Mehr als ein Schmuckstück unter Neuköllns Kantinen

bwb-werkstatt am hafen_neuköllnEin Geheimtipp ist die Werkstatt am Hafen längst nicht mehr. Was dort genau gemacht wird, wissen zwar eher wenige von denen, die manchmal, oft oder öfter die Fabrikhalle in der Lahnstraße 3 aufsuchen. Was sie allerdings wissen: Zur BWB-Werkstatt am Hafen gehört eine öffentliche Kantine, in der man gut und wasser-terrasse_bwb-werkstatt am hafen_neuköllngünstig essen kann – bei schönem Wetter sogar auf einer Außen-terrasse direkt am Wasser.

Letzte Woche lud die Werkstatt am Hafen zum Tag der offenen Tür ein. Den gibt es zwar immer unter der Woche, weil die Kantine keinen separaten Eingang hat und der Produktionsbereich im unteren Teil der zweige- schossigen Halle gut einsehbar ist, doch obergeschoss_bwb-werkstatt am hafen_neuköllnNähe- res erschließt sich beim bloßen Hingucken kaum.

Das weiß auch Klaus Kehrer. Der gelernte Werk- zeugmacher und Arbeitserzieher gehört zum Stammpersonal der Berliner Werkstätten für Menschen mit Behinderung (BWB), die die Ein- richtung betreiben, und betreut den Bereich Kleinmontage. Neue Kantinenbesucher, sagt er, würden die Aktivitäten in der Halle schon neugierig beobachten, aber Fragen danach, was hier passiert, kämen nur von wenigen – worüber Kehrer sehr froh ist, weil im Alltag die Arbeitsabläufe nicht gestört werden sollen. Auch deshalb gibt es den Tag der offenen Tür, der aber andererseits Institutionen den Betrieb vorstellen will, die klaus kehrer_kiwabo-produktion_bwb-werkstatt am hafen_neuköllnpotenzielle BWB-Mitarbeiter betreuen.

Über 80 Beschäftigte, die von Klaus Kehrer und seinen Kollegen „Klienten“ genannt werden, hat die Werkstatt am Hafen derzeit. Alle haben so massive psychische Probleme und Persön-lichkeitsstörungen, dass sie nicht in den ersten Arbeitsmarkt integriert werden können. Hier durchlaufen sie  in einem geschützten Raum mit psychologischem und sozialem Coaching eine zweijährige Berufsbildungs-maßnahme, die ihnen den Weg zurück ins normale Leben ebnen soll. „Viele unserer großmontage_bwb-werkstatt am hafen_neukoellnKlienten haben schon Berufe erlernt, wurden aber durch ihre Defizite aus der Bahn geworfen“, sagt Kehrer und ergänzt, dass sie am meisten mit Folgeerscheinungen von Psychopharmaka zu tun hätten. „Aber ohne Medikamente“, so seine Erfahrung, „geht eine Therapie normaler- weise auch schief.“ Das Konzentrationsver-mögen, motorische Fähigkeiten, soziale Kom- petenzen, Pünktlichkeit und Sorgfalt, kurzum: Arbeitsdisziplin – all das müsse erst wieder trainiert werden. „Unser höchstes Ziel für unsere Klienten ist, dass sie mit ihrer Krankheit umzugehen lernen und Autonomie, also eine maximale Selbst-ständigkeit, erreichen“, formuliert Klaus Kehrer die Ambitionen in der Werkstatt am klaus kehrer_peggy arens_bwb-werkstatt am hafen_neuköllnHafen, die einer von 12 BWB-Standorten im Berliner Stadtgebiet ist.

