Von draußen nach drinnen: Graffiti in der Helene-Nathan-Bibliothek

christian winterstein_kommunikation auf mauern_stadtbibliothek berlin-neuköllnRund 600 Fotos von Parolen-Graffiti nahm Christian Winterstein in Straßen und Hinter- höfen zwischen Hermannplatz und S-Bahn- hof Sonnenallee, Neuköllner Schiffahrtskanal und Tempelhofer Feld mit seiner digitalen Kleinbildkamera auf. „Der Akt des Ungehor- sams als Akt der Freiheit ist der Anfang der Vernunft“ oder einfach nur „Liebe.“ sind zwei der eingefangenen Losungen. Mehr als drei Dutzend weitere Wandbotschaften sind nun in der Ausstellung „Kommunikation auf Mauern: Neuköllner Parolen-Graffiti“ in der Helene-Nathan-Bibliothek zu sehen.

christian winterstein_kommunikation auf mauern_stadtbibliothek neukoelln„Parolen-Graffiti ist keinesfalls tot, sondern ein Be- christian winterstein_kommunikation auf mauern_stadtbibliothek neuköllnstandteil lebendiger Tradi-tion“, lautet die streitbare These im Begleitmaterial zur Ausstellung. Winterstein ver- steht Textbotschaften als Indikatoren sozialer Prozes- se, die die Stimmungen in der Bevölkerung sowohl abbilden als auch beeinflussen. Themenschwerpunkte der Wandpa- rolen sind Gentrifizierung, Gender, Konsum, Nazis und Nationalismus. Bei der Präsentation seiner Fotos belässt es Christian Winterstein aber nicht: In der oberen Etage der Stadtbibliothek sind Graffiti-Utensilien neben foto irenäus ilnicki_graffitientferung neuköllnFachbüchern über Kunst und politische Kommunikation in einer Vitrine ausgestellt.

Dass die Eigentümer der beschmierten Wände viel Arbeit und Geld aufbringen müssen oder – wie z. B. im Körnerpark (l.) – Steuergelder verwenden, um unverlangte Graffiti wie- der beseitigen zu lassen, ignoriert der Ausstellungsmacher allerdings. Bestellte und gelungene Wandmalereien wie die vom Art Wizards e. V. im Vorraum der Toiletten in der Stadtbibliothek sind dagegen leider eindeutig die Aus- nahme. Und: Parolen wie „Wir wollen mehr Liebe“ haben eigentlich bessere Foren verdient als ohnehin schon ramponierte Wände.

Die Stadtbibliothek Neukölln zeigt die Ausstellung noch bis zum 21. Juni; Öffnungszeiten: Mo. – Fr. 11 – 20, Sa. 10 – 23 Uhr (morgen bleibt die Bibliothek geschlossen)

Das im Selbstverlag von Christian Winterstein herausgegebene Buch „Kommunikation auf Mauern – Neuköllner Parolen Graffiti“ ist bei Die Buchkönigin vorrätig.

=Christian Kölling=