72 Meldungen mehr als im Vorjahr: Neuköllner Register macht Diskriminierung im Alltag auf lokaler Ebene sichtbar

refugees welcome_neuköllnMorgen beginnt nicht nur eine neue Woche, morgen beginnen auch die Internationalen Wochen gegen Rassismus. Mehr als 70 Organisationen und Einrichtungen beteiligen sich bundesweit mit Veranstaltungen an den beiden Aktionswochen rund um den Welttag gegen Rassismus. Zum ersten Mal ist, nach einem Mehrheits-Beschluss der Bezirksverord- netenversammlung, auch das Neuköllner Be- zirksamt dabei.

Um rechtsextreme und diskriminierende Vor- fälle in der Hauptstadt zu erfassen und doku- mentieren, wird seit zehn Jahren von der Koor- dinierungsstelle Berliner Register ein Netz bezirksbezogener Register aufgebaut: Das erste wurde 2005 in Pankow eingerichtet; Lichtenberg, Marzahn-Hellersdorf, Treptow-Köpenick und Friedrichshain-Kreuzberg folgten. Seit Juni 2013 gibt es auch ein Neuköllner Register. Inzwischen verfügen 10 der 12 Berliner Bezirke über eine solche Anlaufstelle – nur Steglitz-Zehlendorf und Reinickendorf leisten sich keine.

Rund 1.100 Vorkommnisse „mit rassistischen, rechtsextremen, antisemtischen, lbgtiq-feindlichen und anderen diskriminierenden Hintergründen“ wurden den über die Stadt verteilten Registern im vergangenen Jahr gemeldet, teilten die Koordinierungsstelle und die Opferberatungsstelle ReachOut dieser Tage in einer gemeinsamen Presseerklärung mit. Bei 179 handelte es sich um Angriffe, bei denen „Menschen verletzt, gejagt und massiv bedroht“ wurden. Außerdem waren etwa 500 Propagandaaktivitäten, über 170 Kundgebungen, Demonstrationen und flüchtlinge_neuköllnInformationsveranstaltungen sowie Beleidi- gungen und Beschimpfungen zu verzeich- nen. Fast die Hälfte aller Begebenheiten, „die sich nicht unbedingt in den Statistiken der Ermittlungsbehörden widerspiegeln“, sei rassistisch, andere antisemitisch motiviert gewesen, resümierten die beiden Organi- sationen: „Auffällig war der Anstieg an ras- sistischen Vorfällen in den Ortsteilen in denen Unterkünfte für geflüchtete Menschen eröffnet wurden.“ Auch die Zahl antiziganistischer Delikte habe die des Vorjahres deutlich übertroffen. Dies resultiere jedoch insbesondere daraus, dass mit dem Amaro Foro e. V. nun ein Partner gewon- nen werden konnte, der eine  berlinweite Antiziganismus-Chronik  führt.

Seit Juni 2013 ist dem Verein am Weichselplatz außerdem die Registerstelle Neukölln angegliedert. Im Jahr 2014 dokumentierte mitmachausstellung kunst + sprache, kinderkünstezentrum berlin-neuköllnsie insgesamt 125 Vorfälle. Dies bedeute zwar gegenüber 2013 eine Steigerung von 135 Prozent, bedingt sei die Entwicklung aber nicht nur durch neonazistische Aktivitäten vor allem im Süd-Neuköllner Ortsteil Rudow und rassistische Proteste gegen die Errichtung von Unterbringungen im Bezirk, sondern auch „durch die Einführung der Registerstelle Neukölln und Anwerbung von Anlaufstellen“. Als repräsentativ für das gesamte Ausmaß der Vorfälle in Neukölln dürfe man die Zahl aber nicht betrachten, warnt Projektleiter Marius Krauss. Vielmehr vermutet er, „dass Betroffene nicht genügend über Meldemöglichkeiten informiert sind oder die geringe Zahl von Anlaufstellen im Bezirk eine repräsentative Dokumentation proasyl-warnhinweis_neuköllnnoch erschwert.“ Für das laufende Jahr bilde daher die Öffentlichkeits- und Netzwerkarbeit sowie die Anwerbung von Anlaufstellen einen Projektschwerpunkt. Nur so könne die Doku- mentation und Analyse von rassistischen Vorfällen mit oder ohne Anzeigerelevanz und auch das Sichtbarmachen von Diskriminie- rung im Alltag auf lokaler Ebene verbessert werden. Durch die Veröffentlichung der Vorfälle und die aktive Beteiligung der Bürger am Register wachse das Interesse für die Problematik der Diskriminierung, ins- besondere in der eigenen Nachbarschaft. Steigende Fallzahlen drücken folglich nicht nur die Quantität der Delikte, sondern auch den erhöhten Grad von Sensibilisierung und Empathie aus.

logo internationale wochen gegen rassismusFür die Internationalen Wochen gegen Ras- sismus 2015 wurden in Neukölln folgende Veranstaltungen angemeldet:

16. – 29. März: Sonnen-Grundschule
Die Schülerinnen und Schüler setzen sich im Rahmen des Unterrichts anhand der Broschüre „Materialien für rassismuskritische Bildungsarbeit“ mit den Themen der Internationalen Wochen gegen Rassismus aus- einander.

18. März, 18.30 Uhr: Rathaus Neukölln (BVV-Saal): „Wer gehört dazu?“
Andersdeutsch in Deutschland – Erfahrungen, Identitäten und Zuschreibun- gen: Eröffnung und Begrüßung durch Sozialstadtrat Bernd Szczepanski / Vortrag von Karl Chung / Podiumsdiskussion mit Andreas Altenhof, Karl Chung, Kazim Erdogan, Hülya Karci und Joachim Krauß

20. März, 11.55 Uhr: AWO-Geschäftsstelle (Erkstr. 1): AWO gegen Rassis- mus – AWO für Vielfalt!
Wir gehen vor unsere Einrichtung und die Geschäftsstelle, um deutlich zu machen, dass Rassismus in der AWO und in keinem demokratischen Raum Platz haben darf!

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