Von der Bundesgartenschau 1985 zum Britzer Garten 2015

30 Jahre Britzer Garten_Berlin-NeuköllnMussten die Besucher der Bundesgarten- schau 1985 am 20. Oktober, dem letzten BUGA-Tag, noch 9 D-Mark Eintritt zahlen, kamen sie bereits ab dem nächsten Tag für 50 Pfennige auf das Gelände. Der Zaun erlaubte weiterhin nur den Zugang über die vorhandenen Eingänge, ferner blieb das Radfahren und Mitführen von Hunden untersagt. Das entsprach nicht der ursprünglichen Planung: Nach der BUGA sollte der Zaun entfernt und das Wegesystem Fußgängern und Radlern die Möglichkeit geben, beispielsweise ohne Umwege vom Massiner Weg wieder auf seine 1983 in Sangerhauser Weg umbenannte Fortsetzung zu gelangen. Oder über mehrere Anbindungen von Buckow nach Mariendorf. So jedenfalls war das Wegenetz ausgelegt. Es verwundert deshalb immer noch, dass die ursprünglichen Anschluss- Wegstummel_Britzer Garten Berlin-Neuköllnwege heute Wegstummel sind, die unvermittelt am Zaun oder an verschlossenen Toren enden. Ein anderes Indiz für die Diskrepanz zwischen Planung und Realität ist, dass die Rohrleitungen für die Bewässerung im südöstlichen Teil in nicht frostfreier Tiefe verlegt sind, weil sie nur für die Zeit der BUGA genutzt werden sollten. Heute müssen sie vor dem Winter entleert werden und stehen eine ganze Saison lang nicht zur Verfügung.

Nach und nach legten sich die anfänglichen Proteste gegen die Einzäunung, und als am 8. Juli 1989 das Bundesgartenschaugelände offiziell in Britzer Garten umbe- nannt wurde, war eine überwiegende Akzeptanz hergestellt. Darauf weist jedenfalls hin, dass seit Beendigung der BUGA bis zu diesem Tag genau 20.705.144 Besucher Gabriele Kleuvers_Britzer Garten Berlin-Neuköllngezählt worden waren.

Eine Frau der ersten Stunde – seit 31 Jahren dabei – ist die heutige Senior Parkmanagerin Gabriele Kleuvers (r.). Von ihr ist zu erfahren, dass sich die Weiterentwicklung des Britzer Gartens in einem nicht endenden Prozess befindet, in dem unter der Prämisse, den Ursprungscharakter zu bewahren, eigene Ideen mit den Wünschen der Gäste zusammengeführt werden.

So bereichern inzwischen Sonderschauen das übliche Angebot, wie z. B. die anlässlich des 20-jährigen Jubiläums aufgenommene Tulpenschau Tulipan. Nachdem 2009 das Areal um 0,8 Hektar erweitert werden konnte, hat auch diese Sonderschau weiterhin an Umfang und Attraktivität zuge- Tulipan_Britzer Garten Berlin-Neuköllnnommen. In diesem Jahr werden 260 verschie- dene Tulpensorten zu bewundern sein. Seit acht Jahren können sich Bürger auch finanziell daran beteiligen und Tulipan-Patenschaften überneh- men. 2006 ist das ebenfalls jährlich inszenierte Dahlienfeuer als Sonderschau aufgenommen worden. Hier Dahlienfeuer_Britzer Garten Berlin-Neuköllnwerden jeweils mehr als 200 Dahliensorten präsentiert. Im Herbst 2009 be- gannen die Vorbereitungen zu einer weiteren gärtnerischen Schau namens Zauberblüten im Rhododendronhain, die inzwischen ebenfalls zu den Höhepunkten im Gartenjahr gehört.

