Stolpersteine als „Zeichen für die Verständigung über Glaubensrichtungen hinweg“

gunter demnig_stolpersteine finowstr27_neuköllnWas Ende letzter Woche in Neukölln geschah, wäre vor knapp 20 Jahren in Berlin undenkbar gewesen. Damals, im Mai 1996, verlegte Gunter Demnig die ersten Stolpersteine im Bezirk Kreuzberg – ohne vorherige behördliche Genehmigung, also: illegal. Freitag platzierte der Künstler im Beisein etlicher Polizisten fünf Stolpersteine, die von Berliner Ord- nungshütern gespendet wurden, vor Neuköllner Häusern. Und dann stellte die Polizei sogar noch einen Bus zur Verfügung, der Zuschauer – unter ihnen auch Spender und Paten der Stolpersteine, Nach- fahren der Opfer des Nazi-Regimes, Kulturstadträtin Dr. Franziska Giffey nebst Museum Neukölln-Leiter Dr. Udo Gößwald sowie die Bezirksverordneten Wolfgang Hecht und Marko Preuß (beide SPD) – von einer sabri_felgentreu_giffey_stolpersteine finowstr27 neuköllnAdresse zur nächsten brachte.

Finowstraße 27: In dem Haus, in dem das Islamische Kultur- und Erziehungszentrum (IKEZ) seine Geschäftsstelle hat, lebten die in Posen geborenen, verwitweten Schwestern Senni Sin- ger und Röschen Berliner, die am 17. August 1942 mit dem ersten großen Alterstransport in das stolpersteine jenny singer_röschen berliner_neuköllnKonzentra- tionslager Theresienstadt deportiert wurden. Dort verstarb am 7. September 1942 die ältere der beiden und zwei Tage später auch Röschen.

Die Gedenkrede hielt Mohamed Taha Sabri (l., neben Fritz Felgentreu und Franziska Giffey) vom mit dem IKEZ befreundeten Moschee-Verein Dar Assalam/NBS Neuköllner Begeg- nungsstätte. Während dieser die Patenschaft für die Pflege der neuen Stolpersteine in der Flughafenstraße übernommen hat, werden sich Mitglieder des IKEZ der Stolpersteine vor ihren Räumlichkeiten annehmen. „Wir sind auch dagegen, dass Menschen verschleppt werden. Wir sind alle Menschen“, begründete der aus stolpersteine deutschkron_flughafenstr24 neuköllnPalästina stammende Raed Zaloum als IKEZ- Sprecher das Engagement des Vereins.

Die Vermittlung der Patenschaften sei auf Initiative des Arbeitsgebietes Integration und Migration der für Kreuzberg-Friedrichshain und Neukölln zuständigen Direktion 5 der Berliner Polizei erfolgt, erklärte Thomas Neuendorf die Kooperation. „Die Kollegen“, so der Polizei-Pressesprecher, „haben einen mit 20.000 Euro dotierten zweckgebundenen Präventionspreis des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge erhalten und beschlossen, einen Teil davon für Stolpersteine in der Nachbarschaft von isla- stolperstein-verlegung_flughafenstr24 neuköllnmischen Vereinen zu spenden.“ Durch die Einbindung der Moscheen solle ein „Zeichen für die Verständigung über Glaubensrichtungen hinweg“ gesetzt werden.

Flughafenstraße 24: Hier erinnern nun Stolper- steine an Simon und Sara Deutschkron und gunter demnig_stolpersteine flughafenstr24 neuköllnderen Tochter Ella. Die Eltern, die bis zur Enteignungswelle im Jahr 1941 Besitzer des Hauses waren, wurden am 10. September 1942 wurde ins KZ Theresienstadt deportiert, wo sie nach wenigen Wochen starben. Am 17. März 1943 wurde auch Ella nach Theresienstadt deportiert, stolpersteine deutschkron_flughafenstr27_neuköllnwo sie über ein Jahr blieb, be- vor sie im Mai 1944 zunächst nach Auschwitz und zwei Monate später ins Konzentrationslager Stutt- hof verschleppt wurde. Dort starb Ella Simon, lissy eichert_stolperstein-verlegung flughafenstr 24 neuköllngebürtige Deutsch- kron, am 7. Dezem- ber 1944, wie Lissy Eichert (r.), Pasto- ralreferentin und Seelsorgerin der katholischen Kir- chengemeinde St. Christophorus im Neuköllner Reuterkiez, in ihrer Gedenkansprache vortrug.

Gut 1 1/2 Jahre habe es an Vorlauf benötigt, um die Biographien der Ermordeten zu recherchieren, berichtete Volker Banasiak von der Koordinierungsstelle für Stolper- steine in Neukölln. Der  für  Ella Simon war der 182., der im Bezirk verlegt wurde, weitere werden noch in diesem Jahr dazu kommen.

=ensa/Christian Kölling=

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2 Antworten

  1. Bravo! – Ich wünschte, so etwas wäre auch in München, der ‚Stadt der Bewegung‘, möglich.

    Roland Weinert.

  2. Toll, was hier gemacht wurde. Das Einzige, was mich an diesem und anderen Artikeln stört, ist die Political Correctness: Diese Menschen „starben“ nicht einfach, sie wurden ERMORDET! Das sollte niemals weichgebügelt werden, auch wenn es unangenehm auszusprechen und zu lesen ist.

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