Ein Laden, zwei Designerinnen: Mode trifft Interieur

mohnlicht_linn annen_neukoellnEs ist ein Versuch, und er begann gestern. Regel- mäßig will die Neuköllner Wirtschaftsförderung künftig aus dem reichhaltigen Reservoir der Kreativunter-nehmen eines auswählen, um es als Shop des Monats zu präsentieren. Das Anliegen sei, sagt Clemens Mücke, Chef der bezirklichen Einrichtung, dass der Fokus auf die Läden derer gelenkt wird, die sonst bei Fashion Shows in Erscheinung treten. Durch die Veranstaltungsreihe „Hauptsache kreativ“ solle ihnen die Gelegenheit gegeben werden, statt nur einer Auswahl das komplette Schaffensspektrum nebst dem Verkaufsraum vorstellen zu können.

Den Anfang machten die Modedesignerin Linn Annen und die Produktdesignerin Conny Kraus, die vor fünf Jahren mit ihrem Interieur-Label Mohnlicht in den Schillerkiez zog. Seit eineinhalb Jahren teilen sich die beiden Frauen den Laden, der einen deutlichen atmosphärischen Kontrapunkt zum sonstigen Gemohnlicht_linn annen_neuköllnwerbe in der Mahlower Straße setzt: Schräg gegenüber ist eine Eckkneipe, ein paar Häuser weiter neuerdings ein Unternehmen, das muslimische Bestattungen offeriert, außerdem haben sich eine Kita, ein Migrantenverein und ein Nachbarschaftstreff hier angesiedelt. „Viel Laufkund- schaft haben wir nicht“, bemängelt Conny Kraus (r.). Wäre conny kraus_mohnlicht_neuköllnder Laden nur eine Parallelstraße wei- ter südlich, sähe die Situation ent- schieden anders aus: „Aber daran, dass ich mehr Auftragsarbeiten von Leuten aus dem Kiez bekomme, macht sich schon bemerkbar, dass sich die Gegend grundsätz- lich verändert.“ Vorherige gewerbliche Nach- barn haben das bereits durch exorbitante Mieterhöhungen zu spüren bekommen – und den Kiez verlassen. Ihr Vermieter lasse bisher glücklicherweise keine Ambitionen mohnlicht-leuchtobjekte_neuköllnerkennen, den Laden mit Ofenheizung sanie- ren zu wollen, um den Mietzins steigern zu können.

„Als ich hier einzog, waren die Räume total heruntergekommen.“ Mehrere Schichten Ta- peten klebten an den Wänden, an den Türen stapelten sich die Lackanstriche, beschreibt die diplomierte Produktdesignerin das Am- biente. Was ihr hingegen sofort gefiel, war, dass auch mit Steckdosen nicht gespart wurde, denn die braucht sie vor allem, um ihre Lampen und Lichtobjekte in Szene zu setzen, die in Handarbeit aus Glas- fasermatten und flüssigem Kunstharz entstehen. „Das Material lernte ich im Studium kennen, wo es wegen seiner Leichtigkeit, Formbarkeit und Stabilität als Hilfsmittel genutzt wurde, um Protolinn annen_mohnlicht_neuköllntypen her- zustellen“, erzählt sie. Die Idee, getrocknete Blüten und gepresste Pflanzenteile wie Blätter oder filigranes Perückenkraut einzulegen, die zum Charakteristischen der Mohnlicht-Wohn- raumaccessoires wurde, lieferte Bernstein- schmuck dazu. Durch das erste gemeinsame Projekt mit Linn Annen wurde schließlich die linn annen artfashion_neukoellnLinie durch Wort- Licht-Unikate er- gänzt.

Bei der Modedesignerin, die die gesamte Produktions- kette ihrer Linn Annen-Kreationen selber in der Hand hält, heißt die Verschmelzung von Poesie und Design WortGewand. Es sei kein Sticken, sondern ein Schreiben mit der Nähmaschine, das ohne Vorlage oder -zeichnung geschehe, erklärt sie den Herstellungsprozess der ex- klusiven Einzelstücke: „Wenn ich mich verschreibe, muss das eben durchgestrichen werden.“ Einerseits verzeihe der Stoff ein korrigierendes Auftrennen nicht. Anderer- linn annen_neuköllnseits aber legt Linn Annen (r.) großen Wert auf den handwerklichen Charakter ihrer Mode. „Durch den Hang, immer alles noch perfekter haben zu wollen, geht was verlo- ren“, findet sie, ohne das als Widerspruch zum eigenen Ehrgeiz, qualitativ hochwertige Kleidung zu kreieren, verstanden wissen zu wollen.

Typisch für den Linn Annen-Look, der maxi- mal in Mikroserien von drei Teilen im Ladenatelier im Neuköllner Schillerkiez produziert wird, sei eine schlichte, besondere Eleganz. „Und die Schnitte sind immer ein bisschen außergewöhnlich“, beschreibt die Designerin ihren Stil, der sich auch – aber nicht nur – in WortGewändern ausdrückt.

Der Laden von Mohnlicht und Linn Annen (Mahlower Str. 6) ist von don- nerstags bis samstags zwischen 14 und 19 Uhr geöffnet.

Der nächste Shop des Monats im Rahmen der Reihe „Hauptsache kreativ“ ist die Buchhandlung Leporello, die zu den Initiatoren des Literatur-Events Rudow liest gehört, das  in diesem Jahr am 6. und 7. März stattfindet.

=ensa=

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