Hilfe für die, die keine Lobby haben

seniorenwohnanlage reuterkiez neuköllnGentrifizierung, Szene-Kneipen und -Läden, Hipster, Familien mit kleinen Kindern – das sind Begriffe und Personengruppen, die meist in einem Atemzug mit dem Reuterkiez genannt werden. Was jedoch oft vergessen wird, ist, dass es auch alte Leute gibt, die in dem Viertel zwischen Landwehrkanal und Sonnenallee leben. Selbst das seit über 11 Jahren für den Kiez zuständige Quartiersmanagement (QM) Reuterplatz, das sich in einer Selbstbeschreibung des „intensiven ’sich kümmerns'“ um das Gebiet rühmt, zeigt an dieser Zielgruppe nur wenig Inte- resse. Es gebe eine Angebotslücke an offenen Angeboten für Senioren_innen, teilt das QM-Team lapidar mit. Die Anfrage, wie viele Frauen und Män- ner der Generation 55+ im Quartier leben, beantwor- tet es mit statistischem Material aus dem Jahr 2013, das besagt, dass per 31. Dezember 16 Prozent der 19.633 Einwohner  zur betreffenden Altersgruppe gehör- ten: „Aktuellere Zahlen haben wir leider auch nicht.“ Dazu passt, dass, wie Sylvia-Fee Wadehn mitteilt, dem QM noch vor Kurzem nicht bekannt war, ob die Seniorenwohn- seniorenwohnanlage reuterkiez_neuköllnanlage Reuterkiez in der Pflügerstraße nach wie vor eine ist.

Seit inzwischen 30 Jahren gebe es die Einrichtung, deren Eigentümerin die Wohnbauten-Gesellschaft Stadt und Land ist, erzählt sie. Bis 2004 sei der Bezirk Neukölln Generalmieter gewesen und habe als sol- cher auch ein vielfältiges Betreuungsangebot nebst einem Freizeitprogramm im Gemeinschaftsraum offe- riert. „Seit der Bezirk sich rausgezogen hat, war der wadehn_wnuk_seniorenwohnanlage reuterkiez neuköllnRaum weitestgehend unbespielt und die Bewohner sich selber überlassen“, sagt Sylvia-Fee Wadehn (l., neben Sabi- ne Wnuk, der Stadt und Land-Seniorenbeauftragten), die das nun ändern und überdies die Anlage für im Kiez lebende Senioren öffnen will, um hier eine Be- gegnungsstätte für sie zu etablieren. „Die Nachfrage“, weiß sie, „ist sehr groß.“ Und als Vorsitzende des Seniorenbeirats in der Stadt und Land-Seniorenwohnanlage im Rollbergviertel weiß mieter kochen für mieter_seniorenwohnanlage reuterkiez neuköllnsie auch, wie man die Umsetzung solcher Pläne anpackt.

Mit dem wöchentlichen Mittagstisch „Mieter kochen für Mieter“ wurde letzten Dienstag der Anfang gemacht. Zur Feier des Tages kamen keilholz_wnuk_wadehn_seniorenwohnanlage reuterkiez neuköllnAnne Keilholz (l.), Geschäftsführerin von Stadt und Land, und Korne- lia Würz, die Lei- terin des Service- centers Neukölln des Wohnungsbauunternehmens, um das von Ehrenamtlichen zubereitete Drei-Gang-Menü zu servieren. Beide kennen das gemeinschaftliche Essen bereits aus dem Rollbergkiez, wo es seit vielen Jahren würz_wadehn_seniorenwohnanlage reuterkiez neuköllnvom Morus 14 e. V. praktiziert wird. „Es ist eine tolle Sache, dass es jetzt hier auch so ein Angebot gibt“, findet Anne Keilholz. Kornelia Würz (l.) hebt indes hervor, dass selbstverständlich die Mieter der 52 Wohneinheiten nicht unter der Öffnung der Anlage leiden, sondern nur Vorteile davon haben sollen, was diese mit sich bringt. Noch in diesem Jahr werde man durch Umbauten dafür sorgen, dass das Plus an Publikum kein Minus an Sicherheit für die Bewohner bedeutet. Zumal der wöchentliche Mittagstisch im Gemeinschaftsraum nur eine der Neuerungen ist, die Sylvia-Fee Wadehn anstrebt: Jeden Montag wird zum Spielenachmittag eingeladen, donnerstags steht Kaffeeklatsch und an jedem dritten mieter kochen für mieter_seniorenwohnanlage reuterkiez_neuköllnund vierten Sonnabend das gemeinsame Frühstü- cken auf dem Programm. Außerdem bietet die Sozialpädagogin Eveline Krawczyk dienstags Sprech- zeiten und Ehrenamtliche einen Begleit- und Abhol- service für die Mieter der komplett ausgebuchten Wohnanlage an.

„Wir wollen im Haus wieder ein gemütliches Bei- sammensein und eine Atmosphäre schaffen, in der die Leute sich wohlfühlen“, ist die Ambition von Sylvia-Fee Wadehn. Das Reden vom demografischen Wandel und der Tatsache, dass die Menschen immer älter, immer ärmer und immer einsamer werden, kann sie schon lange nicht mehr hören. lpg-evaluation reuterkiez_neukölln„Gehandelt wird viel zu wenig und zu einseitig“, kritisiert sie. „Und außerdem soll natürlich immer alles kostenlos sein. Was die Politik aber nicht sagt, ist, wie das umgesetzt werden kann.“ Mit ihrem in Grün- dung befindlichen Verein MoRo e. V. will sie Senioren dazu ermutigen, passende Ange- bote zu kreieren und das Handeln in die eigene Hand zu nehmen: „Eine Lobby haben sie ja leider nicht.“ Mehr noch werde auf den Mehrbedarf an Unterstützung mit der Streichung öffentlicher Leistungen wie beispielsweise im Bereich der MAE-Kräfte ehem. seniorenheim reuterkiez berliner stadtmission_neuköllnreagiert. „Deshalb“, so Wadehn, „wollen wir im April oder Mai eine Demo vor dem Job- Center Neukölln machen, um laut auf die Straße zu bringen, dass Senioren Hilfe von der Gesellschaft brauchen.“

Bei der Evaluierung des Reuterkiezes kön- nen nun die Neins hinter „Offene Angebote“ und „Beratungsangebote“ durch Jas ersetzt werden. Geschlossen ist die Ange- botslücke damit aber längst nicht. Und wer vermutet, dass sich außer der Senio- renwohnanlage in der Pflügerstraße ein weiteres Seniorenwohnheim in der Lenaustraße befindet, erliegt einem Trugschluss: Das Haus gehört zwar noch der Berliner Stadtmission, alte Menschen leben dort aber schon seit 2003 nicht mehr.

=ensa=

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