Baustelle in Neukölln als Bühne für eine theatrale Zeitreise durch Berlins Geschichte

kms145 neuköllnVorne hui, hinten pfui: Was für manches Haus in der Karl-Marx-Straße, aber nicht nur dort gilt, trifft auf das Gebäude mit der Hausnummer 145 nicht zu. Auch beim Umkehren der Redewendung bleibt die kms145_neuköllnRealität in weiter Ferne, denn von hinten sieht das Haus genauso desolat aus. Deshalb soll bald mit der Sanierung be- gonnen werden.

Jetzt aber ist das abgerockte Gebäude erstmal Bühne für vier Vorstellungen des Theaterprojekts „Demokra- tie! Meinen Enkeln erklärt“. Möglich sei das durch eine Zwischennutzung geworden, die bis April laufe, informiert  Katja von der Ropp vom  Brand – Verein für theatrale Feldforschung e. V.. In einem „sehr sportlichen Zeitplan von drei Wochen“, erzählt sie, habe man die Proben in der Baustelle durchgezogen und noch bis zum Tag vor der Generalprobe Veränderungen eingearbeitet. Inzwischen liegt die Premiere hinter katja von der ropp_sonia antinori_ demokratie meinen enkeln erklärt_kms145 neuköllndem Ensemble, zwei weitere Vorstellungen stehen ihm aber noch bevor.

Das alte, verlassene Haus sei eine Metapher für die Historie von Berlin, sagt Sonia Antinori (r., neben Katja von der Ropp). Die Italienerin hat das Kapitel „Im Krieg und in der Liebe ist alles erlaubt“ geschrieben, mit dem das Publikum im Parterre den theatralen Parcours beginnt, der durch zentrale Ab- schnitte deutscher Geschichte führt. „Das Stück ist eine wichtige Hilfestellung aus der Vergangenheit für die junge Generation“, fasst die Autorin die Grundidee zusammen. Wobei diese nicht auf Berlin beschränkt ist, handelt es sich doch bei „Demokratie! Meinen Enkeln erklärt“ um einen Teil des europäischen demokratie meinen enkeln erklärt_eg kms145 neuköllnProjekts WISE-Workshop Identity: a Story about Europe, das in Polen, Italien, Groß- britannien und Deutschland stattfand, um Biografien 65- bis 98-Jähriger zu sammeln und ihr politisches Engagement heraus zu arbeiten. Aus den Erinnerungen entstand schließlich eine Zeitreise in 12 Kapiteln, von denen jedes der beteiligten Länder drei für die Inszenierung eines Theaterparcours be- kam. „Es ist ein Entwicklungsroman über politische Strömungen und die Geschich- te des Bewusstseins der Bürger, der zur Beschäftigung mit historischen Ereignissen anregen soll“, resümiert Sonia Antinori. Wann und wie werden Menschen überhaupt kms145 neuköllnpolitisch oder gesellschaftlich aktiv? Das ist die thematische Klammer, die die Kapitel zusammenhält.

Für Antinori, Tochter eines Verwaltungs- beamten, der 1972 in Italien „verhinderte, dass ein Mord vertuscht wird“, setzt die Überlegung noch früher an. Sie beobachtet mit Besorgnis die „Anti-Politik-Stimmung“, die in ihrer Heimat grassiert, und will elena brückner_heidrun kaletsch_demokratie meinen enkeln erklärt_kms145 neuköllnImpulse dazu beitragen, dass sich Menschen überhaupt interessieren und engagieren.

„Demokratie! Meinen Enkeln erklärt“ bringt Ge- schichten von Zeitzeugen, die ihre politische Heimat fanden, auf eine sehenswerte Bühne. Nach Sonia Antinoris Kapitel, das zeitlich zwischen den Nachkriegsjahren und der 68er Bewegung angesiedelt ist, geht es durch ein heruntergekommenes Treppenhaus hinauf in eine weitläufige, einst schmucke Wohnung in der 1. Etage. „Vertrauen ist gut“, heißt eine der Etappen, die Heidrun Kaletsch (r.) als Autorin zu der theatralen Zeitreise beitrug: Da sie auch Schauspielerin ist, übernahm heidrun kaletsch_elena brückner_demokratie meinen enkeln erklärt_kms145 neuköllnsie außerdem die Rolle an der Seite von Elena Brückner (l.) und knüpft mit ihr gemein- sam an die Flower Power-Ära an.

Ebenfalls aus Kaletschs Feder stammt die Episode „Links ist da, wo keine Heimat ist“, die die Zeit vom Mauerbau bis -fall  dominik stein_demokratie meinen enkeln erklärt_kms145 neukölln fokussiert und – zu- mindest noch bei der Generalprobe – mit Dominik Stein enttäuschend besetzt war. Während seine Schauspiel-Kolleginnen Textsicherheit und Aus- drucksstärke bewiesen, las er seinen kompletten Part vom Blatt ab und verstieg sich in große Gesten und exzessives Proklamieren statt Emotionen zu hof_kms145 neuköllntransportieren.

Bei den Vorstellungen wer- de mittels Lichteffekten eine gespenstische Atmo- sphäre durch die Räume ziehen, kündigte Sonia Antinori an, während glei- ßende Mittagssonne durch verstaubte Fenster in das Nachbarhaus des Heimathafens Neukölln drang, das für die kulturelle Nutzung wieder hergerichtet werden soll. Dass das Ambiente der Wohnung nicht zur visuellen Untermalung der Inszenierung eingebunden wurde, ist ein wenig bedauerlich. Denn die leeren Räume mit ihren herrlichen Flügeltüren drängten sich förmlich auf, als Projektionsflächen für Fotos oder kurze Videosequenzen der Ereignisse genutzt zu werden. Damit wären die Kapitel der Geschichte noch lebendiger in Erinnerung gerufen und das sehenswerte Stück des ambitionierten Theaterprojekts zum multimedialen Erlebnis geworden.

Die letzten beiden Vorstellungen des Stückes „Demokratie! Meinen Enkeln erklärt“  im  KMS 145  sind  am 6. und 7. März um 19.30 Uhr. Eintritt: 15 Euro/ erm. 10 Euro; Reservierung wegen auf 30 Personen begrenzter Platzzahl empfohlen (Heimathafen Neukölln, Tel. 030 – 56 82 13 33), Karten an der Abendkasse ab 1 Stunde vor Vorstellungsbeginn in der Spielstätte.

=ensa/Reinhold Steinle=

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