Dankbar für Essen und warme Schlafplätze: Aus einem Schulgebäude wurde in Neukölln ein Heim für Flüchtlinge

5_erstaufnahmeheim mariendorfer weg_neuköllnWo im letzten Jahr noch Kinder der Hermann-Sander-Schule unterrichtet wurden, eröffnete am 23. Januar eine Notunterkunft für Flüchtlinge. Ein Laken, auf dem das Wort „Willkommen“ in vielen verschiedenen Sprachen steht, hängt am 1_erstaufnahmeheim mariendorfer weg_neuköllnZaun des Grundstücks am Mariendorfer Weg. Wer das Ein- gangstor nebst den beiden freundli- chen Security-Män- nern passiert und die Tür zum Gebäude geöffnet hat, wird von Wärme empfangen. Den physika- lischen Part trägt die Heizung dazu bei, den zwischenmenschlichen Heimleiterin Diana Kampf. „Es ist mir eine Herzensange- legenheit, dass sich die Leute hier so wohl wie möglich fühlen“, sagt sie nicht nur, 2_erstaufnahmeheim mariendorfer weg_neuköllnsondern strahlt es auch aus.

Dass in Neukölln diese Unterkunft ge- schaffen wurde, ist der amtierenden Schulstadträtin und künftigen Bezirksbür- germeisterin Dr. Franziska Giffey (SPD) und dem Sozialstadtrat Bernd Szczepanski (Grüne) zu verdanken. Als Berlins Landesamt für Gesundheit und Soziales (LAGeSo) am 6. Januar alle Bezirksämter aufforderte, „Turnhallen im Bezirk zu benennen, um kurzfristig die große Zahl der Flüchtlinge, die nach Berlin kommen, unterzubringen“, entschieden sie sich für das Anbieten einer weitaus humaneren Möglichkeit. „Wir wollen nicht, dass die Flüchtlinge in Turnhallen auf engstem Raum ohne jede Privatsphäre hausen müssen und werden deshalb alles daran setzen, andere Alternativen zu suchen. Mit den ehemaligen mobilen Unterrichtsräumen der Hermann-Sander-Schule ist uns das jetzt gelungen“, teilte Giffey nur sechs Tage nach dem LAGeSo-Aufruf mit. Weitere 11 Tage später war mit der NTH Hilfe in Berlin 3_erstaufnahmeheim mariendorfer weg_neuköllngGmbH, 100prozentige Tochter des Evangelischen Diakonievereins Berlin-Zehlendorf e. V., ein Träger für das vom LAGeSo als Notunterkunft beschlagnahmte Gebäude gefunden, und Diana Kampf, ihre zwei Mitarbeiterinnen und zwei Mitarbeiter konnten die ersten Flüchtlinge in Empfang nehmen.

Inzwischen sind alle 100 Betten mit Menschen aus dem Kosovo, Syrien, Bosnien, Afghanistan und dem Irak belegt. Eltern mit Kindern und Paare werden in den Familienzimmern im Parterre untergebracht, in der 1. Etage wurden aus Klassenräumen Schlafsäle für Männer. Im Aufenthaltsraum im Erdgeschoss, der auch Speisesaal ist, zeigt sich an Tafeln und anderen  Relikten nicht  nur  die bisherige  Nutzung des Hauses besonders deutlich, sondern auch die

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altersmäßige Bandbreite der Bewohner. „20 Kinder zwischen 0 und 14 Jahren und Erwachsene der Jahrgänge 1990 bis 1950 leben hier momentan“, informiert Kim Ständer, eine der Mitarbeiterinnen. Über welchen Zeitraum sich der Aufenthalt erstreckt, hänge von der KÜ, der Kostenübernahme durch das LAGeSo, ab: Aktuell seien es maximal zwölf Wochen, danach stehe der Umzug in eine Erstauf- nahmeeinrichtung an. Könnten die Flüchtlinge selber entscheiden, ob sie die Notunterkunft am Mariendorfer Weg verlassen oder bleiben wollen, würden sich wohl viele für das Bleiben entscheiden. „Die meisten wissen, dass es ganz andere Unterbringungen gibt. Was wir immer wieder als Feedback bekommen, ist, dass sie hier sehr zufrieden 8_erstaufnahmeheim mariendorfer weg_neuköllnsind, und man spürt ihre Dankbarkeit, Essen und einen warmen Schlafplatz zu haben“, sagt Diana Kampf.

Die Atmosphäre im Gemeinschaftsraum ist unaufgeregt, ja, gelassen. Einige der Frauen, Männer und Kinder widmen sich dem eingeschweißten Frühstück, das am Morgen von einer Cateringfirma geliefert wurde. Vollverpflegung gehört zum Standard dieser Art von Unterkunft wie ein frisch bezogenes Bett und die Ausstattung mit Handtüchern und Hygieneartikeln. Eine Küche, in der selber gekocht werden kann, gibt es aber nicht. Alle Mahlzeiten sind halal, zudem, so die Heimleiterin, würden Wünsche der Bewohner an den Caterer weitergeleitet. Doch insbesondere beim Frühstück klafft oft eine Lücke zwischen Angebot und Nachfrage. „Im Kosovo und vielen anderen Kriegsgebieten besteht das normale Frühstück aus heißem Wasser mit Zucker, weil das einerseits catering_erstaufnahmeheim mariendorfer weg_neuköllnbillig ist und andererseits einen schnellen Energieschub bringt. Brot mit Marme- lade, Käse oder Wurst als erste Mahlzeit des Tages kennen die Flüchtlinge oft gar nicht“, hat Diana Kampf erfahren. Statt sich daran zu ge- wöhnen, würden viele an bekannten Ritualen festhalten und lediglich das Wasser durch Tee ersetzen: „Der Spitzenzuckerverbrauch liegt bis- her bei 7 Kilogramm an einem Tag.“

