„Man will sich ja nicht aufdrängen, mach ich aber trotzdem!“

künstlergesprach milena aguilar_michael behn_museum neuköllnMilena Aguilar könnte es um einiges be- quemer haben – wenn sie wie andere Künstler, die Landschaften malen, arbeiten würde: Entspannt durch die Gegend fahren, Fotos machen und später im Atelier die Ansichten auf ein Stück Leinwand bringen. „Ich hab auch schon nach Fotos gemalt, aber das befriedigt mich nicht“, verriet sie letzten Sonntag im Künstlergespräch mit dem Galeristen Michael Behn im Museum Neukölln, wo seit einem Monat ihre Ausstellung Brücke über stillem Wasser gezeigt wird. „Ich beobachte sehr gerne, habe draußen ein besseres Raumgefühl und kann das Motiv dort besser sehen“, ergänzte die gebürtige Österreicherin. Die Nachteile, die ihre Arbeitsweise hat, nimmt sie dafür in Kauf. Offenkundig nicht sonderlich gerne, baustelle am flughafen_milena aguilar_museum neuköllnaber in gewisser Weise gehören eben auch die zu ihren Bildern.

Es sind Werke, die meist das Aufeinander-treffen von Stadt und Natur wiedergeben. Menschen kommen auf ihnen nur selten vor, wohl aber beeinflussen sie den Entste-hungsprozess, der damit beginnt, dass sich Milena Aguilar in ihr kleines, mit unter-schiedlichsten Leinwandformaten, Pinseln, Farben und sonstigem nützlichen Equipment beladenes Auto setzt und – oft durch Zufall – in der Berliner Peripherie Motiv und Perspektive findet: „Als erstes kommt dann immer die Frage, ob ich da stehen kann und darf.“ Man wolle sich ja nicht aufdrängen, sagt sie, grinsend hinzufügend, dass sie es aber trotzdem mache: „Auch wenn ich am Anfang mit Argwohn und bösen Blicken konfrontiert bin, überwiegt doch meistens flughafen ber_milena aguilar_museum neuköllndas Gefühl, den Standpunkt nicht ändern zu wollen.“ Im Laufe der Zeit, beweise die Erfah- rung, würden sich die Leute an ihre Anwe- senheit gewöhnen und ihr manchmal sogar die Orte erklären oder Anekdoten erzählen. Das Interesse am Zuhören ist bei der in Neukölln lebenden Künstlerin zwar vorhan- den, aber nicht furchtbar ausgeprägt: „Grund- sätzlich suche ich die Stille, weil ich mich brückenruine_milena aguilar_museum neuköllnauf die Malerei konzentrieren will.“

Die Liste der Begebenheiten, die das zu torpedieren vermögen, ist ohnehin lang ge- nug. Mehrere Tage, manchmal auch bis zu zwei Wochen braucht die 46-Jährige für ein Bild: „Da fahre ich jeden Tag wieder den Standort an, das ist wie zur Arbeit fahren.“ Bestenfalls stellt sie dann ihre Staffelei auf und legt los. Genauso kann es aber pas- sieren, dass sich Milena Aguilar  bei guten Bedingungen auf den Weg macht, von unguten am Ziel empfangen wird und unverrichteter Dinge wieder umkehren muss. „Wind“, findet sie, „ist am schlimmsten.“ Vor allem dann, wenn er so stark ist, dass auch der Trick, die Staffelei mit Gaffa-Tape auf Campingspießen zu fixieren, nicht mehr funktioniert. Dass frische Brisen zuweilen kleine Insekten oder Pflanzensamen brücke über stillem wasser_milena aguilar_museum neuköllnin die noch nasse Ölfarbe auf der Leinwand drücken, stört die Künstlerin kein bisschen: „Die lass ich da kleben.“

Von solchen Lappalien lässt sich Milena Aguilar beim Prozess, das „Hineinversetzen in die Land- detail alba und estrel_milena aguilar_museum neuköllnschaft in Malerei aus- zudrücken“, nicht ir- ritieren. Durch den selber auferlegten Grundsatz, dass kein Bild im Atelier nachbearbeitet wird, sei ihr Schaffen ohnehin ein  Malen gegen die Zeit. Vielleicht mäht ein Bauer ausgerechnet dann sein Feld, wenn ihr Werk erst halbfertig ist. Ebenso gut hätten die Schrott-Container gegenüber vom Estrel Hotel am Neuköllner Schiffahrtskanal abgetragen oder versetzt werden können, während Milena Aguilar noch bei der Arbeit war. „Ich mag das Genaue gerne. Alles, was man auf meinen Bildern sieht, hat es, als sie entstanden, gleisdreieck_lichtung_milena aguilar_museum neuköllnwirklich gegeben“, versichert sie. Einiges gibt es allerdings schon jetzt nicht mehr: Eine Wiese, die die mit zahlreichen Stipendien und Preisen ausgezeichnete Künstlerin vor Jahren malte, ist heute eine Autobahn, die Gegend um das Gleisdreieck ein Park. Sogar am Flughafen BER sehe es jetzt anders als auf ihrem Bild aus. Und auch ihr Gemälde der Gropiusstadt unterscheidet sich wesent- lich von der gegenwärtigen Ansicht. Nichts ist mehr zu sehen von der „Bildpartie mit Kamille, Getreide und Unkraut, mit der ich sehr gekämpft hab“. Das seien Momente, in denen man beim Malen fast verrückt werde und eine Lösung suchen müsse, die wohnwagen_milena aguilar_museum neuköllnman mit Worten nicht erklären könne. Leich- ter machte es ihr ein Campingplatz am Teltow- kanal. „Ich liebe es, Spiegelungen zu malen“, konstatierte Milena Aguilar und nahm kurzer- hand das Bild von der Wand, um es umgedreht wieder aufzuhängen und so zu verdeutlichen, dass ihr Faible für Genauigkeit auch dieses Werk prägt.

Es war vor gut sechs Jahren, als Michael Behn, Inhaber der Galerie Stella A. in Mitte, durch einen befreundeten Filmemacher auf Milena Aguilar aufmerksam wurde. Wenig später wurde ihre erste Ausstellung in der kleinen Galerie eröffnet, die sich „inhaltlich der Idee der Fluxus-Künstler verbunden“ fühlt. „Natürlich will man sich manchmal nicht von Bildern trennen, aber das muss man sich abgewöhnen“, greift die Neuköllnerin, die in der Nähe von Hasenheide und Tempelhofer Feld wohnt, den kommerziellen Aspekt ihrer Arbeit auf. Ob es Bilder von ihr vom Areal des ehemaligen Flughafens gibt oder geben wird? „Jetzt reizt mich das Feld nicht mehr“, sagt Milena Aguilar, „weil es schon so zugebaut ist.“

Im Rahmenprogramm der bis zum 12. April laufenden Ausstellung „Brücke über stillem Wasser“ lädt das Museum Neukölln (Öffnungszeiten: Di. – So. 10 – 18 Uhr) am 12. März um 19 Uhr zur Diskussion mit dem Titel „Das Tempelhofer Feld – Sehnsuchtsort des Stadtmenschen?“ ein; Eintritt: 5 / ermäßigt 3,50 Euro.

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