Überraschungs-Ei Stadtbibliothek Neukölln

lesung barbara wrede_stadtbibliothek neuköllnNeukölln ist immer für eine Überraschung gut, wie gestern in der Helene-Nathan-Bibliothek zu erleben war, die zuletzt durch Schlagzeilen negativer Art auffiel: „Wir haben heute zwei Veranstaltungen im Haus“, leitet der für Lesungen verantwortliche Bibliothekar um 18 Uhr den Leseabend „Affenbarbier kann ich immer noch werden“ mit Barbara Wrede ein. Nur eine halbe Stunde später wird eine Etage höher die Ausstellung „Fotografie und Literatur“ des Projektes Freie barbara wrede_stadtbibliothek neuköllnFotografie der Volkshochschule Neukölln eröffnet.

Barbara Wrede lebt als bildende Künstlerin und freie Autorin seit zwanzig Jahren in Neukölln. „Ein Atelier hatte ich immer“, sagt sie selbstbewusst, obwohl sie als freischaffende Künstlerin ein Leben zwischen Vernissage und Jobcenter führt. Lange war dieses Atelier in Neukölln: „Bis vor anderthalb Jahren. Da wurde die Miete vervierfacht. Jetzt bin ich in Mitte. Das kann ich mir leisten“, kommentiert sie knapp.

Wredes großes Thema ist die Lebenssituation der Künstlerin, die sich zu Markte tragen muss. Ihre Lesung heute ist mit zwei Dutzend Gästen gut besucht. Das Buch „Musik für Barbiepuppen“ mit Erzählungen und Zeichnungen der Autorin und Malerin aus dem Jahr 2012 ist in der Neuköllner Stadtbibliothek bereits seit ihrer ersten Lesung entleihbar. Wredes Erstveröffentlichung, das Leseheft „Affenbarbier kann ich immer noch werden“, erschien 2007. Es kann als SuKuLTuR-Produkt für einen Euro aus ehemaligen Süßigkeiten-Automaten gezogen werden, die auf vielen Berliner U- Bahnhöfen stehen. „In meinen Freundeskreis benutzt niemand das Wort Ich so oft wie ich. Ich gründe eine ‚Ich-AG‘. ‚Ich-AG‘, was heißt das eigentlich?“, wird in den ersten Sätzen des gelben Heftchens gefragt, das über Erfahrungen aus einem spielekasten auf&ab_stadtbibliothek neuköllnsechswöchigen Existenzgründerseminar be- richtet.

Nicht nur Spottbilliges, sondern auch richtig Teures hat die einfallsreiche, ökonomisch aber bislang erfolglose Barbara Wrede, die Malerei an der Kunsthochschule Kassel studierte und zuvor Tischlerin lernte, seit 2009 im Angebot: „Auf & Ab – Künstler spielen“ heißt ihr handgefertigtes und in limitierter Edition von 20 nummerierten Exemplaren aufgelegtes Spiel, das stolze 420 Euro kostet. Wrede erklärt: „Kein Spiele-Verlag wollte die Idee haben. Jetzt versuche ich es eben so.“ Zwanzig Jahre lang hat Barbara Wrede wartende Hunde fotografiert. Die schönsten Aufnahmen sind in einem Bildband zusammengefasst. „Das Buch ‚Wartende Hunde‘ wird bei uns auch bald im Regal stehen, nicht nur in der Amerika-Gedenk-Bibliothek erhältlich sein“, verspricht der Bibliothekar Barbara Wrede und ulrike ludwig_vhs-fotogruppe_stadtbibliothek neuköllnihrem Publikum vor Beginn der Lesung.

„Was liegt näher, als die Arbeiten des Neu- köllner VHS-Projektes Literatur und Foto- grafie in der Helene-Nathan-Bilbliothek zu zeigen!?“, fragt Ulrike Ludwig (2. v. r.), frei- schaffende Künstlerin und Leiterin des Kurses Freie Fotografie 4 der bezirklichen Volkshochschule. Sie und ihr Ehemann Winfried Mateyka vermitteln mit ihren Foto- lehrgängen neue Sichtweisen für Fotoamateure, geben künstlerisches, handwerkliches sowie kameratechnisches Rüstzeug weiter und begleiten ihre Schülerinnen und Schüler bis hin zur Gestaltung von Fotobüchern und Ausstellungen. Schriftsteller, die fotografieren, Fotografen, die schreiben – das waren die Vorbilder der Kursteilnehmer, die Gedichte, Romanfragmente oder Songtexte suchten, um sie als Vorbilder für ihre Fotothemen zu nutzen. Ulrike Ludwig stellt die Arbeiten von acht fotos ingo hübner_stadtbibliothek neuköllnausstellenden Kursteilnehmererinnen und -Teilnehmern einzeln vor. Die Glasmenagerie von Tennessee Williams, interpretiert mit Fotos von Ingo Hübner (r.), gehört dabei ebenso zu den Ideengebern der Foto- arbeiten wie Rainer Maria Rilkes Buch vom mönchischen Leben oder „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“ von Peter Høeg. Die Vernissage ist ebenso wie die Lesung gut besucht. Eine Überraschung für jeden, der weiß, wieviele Events in Berlin täglich um Aufmerksamkeit buhlen.

Die Bilder des Projektes Freie Fotografie der VHS Neukölln sind bis zum 10. April auf beiden Etagen der Helene-Nathan-Bibliothek (Öffnungszeiten: Mo. – Fr. 11 – 20, Sa. 10 – 13 Uhr) in den Neukölln Arcaden zu sehen.

=Christian Kölling=