Würdigung im Neuköllner Passage-Kino

neuköllner oper_passage-kino neuköllnZu einer Matinee, die dem böhmischen Reformator Jan Hus gewidmet war, hatten das Deutsche Kulturforum östliches Europa und das Tschechische Zentrum Berlin am vergangenen Sonntag ins Neuköllner Passa- ge-Kino eingeladen. Bis zum Jan-Hus-Weg und zum Böhmischen Dorf sind es von hier aus wenige Minuten Fußweg.

Die stellvertretende Direktorin des Kultur-forums, Tanja Krombach, bedauerte in ihrer Einleitung im mit rund 50 Interessierten nur spärlich gefüllten Kinosaal, dass 2015 nicht zum Jan Hus-Jahr ausgerufen worden sei. Einen Anlass dazu hätte es sehr wohl gegeben: Vor 600 Jahren starb Hus, als Ketzer verurteilt, den Feuertod auf einem Scheiterhaufen vor den Toren der Stadt thomas krzenck_jan-hus-matinee_passage-kino neuköllnKonstanz.

Tanja Krombach leitete dann über zum ersten Referenten an diesem Vormittag, Dr. Thomas Krzenck, einem Leipziger Historiker, der 2011 das Buch „Johannes Hus. Theologe, Kirchenreformer, Märtyrer“ veröffentlicht hatte. Er stellte seinen Matinee-Beitrag unter die Fragestellung „Johannes Hus – Kirchen-reformer oder Repräsentant tschechischen Natio-nalbewusstseins?“. In seinem Vortrag ging er dann aber mehr auf einzelne biographische Stationen von Jan Hus ein. Ohne ein Vorwissen zu Hus und seiner Zeit wären Krzencks Erläu-büchertisch_jan-hus-matinee_passage-kino neuköllnterungen sicher für einige Zuhörer zu spezifisch gewesen.

Krzenck führte aus, dass Hus genau 600 Jahre vor dem diesjährigen 14. Juni schon über ein halbes Jahr im Kerker zu Konstanz gesessen habe. „Ich erwarte ja das Todesurteil“, schrieb er am 13. und 16. Juni in erhalten gebliebenen Briefen an böhmische Adlige und Freunde. Keinen Monat später, am 6. Juli 1415, wurde dieses mit dem Feuertod vollstreckt. Hus war zu diesem Zeitpunkt geschätzt 45 Jahre alt; sein genaues Geburtsjahr ist nicht bekannt. Diese 45 Jahre entsprachen laut Krzenck „auch der durchschnittlichen Lebenserwartung in der damaligen Zeit“.

Er schilderte dann ausführlich und anschaulich, in welch unruhigen, politischen und wirtschaftlich schwierigen Zeiten der Theologe in Böhmen gelebt hatte. „Unter anderem“, bemerkte der Historiker, „erlebte er insgesamt neun Päpste.“ Beein-vortrag jan-hus-matinee_passage-kino neukoellndruckend waren seine Angaben über Hus‘ Zeit ab 1402 in der Bethlehemskapelle in Prag,  wo er die Predigten statt in Latein in der Sprache des Volkes hielt. Mit einer Fläche von knapp 800 Quadratmetern, bot die Kapelle 3.000 Gläubigen und somit einem Zehntel der damaligen Prager Bevölkerung Platz. Prag sei vor 600 Jahren „eine der größten Städte nördlich der Alpen“ gewesen, ergänzte Dr. Thomas Krzenck. Ganz am Schluss seiner Ausführungen gab er schließlich auch noch die Antwort auf die Frage über seinem Vortrags – und die fiel sehr lapidar aus: Anstelle des „oder“ sei ein „und“ jan randak_jan-hus-matinee_passage-kino neuköllntreffender, da Hus Kirchenreformer und Repräsentant tschechischen Nationalbewusstseins war.

Die letzte Formulierung leitete hervorragend zum zweiten Vortragenden über: Dr. Jan Randák, der an der Karls-Universität Prag einen Lehrstuhl für tsche-chische Geschichte inne hat, referierte zum Thema „Das tschechische Hus- und Hussitenbild vor und nach 1989“. Hierbei skizzierte er sehr anschaulich, wie Hus von den jeweiligen Machthabern in Tsche- chien als „einer der ihren“ vereinnahmt worden ist: So wurde Hus zum Vorbild für die Unabhängigkeit von Österreich zu Beginn des 20. Jahrhunderts, gleich-zeitig sahen aber die kommunistischen Machthaber Hus ebenfalls als Patrioten wie auch als eine Leitfigur vortrag jan-hus-matinee_passage-kino neuköllnim sozialen Kampf. „Jan Hus wurde zum Bahnbrecher des Kommunismus“, so Randák.

