Friedhof und Ausschnitt der wechselvollen deutsch-türkischen Geschichte bis zur Gegenwart zugleich

ender cetin_kulturhaus sehitlik-moschee neuköllnVon Juni 1797 bis zu seinem Tod im Herbst 1798, also nur etwas länger als ein Jahr, war Ali Aziz Efendi osmanischer Botschaf- ter in Preußens Hauptstadt Berlin. Warum die Erinnerung an den Staatsmann, Dichter und Mystiker dennoch bis heute in der tür- kischen Gemeinschaft Berlins gegenwärtig ist, berichtete Ender Cetin gestern im neu eröffneten Kulturhaus der Sehitlik Moschee bei seinem Vortrag über die Geschichte des Türkischen Friedhofs.

„Wer kann sich noch erinnern, wieviele Grenzkontrollen es früher gab, wenn man von West-Berlin mit dem Auto in die Türkei fuhr?“, fragte Ender Cetin, der als Kind tür- kischer Gastarbeiter im Neukölln der Vor-Wendezeit aufwuchs und nun Vorstandsvor-sitzender des Moscheevereins ist, seine rund dreißig Zuhörerinnen und Zuhörer. „Ich weiß es auch nicht mehr so genau“, schloss er an, „aber zur Zeit des Friedens von Karlowitz im Jahr 1699 lag nur die Habsburger Monachie zwischen Preußen und dem Osmanischen Reich. Da hätte es zwischen Berlin und Istanbul nur eine Pass- kontrolle gegeben.“ Die zweite Türkenbelagerung Wiens war 1683 vorbei und die preußisch-osmanischen Beziehungen vertieften sich allmählich zu einer strategi- schen Partnerschaft – nicht zuletzt wegen der Konkurrenz zwischen Preußen und der gedenktafel ali aziz efendi_urbanstrasse 15-20 kreuzbergHabsburger Monarchie.

Ein erster Gesandter des Osmanisches Reiches trat im November 1763 seinen Dienst in Preußen an. Ihm folgte Ali Aziz Efendi am 4. Juni 1797 als erster offizieller Botschafter in Berlin. Er residierte bis zu seinem Tod im Ephraim-Palais in Mitte. Nachdem Efendi am 29. Oktober 1798 ge- storben war, wurde er nach islamischer Sitte ohne Sarg auf einem eigens für ihn eingerichteten Begräbnisplatz in Kreuzberg beigesetzt. An dieser Begräbnisstelle in der Urbanstraße, wo jetzt eine Grundschule ist, erinnert eine Gedenktafel an den Diplomaten, der zudem Schriftsteller war und mit seinem Buch „Muhayyelat“ (Phantasien) ein vielbeachteter Wegbereiter der türkischen Moderne wurde. Der alte türkische Begräbnisplatz am Schlächtergraben geriet während der Franzosenzeit von 1806 bis 1812 fast völlig in Vergessenheit, bis er sehitlik-moschee neukölln1866 an seinen heutigen Ort am Neuköllner Colum- biadamm verlegt wurde, der damals außerhalb der kulturhaus sehitlik-moschee neuköllnStadtgrenze lag.

Ein Jahr später ließ der preußische König einen Obe- lisk zur Erinnerung an Efendi aufstellen. Die Spitze dieses Freundschaftsdenkmals krönt eine goldene Mondsichel. An ihrem achteckigen Sockel wird Ali Aziz Efendi auf einer der fünf arabisch beschriebenen Tafeln geehrt. Sie zeigte historischer türkischer friedhof neuköllnursprünglich direkt zum his- torischen Eingang des Friedhofs, der 1938 allerdings zerstört wurde, weil er dem Bau des Flughafens Tem- pelhof im Wege war.

Während der Weimarer Republik wuchs der historische Türkische Friedhof um 700 Quadratmeter. Eindrucksvoll spiegelt sich inzwischen ein Ausschitt der wechselvollen deutsch-türkischen Geschichte bis zur Gegenwart auf ihm wider: Bekannte Geschäftsleute wie Mo- grabstein mohamed solimar_historischer türkischer friedhof neuköllnhamed Soliman, der 1904 die Deutsche Martha Westphal heiratete, fanden hier neben Wissenschaft- lern und Medizinern ihre letzte Ruhe. Dr. Bahaddin Sakir und Cemal Azmi Bey, die im April 1922 in Berlin auf offener Straße von dem Armenier Aram Yerganian erschossen wurden, sind hier ebenso beigesetzt wie der turkstämmige Mustafa Tschokaj, der auf Seite grabstein nuri yücel_historischer türkischer friedhof neuköllnder Nazis in Zentralasien kämpfte und 1941 in Berlin begraben wurde.

Mit dem Beginn der Arbeitskräftewanderung aus der Türkei nach dem Zweiten Weltkrieg war das Gelände zunächst vor allem als Ort einer Moschee interessant. Bestattet wurden hier jedoch zumeist nur Säuglinge und kleine Kinder, während die Älteren überwiegend in der Türkei begraben werden wollten. 2004 wurde am historischen Türkischen Friedhof, für den wegen Platzmangels eine Beisetzungssperre verhängt wurde, die Sehitlik Moschee eröffnet. Für Bestattungen war bereits 40 Jahre zuvor von der Stadt Berlin ein etwa 2.000 Quadratmeter großes Gräberfeld auf dem alten Garnison- friedhof am Columbiadamm  zur Verfügung gestellt worden.

Am 22. März um 15 Uhr wird das Vortragsprogramm im Kulturhaus der Sehitlik Moschee fortgesetzt. Thomas Weiberg referiert zum Thema „Mein Sultan möge lange leben: Sultan Abdülhamid und Kaiser Wilhelm II. – eine deutsch-osmanische Freundschaft“.

=Christian Kölling=