantwortet

genezareth-kirche neuköllnRegen Zulauf verzeichnete Freitagabend die Gene- zareth-Kirche auf dem Herrfurthplatz im Neuköllner Schillerkiez: Erol Özkaraca, SPD-Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses, dessen Bürgerbüro nicht weit entfernt in der Hermannstraße ist, hatte in Zusam-menarbeit mit dem Treffpunkt Religion und Gesellschaft (TRG) e. V. zu einer Gesprächsrunde mit dem Thema „Islam – zwischen Jugendkultur, Religion und Politik“ finger_kontschieder_buschkowsky_islam-podiumsdiskussion_izg neuköllnein. Die Kirche war voll, und nur die Plätze auf der Empore blieben unbesetzt. Prominentester Zuhörer des Abends: der ehemalige Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky. Von der Neuköllner BVV wurden die SPD-Abgeordneten Jutta Finger, Eugen Kontschieder und Wolfgang Hecht sowie Elfriede Manteuffel (CDU) gesehen, ebenso der podium_islam-podiumsdiskussion_izg neuköllnMigrationsbeauftragte Arnold Mengelkoch.

„Ich rede nicht vom Islam, weil es den Islam so nicht gibt“, lautete ein Satz, den wohl – trotz vieler inhaltlicher Differenzen – alle auf dem Podium gemeinsam unterschrieben hätten: Ender Cetin, der Vorstandsvorsit- zende vom Ditib-Sehitlik e. V., Claudia Dantschke, die Leiterin der Beratungsstelle Hayat, Kazim Erdogan vom Aufbruch Neu- kölln e. V., Pfarrerin Elisabeth Kruse als Beauftragte für interreligiösen Dialog und interkulturelle Arbeit im Kirchenkreis Neukölln, der Islamismus-Experte Ahmad Mansour vom Heroes-Projekt und Co-Gastgeber Erol Özkaraca. Schwerpunkte der Diskussion waren die Gründe für die Radikalisierung junger Muslime, der Streit um das Kopftuch der Rechtsreferendarin Betül Ulusoy und die Neutralität des Staates. Außerdem ging es um die Frage, wie aus dem nicht immer spannungsfreien Nebeneinander dantschke_islam-podiumsdiskussion_izg neuköllntatsächlich ein friedliches Mit- einander der Kulturen und Religionen werden kann.

„Die gesellschaftliche Gewalt hat ebenso zugenommen wie die häusliche Gewalt. Wir leben in einer vaterlosen Gesellschaft“, urteilte Kazim Erdogan, der seit Jahren eine Väter- gruppe leitet. Claudia Dantschke stimmte zu und ergänzte, dass radikalisierte Jugendliche sowohl das Produkt übertrieben autoritärer wie auch grenzenlos toleranter Elternhäuser seien. Ahmad Mansour, der sich gegen Radikalisierung, Unterdrückung im Namen der Ehre und Anti- semitismus in der muslimischen Gemeinschaft engagiert, fasste seine praktischen Erfahrungen zusammen und klagte: „Die mansour_özkaraca_islam-podiumsdiskussion_izg neuköllnJugendlichen sind auf der Suche nach einer starken Vaterfigur. Junge Männer, aber auch Frauen, fühlen sich von strafenden Autoritäten angezogen, auch wenn die von denen ange- botene Alternative nur im Jenseits liegt.“

Zum Thema staatliche Neutralität und dem Tragen religiöser Symbole hob Erol Özkaraca (2. v. r.) hervor: „Ich bin überhaupt nicht gegen ein Kopftuch. Ich bin für die Neutralität des Staates. Ich möchte nicht, dass jemand sich beklagt: Ich bin von einem Juden verurteilt worden.“ Mit sehr viel Nachdruck betonte Claudia Dantschke, dass sie ebenfalls nichts dagegen habe, wenn Frauen ein Kopftuch tragen. „In der Mehr- heitsgesellschaft“, gab sie zu bedenken, „wird diese Entscheidung aber erst dann Akzeptanz finden, wenn sie freiwillig ist. Wir dürfen publikum_islam-podiumsdiskussion_izg neuköllnden Druck nicht ignorieren, dem muslimische Frauen ohne Kopftuch heute tatsächlich ausgesetzt sind.“

Kritik wegen einer Veranstaltung mit Betül Ulusoy am vorherigen Wochenende musste sich Ender Cetin, der Vorstandsvorsitzende der Sehitlik-Moschee, von Erol Özkaraca anhören. Auch erinnerte der SPD-Politiker ihn daran, dass 2011 im Wahlkampf zum Abgeordnetenhaus ein türkischstämmiger Politiker mit dem Slogan „Wir sind gegen das Fach schwul“ angetreten sei, ohne dafür Widerspruch aus der Moschee zu erhalten. „Die Menschen, die in die Moschee gehen, sind nicht islam-podiumsdiskussion_izg neuköllnnur Intellektuelle“, verteidigte sich Ender Cetin und wies daraufhin, dass er selbst Begeg- nungen mit Homosexuellen in der Moschee angeregt habe.

Das fehlende Miteinander der Menschen in Neukölln führte Pfarrerin Elisabeth Kruse an. Sie stelle eine Tendenz zur Abschottung bei christ- lichen Jugendlichen fest. „Konflikte auf dem Schulhof sind nicht der Weg“, sagte Kruse. Es sei nicht leicht zu unterscheiden, was ein religiöser und was ein kultureller Konflikt ist, doch „wie kann man Kultur und mengelkoch_cetin_islam-podiumsdiskussion_izg neuköllnReligion verflüssigen, um diese Konflikte abzubauen?“, fragte die Pfarrerin.

Am Ende der lebhaften, aber immer sachlichen Diskussion, die Richard Ernest Badih vom TRG e. V. moderierte, waren viele Punkte angespro- chen, aber längst nicht alle Fragen beantwortet worden. Nur eine Zuhörerin beschwerte sich beim Moderator, dass ihre Frage, die sie auf einer Karte notiert hatte, nicht verlesen und beantwortet wurde. Die anderen diskutierten in kleinen Gruppen vor der Tür der Genezareth-Kirche und im angrenzenden Café Selig weiter.

=Christian Kölling=

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