„Der Normalfall ist nicht Sex und Drogen aufm Klo, sondern die Nichteinhaltung der Hausordnung und ein zugespitztes Aggressionspotenzial bei älteren Kindern und Jugendlichen“

stadtbibliothek neuköllnVorgestern brach in der Helene-Nathan-Bibliothek in den Neukölln Arcaden eine neue Ära an: Seitdem bewegen sich dort nicht nur Besucher und Mitarbeiter durch die von Bücherregalen flankierten Gänge, sondern auch zwei Wachschützer. In einer dreimona- tigen Testphase, die den Bezirkshaushalt um 20.000 Euro erleichtert, soll ausprobiert werden, ob durch die Präsenz der Männer der Rheinischen Sicherheits- dienste die Atmosphäre in der Bücherei auf ein Level geschraubt werden kann, das den Angestellten ein angenehmes Arbeiten und den Besuchern einen ungestörten Aufenthalt  ermöglicht.

„Der erste Tag war sehr positiv“, resümiert Brigitte Lichtfeldt am Tag 2 des Experiments. Die Bibliothekarin, die Ende Januar zur kom- missarischen Leiterin der Neuköllner Bücherei aufstieg, arbeitet seit 1979 dort und kann ob ihrer Erfahrung sehr wohl zwischen guten und schlechten Tagen unterschei- stadtbibliothek neukoellnden. Momentan lassen nicht nur Konflikte mit verhal-tensauffälligen Besuchern das Pendel vom positiven in den negativen Bereich schwingen. „Das Herum- reiten mancher Medien auf Begriffen, die Spitzen- kundentoiletten_stadtbibliothek neuköllnvorkommnisse beschreiben, irri- tiert uns wirklich und nervt.“ Sex und Drogen- dealerei im WC-Trakt, Brandstiftung und Hand- greiflichkeiten – seit durch eine Indiskretion Interna über Vorfälle in die Öffentlichkeit gerieten, ist eine Erwartungshaltung geweckt, die der Alltag in der Bibliothek nicht befriedigen kann. Das müssen auch die feststellen, die sich als Kunden ausgeben, aber, so Brigitte Lichtfeldt, schon durch ihre einschlägigen Fragen als undercover recherchierend auffallen. „Der Normalfall ist nicht Sex und Drogen aufm Klo, sondern die Nichtein- haltung der Hausordnung und ein zugespitztes Aggressionspotenzial bei älteren pressekonferenz sicherheitsdienst_stadtbibliothek neuköllnKindern und Jugendlichen“, hatte die Biblio- thekarin (2. v. l.) bereits bei der Presse- konferenz anlässlich der Einführung des Sicherheitsdienstes betont.

Da würden Besucher, während sie an den Bücherei-PCs kostenlos durchs Internet sur- fen, ihre Lunchpakete und Thermoskannen auspacken. Andere bringen eigene Laptops mit, legen die Verlängerungsschnüre quer durch den Raum und damit gefährliche Stolperfallen aus. Kleine Kinder nutzen die Treppe als hausregeln_stadtbibliothek neuköllnSpielgerüst und größere stören diejenigen durch Radau, die in Ruhe lesen, für die Schule recherchieren oder ihre Hausaufgaben machen wollen. Jeder Verstoß an sich ist eher eine Banalität, doch in der Addition kommt man inzwischen zu dem Ergebnis, dass die Hälfte der Arbeitszeit der Mitarbeiter dafür draufgeht, für die Einhaltung der Spielregeln zu sorgen. Worunter wiederum die Beratung anderer Besucher extrem leidet. Dass sich das Bibliothekspersonal bei Disziplinierungsversuchen zudem häufig mit Verbalattacken konfrontiert sieht, trug wesentlich zu der Erkenntnis bei, dass „nun ein Punkt erreicht ist, an dem“, so Bezirksstadträtin Dr. Franziska Giffey (r.), „in anderer müller_lichtfeldt_giffey_stadtbibliothek neuköllnWeise als bisher darauf reagiert werden muss.“ Sie trage schließlich die Ver- antwortung für ihre Mitarbeiter, die sich zwar der Tatsache bewusst seien, dass ihr Berufsalltag nicht immer konfliktfrei ablaufen könne, die aber andererseits unter der psy- chischen Daueranspannung zunehmend litten. „Der Sicherheitsdienst nimmt den Angestellten die Last von den Schultern und soll dafür sorgen, dass die Bibliothek als Ort für alle erhalten bleibt“, unterstrich Bernd Müller (l.), der Leiter des bezirklichen Amts stadtbibliothek neuköllnfür Weiterbildung und Kultur.