Und heute? Randák ist sich sicher, dass auch das heutige Tschechien Jan Hus für seine Zwecke nutzt. Für viele Tschechen sei dessen Todestag lediglich ein willkommener staatlicher Feiertag. Andererseits habe aber eine repräsentative Umfrage, in der vor rund 20 Jahren die zehn bedeutendsten Landsleute in der Geschichte Tschechiens ermittelt wurden, für Jan Hus immerhin einen vierten Platz ergeben. „Und in diesem Jahr“, informierte Dr. Jan Randák, „erinnern zahlreiche Ausstellungen, Vorträge und Jan HusFernsehsendungen an sein Leben und Wirken.“

Selbiges setzt auch der 1954 uraufgeführte Film „Jan Hus“ um, der als erster Teil einer Trilogie entstand, die laut Randák bis 1987 von etwa 6,5 Millionen Menschen gesehen wurde. In diesem Film unter der Regie von Otakar Vávra werde „Jan Hus als ein kollektiver Held für das tschechische Volk gezeigt“, führte der Historiker in vom DEFA-Studio synchronisierte deutsche Fassung ein, die zum Abschluss der Matinee im Passage-Kino präsentiert wurde. Auch unter der Maxime, dass Vávra die Menschen in seinem knapp zweistündigen Werk sehr vereinfacht in gut und böse einteilt und Jan Hus auf den Aspekt des Revoluzzers reduziert, ist dieser Film aufgrund seiner hervorragenden Schauspieler und der exzellenten Ausstattung auch heute noch absolut sehenswert.

=Reinhold Steinle=

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2 Antworten

  1. Wenn man diese sachliche und korrekte Zusammenfassung liest, für die ich danke, vergisst oder erfährt man nicht, wie schwerwiegend die religiös-wirtschaftlichen Interessen und Auseinandersetzungen in der Zeit von Hus waren. Päpste (zwei oder drei gleichzeitig), Bischöfe und Fürsten waren über Ablass-Einnahmen und Ämterkauf eng verknüpft. Krzencks Referat war da recht allgemein und ausweichend formuliert.

    Die landsmannschaftlich organisierte lateinische Universität Prag (seit 1348 hatte ich als Schüler 1964 in Prag gelernt) entfernte mit Hilfe von Hus damals das gleichberechtigte Stimmrecht von Polen, Sachsen, Bayern und Böhmen. Wen wundert es da, dass Europa sich nationalisierte und Hus zur Leitfigur von Nationalisten und später auch Kommunisten herhalten musste, auch wenn seine Nachfolger insgesamt viel differenzierter zu betrachten wären?

    Besonders ärgerlich war für mich der Überwältigungsfilm, der Hus zur Rechtfertigung der kommunistischen Machtergreifung der Stalinisten von 1948 im bereits „gereinigten“ Nationalstaat einsetzte. In einem Staat, der vor 1938 noch hoffnungsvoll inoffiziell auch die tschechisch-deutsch-slowakische Republik genannt wurde. (die Nationalitäten nach ihrer Größe in Reihe gesetzt) Denn, was viele nicht wissen, trotz nicht zu leugnender Probleme zum Beispiel mit der Einführung einer jüdischen Nationalität zur Schwächung der deutschen, gab es in den 20er Jahren dort funktionierende tschechisch-deutsche Koalitionen und viele Gemeinsamkeiten.

    Das nur als Anmerkung für jene, die es lesen wollen.

    Richard

    • Lieber Richard,

      wir haben den Film von Otakar Vávra nicht gezeigt, damit er überwältigen soll, sondern als wesentliches Beispiel für die Hus-Rezeption in der Tschechoslowakei vor 1989 (im kulturellen Gedächtnis hat der Film das Hus-Bild sicher auch danach in Tschechien beeinflusst). Die kommunistische Ideologie als Hintergrundfolie wurde ja im Einführungsvortrag von Jan Randák von der Karls-Universität Prag ganz deutlich entlarvt und die Zuschauer gewarnt bzw. aufgefordert, die von den Schauspielern gesprochenen und den historischen Figuren in den Mund gelegten Sätze „zu Ende zu denken“.
      Eine Darstellung des Lebens und Wirkens des böhmischen Kirchenreformers, die die historischen Fakten nach heutigem Forschungsstand wiedergab, bot der Vortrag von Thomas Krzenck sowie die an unserem Büchertisch angebotene Literatur.

      Tanja Krombach
      Deutsches Kulturforum östliches Europa

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