Was die Menschen in ihrer Heimat und auf der oft monatelangen Flucht erlebt haben, verbindet sie – trotz unterschiedlicher Sprachen. „Die meisten sind sehr sozial, und die Hilfsbereitschaft ist enorm. Das ist wie eine große Familie“, findet Kim Ständer. Die Kommunikation mit Händen und diana kampf_nth-erstaufnahmeheim neuköllnFüßen klappe irgendwie immer. Erleichternd komme hinzu, merkt Diana Kampf (l.) an, dass sie zwei sehr sprachbegabte Mitarbeiter habe.

Unterstützt wird das Team von mehreren Ehrenamt- lichen aus der Nachbarschaft: „Da hat es sofort viele positive Signale gegeben.“ Die Kleiderkammer sei zuweilen übervoll, was sich zwar in Anbetracht der hohen Fluktuation der Bewohnerschaft bald norma- lisiert, doch oft wird abgegeben, was nicht primär gebraucht wird. „Man merkt sehr deutlich“, so Kampf, „dass Frauen öfter ihre Schränke ausmisten, um Platz für neue Klamotten zu haben.“ Mit Textilien für große, kräftige Männer sei das Wohnheim auch üppig deutschkurs-einladung_erstaufnahmeheim mariendorfer weg_neuköllnausgestattet, allerdings hätten die meisten Flüchtlinge eine zierlichere Statur.

Sehr angetan sind die Mitarbeiter auch von der tat- kräftigen Hilfe, die von Neuköllnern aus der Umge- bung geleistet wird. Um den seitens der Flüchtlinge geäußerten Bedarf an Deutschunterricht zu decken, bietet ein Anwohner nun einen entsprechenden Kursus im Haus an. Andere motivieren zu Spazier- gängen oder kleinen Ausflügen und begleiten diese. Einige der Flüchtlinge nehmen es dankbar an, einige halten sich aber nur zum Schlafen im Heim auf und bewegen sich auf eigene Faust oder mit bereits in Berlin lebenden Verwandten und Freunden durch die Stadt. „Großartig ist auch, dass sich Ehrenamtliche gemeldet haben, um stundenweise die Kinder zu betreuen und beschäftigen“, ergänzt Kim Ständer. Regelmäßig würden sie mit ihnen spielen, basteln oder malen. Letzteres führt  schon jetzt  dazu, dass die Wände im Aufenthaltsraum mit  vielen  Zeichnungen

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dekoriert sind: „Wenn die Familien hier ankommen, malen die Kinder dunkle Bilder. Irgendwann werden sie bunt.“ So ist die Beschäftigung auch ein wenig Trauma-spielplatz_erstaufnahmeheim mariendorfer weg_neuköllnbewältigung und Abbild der Kinderseelen, die in ihrer Heimat und auf der Flucht Schlimmes erleben mussten.

Fraglich ist indes noch, ob der ehemals zur Hermann-Sander-Schule und nun zum Heim gehörende Spielplatz sowie die Grünanlage hinter dem Haus ihre Pluspunkt-Qualitäten im Sommer richtig ausspielen werden können. Denn der Vertrag zwischen dem LAGeSo und der NTH Hilfe in Berlin gGmbH wurde vorerst nur bis April abgeschlossen. Sie habe gehört, dass der Bezirk Neukölln auf 7_erstaufnahmeheim mariendorfer weg_neuköllndem Grundstück eine Kita bauen wolle, spekuliert Diana Kampf über den Grund der zeitlich eng gesteckten Befristung, die ihre Planungssicherheit erheblich einschränkt. Die Sachlage muss jedoch aus einem anderen Blickwinkel gesehen werden. „Das LAGeSo hat das Gebäude beschlagnahmt und entscheidet auch über die Dauer der Nutzung als Flüchtlingsunterkunft“, führt Bezirksstadträtin Fran- ziska Giffey auf Anfrage aus und prognostiziert, dass sie nicht erwarte, dass die Nutzung im April beendet werde. Versichern kann Giffey aber schon jetzt, „dass die spielplatz_erstaufnahmeheim mariendorfer weg_neukoellnKita erst etabliert wird, wenn das LAGeSo das Gebäude wieder freigibt.“

Die Bitte um Informationen zum aktuellen Planungs- stand wurde bisher von der Senatsbehörde nicht er- füllt. Angesichts des unverminderten Zustroms von Flüchtlingen dürfte sich Giffeys Vermutung aber bewahrheiten und im ehemaligen Schulgebäude über den April hinaus Menschen, die ihre Heimat verließen, ein herzliches Willkommen bereitet werden.

Wer die Notunterkunft für Flüchtlinge durch Sachspenden unterstützen möchte, kann diese direkt im Heim abgeben. Gebraucht werden vor allem: Kleidungsstücke in den Größen S bis L für Männer, Herrenschuhe von Größe 40 bis 45, Gesellschafts-, Karten- und Würfelspiele für Erwachsene und Kinder, Bastelmaterialien, Ausmalbücher und -papier nebst Farbstiften sowie Bilderbücher.

=ensa/kiezkieker=

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