Koch-, Ess- und Kommunikationskultur in Neukölln als musealer Leckerbissen

Ausstellungsaufbau 2_die sieben tische_museum neukoellnWer bis ins Detail liebevoll umgesetztes Ausstellungs-handwerk von hoher Qualität gepaart mit wegweisender Präsentationstechnik und einem gehörigen Schuss musealer Experimentierfreude erleben will, dem sei der Besuch der aktuellen Ausstellung des Museums Neukölln auf dem Gutshof Britz empfohlen. „Die sieben Tische“ ist deren Titel, und in ihr kann man zum unmittelbaren Ausstellungsaufbau 1_die sieben tische_museum neukoellnZeugen Neuköllner Gast- kultur werden.

„Wie empfangen Neuköll- ner Bürgerinnen und Bürger in ihrer häuslichen Umgebung Gäste zum Essen?“, lautete denn auch die Ausgangsfrage, die sich Museumsleiter Dr. Udo Gößwald zu diesem Ausstellungsprojekt stellte. Dem nachzugehen, sei für ihn insofern etwas Besonderes gewesen, weil sich Museen in aller Regel mit historischen und weniger mit zeitgenössischen Themen befassen. „Aber auf dieses Experiment hab ich mich gern eingelassen und bin auf die Resonanz der Besucher Hoffmann, Gößwald_die sieben tische_museum neukoellngespannt“, so der Museumsleiter am Vortag der Vernissage.

Im Plauderton berichten er und Kuratorin Barbara Hoffmann darüber, wie verschiedene Neuköllner angesprochen wurden, ob sie bereit wären, ein Essen im Freundes- oder Familienkreis in ihren privaten Räumen fotografisch und filmisch dokumentieren zu lassen: „Bei der Auswahl ist vorrangig von Bedeutung gewesen, dass diese Menschen gern und wiederholt Gäste zu sich nach Hause einladen, um für sie zu exponate_die sieben tische_museum neukoellnkochen. In zweiter Linie wurde darauf geachtet, dass verschiedene Milieus repräsentiert sind, wobei sowohl eine altersbezogene Bandbrei- te als auch die Vielfalt kultureller Herkunft berücksichtigt werden sollte, wie sie heute in der Neuköllner Bevölkerung üblich ist.“

Wichtig sei es ihm, den Tisch – seine eigene Geschichte habend – als Ort der Begegnung, der Kommunikation, des Ausdrucks von Gastlichkeit und des gemeinsamen Erlebens tradierter oder neu entwickelter Rituale deutlich werden zu lassen, so Gößwald weiter. In den Gesprächen mit den Protagonisten war immer auch deren Wunsch nach Harmonie, nach dem Verbreiten „gastlicher Atmosphäre“, zu spüren, nach einer Sehnsucht, solche Situationen ganz oft herbeiführen zu wollen. Der Begriff Gemütlichkeit wurde dabei wiederholt benutzt – nicht im abwertenden Sinne, sondern eben als etwas das Gemüt Bewegendes. Können solche Gefühle, solche Stimmungen mit leblosen Gegenständen in einer Tablet_die sieben tische_museum neukoellnAusstellung erlebbar gemacht werden? Um es vorweg zu nehmen: Es geht, und hier ist es auch gelungen.

Bevor man den Ausstellungsraum betritt, bekommt man einen Tablet-PC ausgehändigt. Denen, die ein solches Gerät sonst nicht verwenden, geben die Museumsmitarbeiter eine hilfreiche Anleitung, und nun können auch sie sich per Fingertippen durch das Tablet, Biografie_die sieben tische_museum neukoellnsehr bedienungsfreundlich und grafisch ansprechend gestaltete Menü bewegen. Hier sind nicht nur die Biografien der Tische und der Teilnehmer der jeweiligen Tischgesellschaft zu erfahren, sondern auch die Protokolltexte und Fotos sowie Film- sequenzen zu finden. Ergänzt wird es durch die Tablet, Rezepte_die sieben tische_museum neukoellnentsprechenden Kochrezepte und ein kleines Lexikon der Küchengeräte. So nebenbei bietet dieses Tablet den Komfort, nicht das sonst übliche ermüdende Wandern von Texttafel zu Texttafel mit dem oft wegen der Schriftgröße und der Platzierung der Tafeln schlecht erfassbaren Inhalts absolvieren zu müssen. Bequeme im Raum vorhandene Sitzgelegenheiten ermöglichen, es sich Teilnehmer, Straße, Datum_die sieben tische_museum neukoellndabei gemütlich zu machen.

Insgesamt sieben Tischsituationen sind als Exponate im Raum neben der Dauerausstellung des Museums zu sehen. Hinter den Tischen Wohnungsmotive 2_die sieben tische_museum neukoellnsind die Gastgeber, die Straße und der Tag des Geschehens vermerkt; die seitliche Begrenzung bilden Tuchfahnen mit einfühlsam gewählten Motiven aus der jeweiligen Wohnung. Die in den Hausfassade_die sieben tische_museum neukoellnRaum ragenden Fotofahnen zeigen einen Ausschnitt der zur Adresse gehörenden Hausfassade. Über die Monitore in bei- gestellten roten Boxen flimmern Filmsequen- zen, die zu sieben willkürlich gewählten Zeitpunkten jeweils eine Minute lang gedreht wurden. Obwohl die Protagonisten Einblick in ihre private und zuweilen recht intime Sphäre gewähren und damit viele Einzelheiten von sich preis-geben, fühlt sich der Ausstellungsbesucher eher als Gast in die Ausstellung Küchengeräte_die sieben tische_museum neukoellnSzenarien geholt als zum bloßen Voyeur degradiert.

Schließlich gibt es auch eine klassische Prä- sentation, für die Julia Dilger, die Sammlungs- leiterin des Museums, verantwortlich zeichnet: 48 Küchenutensilien vom Astquirl bis zum Wetz- stahl werden hier gezeigt. Es fehlen lediglich Gegenstände mit Z, ist zu erfahren. Wer also museumsreife Zitronenpressen, Zuckerzangen oder Zwiebelschneider ent- Ausstellungsnischen mit roter Box_die sieben tische_museum neukoellnbehren kann, findet hier dankbare Abnehmer.

Bei all diesem Erleben vergehen leicht mal zwei Stunden, wobei man sich immer wieder erstaunt vergegenwärtigt, dass der aufwändig gestalteten Magazin_die sieben tische_museum neukoellnAusstellung ja nur ein einziger Raum zur Verfügung steht. Wer am eigenen Tisch alles noch einmal Revue passieren lassen möchte und Weiteres über Tischgeschichten und -sitten, Ernährungswissenschaft, einen Streifzug durch das kulinarische Nord-Neukölln und verschiedenste Initiativen im Bezirk erfahren will, die sich des gemeinsamen Essens verschrieben haben,  tut gut daran, sich die 164-seitige Publikation zur Ausstellung mit nach Hause zu nehmen. Sie enthält auch die Rezepte aller Gerichte, die die Gast- geber bei ihren Tafelrunden kredenzten.

Die Ausstellung „Die sieben Tische“ wird noch bis zum 30. Dezember im Museum Neukölln (Alt-Britz 81; Öffnungszeiten: Di. – So. 10 – 18 Uhr, Eintritt frei) gezeigt.
Das Begleitmagazin zur Ausstellung ist für 12,80 Euro im Museum Neukölln sowie im Online-Shop des Museums erhältlich.

=kiezkieker=

Advertisements