In der Kleinmontage und Großmontage, der Kantine und im Büromanagement liegen die vier Arbeitsbereiche, die angeboten werden.  Peggy Arens (r.) leitet letzteren und führt die Klienten im hellen, freundlich möblierten Großraumbüro an PC-Tätigkeiten heran. „Wir stellen die gesamte Beschilderung fürs Haus her, kümmern uns um den Newsletterversand, machen Gruß- und Glückwunschkarten, großmontage_bwb-werkstatt am hafen_neuköllnbetreuen den BWB-Bücherbasar und organisieren das Backoffice für Kiwabo“, zählt sie auf. Kiwabo ist die Abkürzung für Kinderwagenboxen und zugleich der kiwabo-produktion_bwb-werkstatt am hafen_neuköllnName der Firma, die sie konzipiert hat und verkauft. Montiert werden die prakti- schen, stabilen, wetterfes- ten Aufbewahrungskästen eine Etage unter dem Büro in der Großmontage. Etwa 1.000 Stück waren es im letzten Jahr. Angeschafft würden die Boxen fürs dieb- stahlsichere Deponieren von Kinderwagen, Rolla- toren, Fahrrädern und Rasenmähern überwiegend von Wohnungsbaugesellschaften, aber auch von Hausgemeinschaften und Firmen, berichtet Klaus Kehrer. In seinem Bereich, der Kleinmontage, geht es entschieden weniger handfest zu.

Die Anstrengung, die die Beschäftigten für das Bewerkstelligen ihrer Tätigkeiten aufbringen müssen, ist spürbar und äußert sich nicht nur in der konzentrierten Stille. Ein junger  Mann baut  aus verschiedenen Komponenten Waschmaschinengriffe  zu-

kleinmontage_bwb-werkstatt am hafen_neukölln

sammen, eine Frau guckt Löcher in die Luft, am Nachbartisch werden Führungs- schienen bestückt. „Hier in der Kleinmontage sind die Anforderungen bei der Konzentration und Motorik überschaubar, aber alles hängt von der Tagesform der Klienten ab“, relativiert der Bereichsleiter, während er einige Werkstücke präsentiert. Displays für Klimaanlage, verschieden große Fernsehturm-Modelle, die als Souve- kantine_bwb-werkstatt am hafen_neuköllnnirs in den Vertrieb kommen.  „Die Qualität muss stimmen“, sagt er, „wir arbeiten nicht im Akkord, sondern haben Liefertermine, die eingehalten werden sollten.“ Zu viel Zeitdruck wäre kontra-hafen neuköllnproduktiv.

Eine diesbezüg- liche Ausnahme bildet die Kantine, in der 12 Beschäftigte mit den Großküchenhelfer-Azubis täglich die Menüs für ihre Kollegen, Mitarbeiter benachbarter Büros und Es- sensgäste aus den umliegenden Kiezen zubereiten. Dass sie sich am Tag der offenen Tür menschenleer zeigt, liegt einerseits am schönen Wetter und andererseits daran, dass draußen der große Grill angeworfen wurde. Eine Portion verschiedener Salate kostet 1,20 Euro, ein Nackensteak 1,80 Euro, alle anderen Köstlichkeiten für Fleischesser und Vegetarier liegen preislich dazwischen. Der Ausblick auf maritimes Flair, das natürlich nicht mit dem großer Seehäfen verglichen werden darf, ist inklusive. Es sei aber nicht nur das attraktive Ambiente im Neuköllner Oberhafen gewesen, was die BWB zur Einrichtung einer öffentlichen Kantine bewog, merkt Klaus Kehrer an: „Für unsere Klienten, die oft sozial sehr isoliert leben, ist sie auch insofern wichtig, weil Kontakte zur Realität entstehen.“

Wer die Kantine der Werkstatt am Hafen in der nächsten Woche ausprobieren will, kann hier vorab einen Blick auf die Speisenkarte werfen. Nach dem Relaunch der BWB-Homepage wird laut Marketing-Leiter Dominic Merten auch dort ein Link zum aktuellen Menü-Angebot führen.

=ensa=

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2 Antworten

  1. Danke. Bisschen schwierig finde ich „eine Frau guckt Löcher in die Luft” – Dir ist schon klar, dass das in dem Umfeld Menschen sind, denen es an dem Tag nicht besonders gut geht in ihrer Krankheit?

    • Bitte, gern geschehen.
      Ich finde dieses Fragment einer Aufzählung von Beobachtungen übrigens auch heute noch nicht schwierig, weil im Anschluss die Stichwörter Tagesform, (nicht im) Akkord und Zeitdruck folgen.

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