Zu schön, um da zu sein

baumscheibe_neuköllnDrei in der Hobrechtstraße, fünf in der Reuterstraße, 15 in der Pannierstraße und 27 in der Weserstraße: 50 Baumscheiben auf Bürgersteigen in Nord-Neukölln wurden schon abgeräumt; 33 weitere sollen noch in diesem Jahr folgen. Und das nicht, weil sie zu ungepflegt und deshalb unbeliebt waren bzw. sind. Ganz im Gegenteil: Voller Hingabe hatten Anwohner das Erdreich unter den Straßenbäumen bepflanzt, besät und be- gossen, hatten kleine Zäune zum Schutz der sprießenden Flora gebaut und häufig noch horizontale Bretter auf die vertikal arrangierten geschraubt, um bequem an den Minigärten vor der eigenen Haustür sitzen zu können. Doch so viel Komfort dürfen Baumscheiben in Neukölln nicht bieten, denn es ist durch einen Baumschei-ben-Flyer geräumte baumscheibe_reuterstr 62 neuköllngeregelt, wie sie auszusehen haben. Exemplare, die dem nicht entspre- chen, müssen – basierend auf einem Beschluss der Bezirksverordnetenversamm- lung – weg. Oder sind schon (l.) weg.

Finanziert wurden sämtliche Materialien zur Bepflanzung und Einzäunung oft aus eigener Tasche der Anwohner, häufig aber auch durch Fördermittel, die von Quartiers- managements für die Verbesserung des Wohnumfelds zur Verfügung gestellt wurden. Letzteres führt nun zu der absurden Situation, dass nicht nur bürger- schaftliches Engagement durch öffentliche Gelder wieder eliminiert wird, sondern auch mit öffentlichen Geldern bezahlte Resultate desselben: Mit 6.851,43 Euro baumscheibe_reuterkiez neukoellnbeziffert Stadtrat Thomas Blesing (SPD), u. a. zuständig für die Ressorts Natur und Bürgerdienste, die Rechnung der beauftragten Firma für die Abräumung der bisher 50 Baumscheiben. Da „kein/e Erbauer/innen, Betreiber/in- nen, Eigentümer/innen der Baumscheibenbebauung festgestellt“ werden konnten, so Blesing in seiner Replik auf eine Kleine Anfrage des Grünen-Abgeordneten Heinz Wagner, war es bislang weder möglich Kosten auf die Verursacher abzuwälzen, noch diese mit Sanktionen oder baumscheibe_reuterkiez neuköllnBußgeldforderungen zu belegen.

Die Baumscheiben, die auf der Streichliste standen bzw. stehen, seien „weit über das ursprüngliche Ziel – nämlich einer Verschönerung – hinausgegan- gen“, begründet Blesing den Kahlschlag. Zum einen stelle die Nutzung als Sitzgelegenheiten eine nicht genehmigte Sondernutzung des öffentlichen Straßenlandes dar: Dass die besetzbaren Baumscheiben-Einfassungen sehr oft vor gastronomischen Betrieben zu finden waren bzw. sind, habe eine Vielzahl von Lärmbeschwerden durch in ihrer Nachtruhe gestörte Anwohner zur Folge. Zum anderen aber stellten viele der abgeräumten Baumscheiben Risiken für die Verkehrssicherheit dar, weil sie in Geh- und Radwege ragten. Hinzu sei gekommen, dass die nicht regel-konformen Konstruktionen Baumkontrollen wie auch die Straßenreinigung durch die BSR erschwerten.  „Alle diese objektiven Gründe zusammen genommen“, so der gärtnermaterial-verleih_qm ganghoferstraße neuköllnStadtrat weiter, „zwangen uns zu der Beräumung der genannten Baumscheiben.“

Doch es sind nicht nur die zu kreativ kon- struierten Baumscheiben an sich, die Blesing verärgern. „Das Bezirksamt fühlt sich in seiner Arbeit durch Falschinformationen einzelner QM’s und fehlender Erläuterungen von und gegenüber engagierten Bürger/innen konterkariert!“, ließ er Heinz Wagner abschließend in der Beantwortung von dessen Kleiner Anfrage wissen. Noch vor fünf Jahren hatte das Quartiersmanagement Reuterplatz ob der positiven Wirkungen von Baumscheiben zu einem Baumscheiben-Pflanzwettbewerb aufgerufen. Das QM Donaustraße-Nord bezeichnete die vielen Baumscheiben im Viertel als „Hoffnungsschimmer für einen grüneren Kiez“ und lud im vergangenen Herbst mit einem geförderten Projekt zur Erkundung der Baumscheiben ein, um u. a. festzustellen, welche mit Sitzgelegen- heiten versehen sind, die „zum Verweilen einladen“. Das Quartiersmanagement Richardplatz Süd verteilte im Frühjahr im Rahmen einer Aktion für grünen Frühling im Kiez Sonnenblumensamen, und vom QM Ganghoferstraße wurden Gartenwerk- zeuge angeschafft, baumscheibe_neuköllndie von Anwohnern zum Beackern von Hinterhofgärten, Grünflächen oder auch Baumscheiben ausgeliehen wer- den können.

Das Bezirksamt begrüße nach wie vor das bürgerschaftliche Engagement, versichert Thomas Blesing. Wer das allerdings nachhaltig an einer Baumscheibe ausleben will, sollte sich sklavisch an den für Neukölln geltenden Baumscheiben-Leitfaden halten. Denn bei Zuwiderhandlung droht die Abräumung des Kleinstgartens.

=ensa=

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Eine Antwort

  1. Jedes geparkte Auto stellt eine Privatisierung öffentlichen Straßenlandes dar! Und unter den Autos kann auch nicht gefegt werden, sie hindern die Passanten täglich am Überqueren der Straße!
    Nee, im Ernst, ich wiederhole mich hier: Es gibt in der Großstadt zu wenig Sitzgelegenheiten für Ältere, Schwangere, Mütter mit Kindern, müde Menschen, die mal kurzzeit’parken‘ wollen. Da sind die Baumbänke toll (gewesen). Was für ein Irrsinn, jetzt so dagegen vorzugehen. Und bei Lärm: Leute, unter der Nase gibt’s was, damit kann man reden und mit den Mitmenschen ins Gespräch kommen. Zur Not muss man Rücksicht eben einfordern. Habe nur sehr selten erlebt, dass das nicht geklappt hat.

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