Einiges ist allerdings im Laufe der Jahre ver- schwunden oder hat einen morbiden Charme Goldener Esel_Britzer Garten Berlin-Neuköllnentwickelt. Der ehemals attraktivste Zugang beginnt knapp 1000 Meter außerhalb des Britzer Gartens am sogenannten Britzer Eck mit dem Goldenen Esel von Eckart Haisch. Die Gleise der ehemaligen Mittenwalder Eisenbahn über- querend und ein kurzes Stück durch den Neumarkplan, gelangt man auf den Massiner Weg. Hier folgt man einer Strecke aus vier ineinander übergehenden Teilen. Der erste ist ein alter, für diese Gegend typischer Pfuhl, der Roetepfuhl. Die Architekten – der für die Landschaft zuständige Jürgen Zilling und seine Kollegen vom Bau, Jasper Halfmann und Clod Zillich – hatten seitlich daran einen Brückensteg angelegt, der beim Betreten seine Höhe und Richtung veränderte, um kleine Terrassen zu bilden. Der Steg ist lange Roetepfuhl_Britzer Garten Berlin-Neuköllnschon den Weg alles Vergänglichen gegangen. Immerhin kann man noch auf dem Pfad direkt am Ufer des Roetepfuhls entlang gehen.

An seinem Ende kommt man zur etwa 300 Meter langen Raumpassage. Das war ein breites, parallel zum alten Massiner Weg und zwischen Schrebergartenkolonien hindurchführendes Wiesenband, auf dem knorrige Obst- bäume standen. Die Architekten hatten es ganz sanft in Plätze – oder besser: in eine Folge von lichten Räumen – verwandelt und durch baumdicke, grob behauene Vierkantpfähle und quadratische Steinplatten im Gras markiert. Die ersten Pfähle Massiner Weg_Britzer Garten Berlin-Neuköllnwaren an die zwölf Meter hoch, die sich anschließenden wurden nach und nach niedriger. Auch das lässt sich heute nur noch erahnen. Dann passiert man einen alten Bunker, in dem in den 1960er-Jahren Champignons gezüchtet wurden. Auf den zehn Entlüftungspfeilern ringsum Windharfen_Britzer Garten Berlin-Neuköllnsummte der Wind: Es waren Windharfen, die der Bildhauer Paul Pfarr darauf installiert hatte, Resonanzkörper aus Messing, mit Nylon- schnüren verschiede- ner Länge, Dicke und Spannung in den Kanälen. Irgend- wann gab man es schließlich auf, die immer wieder von fremder Hand durch- Eingang Massiner Weg_Britzer Garten Berlin-Neuköllnschnittenen Schnüre zu ersetzen.

Um in der direkten Verlängerung das Tableau der Erinnerung zu erreichen, muss man einen Schlenker durch den Eingang machen und ist nunmehr auf eingezäuntem Gebiet. Zurück auf der Wegachse sieht man drei sieben Meter hohe Elbsandsteinpfeiler, die den Landeshaupthö- Erdpunkt_Britzer Garten Berlin-Neuköllnhenpunkt Nr. 1 markieren. Von diesem Erdpunkt aus führt der Weg unmittelbar zum kosmologischen Park, bestehend aus Schlangenpergola_Britzer Garten Berlin-Neuköllnder Oszilla- tions-Arkade und dem Ka- lenderplatz. Hier kann man deutlich sehen, wie pragma- tisch seitens des Garten-Managements mit Nichtachtung durch die Besucher umgegangen wird. Da vielen die Benutzung des gewundenen Pfades nicht angemessen erschien und sie geradewegs über das Grün trampelten, neuer Weg_Britzer Garten Berlin-Neuköllnlegte man einfach einen schnurgeraden Weg an. Das Architekten-Trio hatte sich das allerdings anders gedacht.