Bis zu 2.000 Besucher „aller Bevölkerungs-, Alters- und Interessengruppen“, so die Bibliotheksleiterin, zählt die Einrichtung täglich, die seit 14 Jahren über den gewerblichen Mietern des Einkaufszentrums an der Karl-Marx-Straße untergebracht ist. Durch die zentrale Lage und die breitge- fächerte Medienausstattung, die einem Etat von 430.000 Euro zu verdanken ist, konnte die Bibliothek ihre Attraktivität deutlich steigern. „Sie ist ein Aufenthaltsort, der unter Jugendlichen als cool gilt“, weiß Franziska Giffey. Mehr noch ist sie aber eine Location, die für Eltern in die Kategorie eines sicheren, geschützten Ortes gehört. Für dieses Image sei die von sensationslüsternen Schlagwörtern angeschobene mediale Welle äußerst kontraproduktiv, kritisiert Brigitte Lichtfeldt. Insbesondere Mädchen aus konservativen muslimischen Familien könnten die Leidtragenden sein. „Bei mir zuhause sind sie jetzt voll beunruhigt“, bestätigt Hatice, die sich selber eine Freistunde genehmigt hat, um noch schnell etwas für ein Referat zu recherchieren. Die Bibliothek ist für die 14-Jährige ein Ort von wenigen, an denen sie sich in ihrer Freizeit aufhalten kann, ohne dass ihre Eltern Verwerfliches vermuten. Dass nun brigitte lichtfeldt_rheinische sicherheitsdienste_stadtbibliothek neuköllnSecurity-Männer für Ordnung sorgen sollen, findet sie schon wegen des Sicherheitsempfindens ihrer Familie gut.

In einem für kommunalpolitische Maßstäbe rasan- ten Tempo von knapp vier Wochen gelang es Franziska Giffey, die vorläufige Einrichtung eines Wachschutz durch alle Entscheidungsinstanzen zu bringen. Am Ende des beschränkten Ausschrei- bungsverfahrens habe man sich für die Rhei- nischen Sicherheitsdienste  (RSD) entschieden, die bereits an neun Neuköllner Schulen im Einsatz sind. „Einlass- oder Zugangs- kontrollen wird es durch die Mitarbeiter nicht geben, sondern sie sollen lediglich durch den Charakter einer Aufsicht gewährleisten, dass der Alltag in der Bibliothek ruhig und gesittet abläuft“, giffey_jahn_baumann_stadtbibliothek neuköllnumriss die künf- tige Bezirksbürgermeisterin das Aufgaben- feld.

„Wir kennen uns mit den Gepflogenheiten in öffentlichen Gebäuden aus“, merkte RSD- Kundenbetreuer Michael Baumann (r.) an. Dass es da Regeln gebe, sei eigentlich allen bekannt, die die Räumlichkeiten betreten, „aber zeitweise geraten sie eben leider in Vergessenheit“. Diese Regeln wieder in Erinnerung zu rufen, die auch den Nutzern der Helene-Nathan-Bibliothek bei Anmeldungsgesprächen und durch Aushänge kommuniziert werden, erachtet Einsatzleiter Masieh Jahn (M.) folglich als Schwer- punkttätigkeit seiner mehrsprachigen und deeskalationsgeschulten Kollegen, die immer zu zweit vor Ort sein werden: „Wir sind keine Rausschmeißer und überneh- kinderbücherei_stadtbibliothek neuköllnmen keine Polizeiaufgaben, setzen notfalls aber Maßnahmen bis hin zu zeitweiligen Verweisen durch, wenn diese von den Bib- liotheksmitarbeitern für angemessen gehal- ten und angeordnet werden.“

Um das Reagieren auf Störungen und Verstöße musste sich das Kollegium um Brigitte Lichtfeldt bisher selber kümmern. Manchmal, gesteht sie selbstkritisch, verliere man dabei leider schon die Conte- nance und komme sich „wie ein Hausdrache“ vor. Die Frequenz zeitweiliger Verweise sei schwierig festzumachen, sagt sie: „Es gibt Tage, da passiert das dreimal und dann wieder für Wochen gar nicht.“ Die Bibliothek sei neukölln arcadeneben, wie Franziska Giffey es nannte, ein „Spiegel der Situation drum herum“.

Zugleich spiegelt sich in ihr aber auch die unzureichende Versorgung mit Freizeit- angeboten für Jugendliche in Nord-Neukölln wider. Im Gespräch war oder ist manches, um die Lage zu ändern, vorhanden ist dagegen wenig. Ein Vorstoß des Bezirksamts, durch die Anmietung von Räumen in den Neukölln Arcaden die Engpässe und Reibungspunkte in der Bibliothek zu reduzieren, verlief im Sande. Dort wäre zwar Platz und wird großflächig der Treffpunkt-Charakter propagiert, doch Jugendliche sollen sich davon nicht angesprochen fühlen. „Wenn sie dann vom Center-Sicherheitsdienst verscheucht werden, kommen sie zu uns“, benennt Brigitte Lichtfeldt eine weitere Facette aus dem Bibliotheks-Alltag.

=ensa=

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