91 Jahre nach der Premiere: Deutsche Uraufführung von Bretans „Der Golem“ in der Neuköllner Oper

der golem_neuköllner operManche haben vielleicht das 1915 erschie- nene Buch über den Golem von Gustav Meyrink gelesen. Andere wiederum den expressionistischen Stummfilm aus dem Jahr 1920 gesehen, der den „Der Golem, wie er in die Welt kam“ trug. Weitere vier Jahre später hatte die Oper „Der Golem“, die Nicolae Bretan in weniger als zwei Wochen komponierte und textete, ihre Uraufführung. Die Neuköllner Oper hat sich nun des Stoffs angenommen und – 91 Jahre nach ihrer Premiere – die deutsche Uraufführung von Bretans Golem-Oper auf die Bühne in Gerke_Feistkorn_Clark_Der Golem_Neuköllner Operder Karl-Marx-Straße gebracht.

Was ist ein Golem? Eine Legende in der jüdischen Mythenwelt, die aus Lehm als menschenähnliches Geschöpf erschaffen wurde, um den Diskriminierungen und Ver- folgung ausgesetzten Juden mit seinen riesigen Kräften zu Hilfe kommen. Beonders die Geschichte des Prager Golem, von der auch Meyrinks Buch handelt, hat es zu großer Bekanntheit gebracht: Die von Rabbi Löw erschaffene Lehmfigur entwickelt mit der Zeit ein Eigenleben mit eigenen Wünschen und Ansprüchen. Nicolae Bretan hat das Libretto seines Golems dagegen als Einakter angelegt und sich auf einen Aspekt konzentriert, der zu Recht Gerke_Schwab (1)_Der Golem_Neuköllner Operals einzige Tragödie charakterisiert werden kann, weil sich Golem nämlich verliebt.

Keine leichte Kost für das Publikum, zumal sich die Musik auch fast durchgängig spannungsgeladen präsentliert. Und keine leichte Aufgabe für Bernhard Glocksin, den Dramaturgen der Neuköllner Oper, und Paul-Georg Dittrich, der für die Inszenierung verantwortlich zeichnet. Das Bühnenbild war hier vielleicht noch die geringste szenenbild der golem_neuköllner operHerausforderung: Links eine Bretterkammer, in der der Golem haust. Rechts davon die Wohnung von Rabbi Löw, in der er mit seiner Ziehtochter und seinem Gehilfen Baruch wohnt, dahinter ist die Schlafkammer von Anna zu sehen. Über diesem Bühnenbild waren drei Videoleinwände angebracht. Schwab_Der Golem_Neuköllner OperAuf ihnen wurden in einer Schleife kurze Sequenzen gezeigt, so z. B. von Anna, die sich, geplagt von Alpträumen, unruhig auf ihrem Bett wälzt. Diese Videosequenzen liefen während der gesamten Aufführung und untermauerten die Tragik der Hand- lung.

„Die ich rief, die Geister, werd’ ich nun nicht los.“ Dieses Zitat aus Goethes Zauberlehrling gilt Buch- stabe für Buchstabe auch für „Der Golem“. Rabbi Löw (James Clark) schuf den Golem in der Überzeugung, ihn kontrollieren zu können. Doch der Golem (Martin Gerke) fühlt sich zu Anna (Ulrike Schwab) hingezogen und küsst diese heimlich im Schlaf, woraufhin sie von Alpträumen befallen wird und sich ebenfalls zu ihm hingezogen fühlt. Rabbi Löw will dies mit allen Mitteln verhindern, woraus ein Kräftemessen zwischen ihm und Golem entsteht. Dieser ertränkt einmal fast den Gehilfen Baruch (Lars Feistkorn) und legt Rabbi Löw ein Seil Gerke_Clark_Der Golem_Neuköllner Operum den Hals, um ihn zu erdrosseln. Also Dramatik pur – und dies während der ganzen Dauer des einstündigen Stückes.

Ein Kraftakt für das Ensemble. Herausragend, sowohl gesanglich wie schauspielerisch, fand ich hier Martin Gerke in der Gerke_Schwab_Der Golem_Neuköllner OperHauptrolle. Große Momente, wenn er direkt an der Rampe steht und direkt zum Publikum hin seine Arien singt.

Und das Ende? Das kann auf keinen Fall im Voraus verraten werden, dazu ist der Regie-Einfall zu originell. Nur soviel sei verraten: Die Schauspieler und Musiker des von Tobias Schwencke arrangierten Stückes waren beim Schlussapplaus nicht auf der Bühne, sich verbeugt und den Beifall entgegengenommen haben sie aber trotzdem.

Direkt im Anschluss an die Vorstellung fragte ich noch einige Premierenbesucher, wie ihnen „Der Golem“ der Neuköllner Oper gefallen hat. „Ich fand es sehr viel moderner, als ich es erwartet hatte. Mir hat es sehr gut gefallen“, war eine Antwort. Die Videos seien spitze, das Schlussbild verstörend gewesen, eine andere. Genau gegenteilig erlebte es ein junger Mann, „fasziniert von der Irritation am Schluss“ war. Im Publikum der restlos ausverkauften Premiere saß auch eine alte Dame: Die 92-jährige Judit Bretan war extra aus den USA angereist, um in Neukölln die deutsche Uraufführung der Oper ihres Vaters mitzuerleben.

Weitere Aufführungen von „Der Golem“: heute und morgen, vom 18. bis 21. und 25. bis 28. Juni sowie vom 2. bis 5. Juli um 20 Uhr in der Neuköllner Oper; Eintritt: 9 – 24 Euro.

=Reinhold Steinle=

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