Überhaupt gehen nicht alle Besucher pfleglich mit dem Britzer Garten um, beklagt auch Gabriele Kleuvers. So glauben offenbar einige, dass – wenn ausgewiesene Grünflächen als Liegewiese genutzt werden dürfen – alles, was grün ist, be(ge)treten werden müsse. „Wenn Weinblätter in die häusliche Küche entführt werden, um dort gefüllt zu werden, reduzieren sich eben die Rebstöcke. Da Arnikapflanzen schneller rausgerissen werden, als wir sie nach- pflanzen können, Hexengarten_Britzer Garten Berlin-Neuköllnverzichten wir auf diese Pflanze im Hexengarten“, ist die Reaktion der Parkverwaltung.

Besonders traurig ist man dort über den Um- gang mit Kunstobjekten. Zurzeit wird offenbar Libellenthron_Britzer Garten Berlin-Neuköllnder Versteinerte Libellen- thron von Karina Raeck als Steinbruch verwendet. Es soll auch immer wieder mal die eine oder andere granitene Gehwegplatte gestohlen werden. Dabei bedarf es solcher Freveltaten nicht, um Kosten für Gerätehaus_Britzer Garten Berlin-Neuköllnden Erhalt des Britzer Gartens zu produzieren, denn der Zahn der Zeit nagt allenthalben wie z. B. am Gerätehaus oder der Sitz- bank zu erkenSitzbank_Britzer Garten Berlin-Neuköllnnen ist.

Die Erfahrung, dass die Gelenke im Alter nicht mehr Odin_Britzer Garten Berlin-Neuköllnso recht mitmachen, haben sicherlich schon einige gemacht. Und das geht offensichtlich auch Kunst- werken so. Sebastian Heinsdorffs Odin, ehemals noch voll gelenkig, musste aus Sicherheitsgründen an die Kette gelegt werden.

Aber es muss nicht nur instand gesetzt werden, es wird auch viel investiert. Ein sehr ehrgeiziges Projekt ist das Vorhaben, das auf den versiegelten Flächen anfallende Niederschlagswasser nicht mehr den Berliner Vorflutern Absetzbecken_Britzer Garten Berlin-Neuköllnzuzuführen, sondern auf dem eigenen Gelände zu nutzen. Die meisten Bauwerke dieses Regenwassermanagements sind unterirdisch. Zu sehen ist lediglich das 180 Quadratmeter große Absetzbecken. Seinetwegen musste im vorigen Jahr die Trasse der gerade erst wieder in Betrieb genommenen Parkbahn Café am See_Britzer Garten Berlin-Neuköllnumgelegt werden.

Im letzten Winter wurden auch zwei der drei Cafés, insbesondere aus energetischen Grün- den, saniert. Eines davon ist das Café am See, das seit dieser Saison Britzer Seeterrassen heißt. Zur BUGA von Engelbert Kremser ent- Bauphase Café am See_Britzer Garten Berlin-Neukölln_Grün Berlin GmbHworfen und seinerzeit unter der Mitwirkung von Sieglinde Hoheis und Wassilis Andrikopoulos an Ort und Stelle modelliert, erstrahlt es nun in neuem Glanz. Das andere, das Café am Kalen-derplatz, war ursprünglich nur als Schankter- rasse gedacht. Denn eigentlich sollte das Bauwerk als Orangerie dienen, in dem die Kübelpflanzen bei 5 bis 8° C überwintern. Für die dazu benötigte Energie wurden unterhalb des Kalenderplatzes über Rohrsysteme Erdwärme und mit Hilfe der Trombe-Wand Blick von der Orangerie_Britzer Garten Berlin-NeuköllnSonnenenergie genutzt. Die Kübelpflanzen wurden dann aber an anderer Stelle aufbewahrt; das Innere des Gebäudes wurde zum Café – allerdings nur im Sommer, weil der Aufenthalt bei 8° C unattraktiv war und eine höhere Temperatur nur durch teure elek- trische Zusatzheizung möglich gewesen wäre. Durch den Einbau von wärmedämmenden Fenstern hofft man nun auf einen ganzjährigen Betrieb.Fundament_Britzer Garten Berlin-Neukölln

Noch in diesem Jahr sollen auch viele der inzwischen verschwundenen oder stark ausgeblichenen Hinweis- tafeln erneuert werden. Eine besonders besucherfreund- liche Maßnahme ist die sukzessive Umgestaltung der Eingänge zum Britzer Garten. Am Buckower Damm wurde in diesen Tagen bereits das Fundament dafür gegossen. Damit Besucher schon frühmorgens auf das Gelände kommen können und auch der Zugang über den Massiner Weg ganzjährig nutzbar ist, sollen nun Drehkreuze installiert werden.

Und wie wird das Ganze finanziert? Lediglich für das Regenwassermanagement gab es Mittel aus dem Umweltentlastungsprogramm des Senats. Alles andere gehe zu Lasten des Haushalts, erklärt die Parkmanagerin. Immerhin erwirtschafte der Britzer Garten rund Jahreskarten_Britzer Garten Berlin-Neuköllndie Hälfte seiner Ausgaben durch Vermietung und Eintrittsgelder der jährlich rund 1,3 Millionen Besucher. Und die müssen, so sie Stammgäste sind, in dieser Saison ein ganzes Stück tiefer in die Tasche greifen: Erfuhr der Eintrittspreis anfangs eine Ermäßigung um 95 Prozent, so ist die Jahreskarte 2015 im Vergleich zum Vorjahr Britzer Garten - Britzer Mühle_Berlin-Neuköllnum satte 50 Prozent auf nunmehr 30 Euro gestiegen: Galt hier das Motto „30 Jahre = 30 Euro“? Unverändert blieb hingegen der Preis für Tageskarten.

Aber es ist nicht nur der Britzer Garten, der in diesem Jahr etwas zu feiern hat: 1865 wurde die Britzer Mühle gebaut , die – bei freiem Eintritt – am 6. und 7. Juni zum  Mühlenfest  anlässlich ihres 150-jährigen Bestehens einlädt.

Der erste Teil unseres Beitrags über die Entstehung und Entwicklung des Britzer Gartens erschien gestern mit dem Titel „Alles, was schön und teuer war: Vor 30 Jahren öffnete die Bundesgartenschau in Britz“. Unter diesem Text finden Sie auch Informationen über die Jubiläumsfeierlichkeiten am 26. April und 27. Juni.

=kiezkieker=

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2 Antworten

  1. Auch von mir Dank für diesen so liebevoll zusammengetragenen und hochinformativen 2. Beitrag. Möge er die entsprechenden Stellen als auch interessierte Besucher beflügeln, weiterhin über Gestaltung, Instandsetzung, Erweiterung nachzudenken/anzuregen.
    Als einer der nicht so vertrauten, selteneren Besucher, der lieber Papier statt Smartphone beim Rundgang in der Hand hält, wünschte ich mir die beiden Artikel als handlichen „Flyer“, vielleicht an den Kassen erhältlich.

  2. Ja, wirklich ein sehr schöner Zweiteiler zum Jubiläum des Britzer Gartens, vormals BUGA 1985: inhaltsreich, voller interessanter Details! Gratulation! Da kann der Tagesspiegel vom Sonntag mit seinem kläglichen biographisierenden Zugang nicht ansatzweise mithalten! – In den 1980er Jahren gab es noch reichlich Geld für so ein Projekt in der ja so schrecklich eingesperrten Insel West-Berlin. 100 Millionen DM wurden da abgegraben und verbuddelt! Aber jetzt mal im Ernst: Die landschaftsgestalterische Planung ist schon ein Geniestreich: An fast allen Stellen wirkt das Gelände immer viel größer als es eigentlich ist – mit seinen 90 ha (nicht einmal 1 qkm groß!) und seinem eigentlich kleinen Innenbereich und den nicht immer dicken Fingern in Richtung auf die Eingänge. Erreicht wurde dies durch die Reliefgestaltung und die Bepflanzung; schon klasse gemacht von den Landschaftsarchitekten um den erwähnten Wolfgang Miller und sein Stuttgarter Büro.

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