Verstörende Werke skandinavischer Künstler in der Galerie im Körnerpark

warnhinweis_exitus-ausstellung_galerie im körnerpark_neuköllnBlauer Himmel und Sonne über Neukölln. Man kann sich wohl keine besseren Begleiter für den Besuch der Ausstellung „Exitus – Tod, Trauer, Melancholie“ wünschen. Zwar ist es wegen ihrer Neigung zum Reflektieren oft schwierig, Bilder zu exitus-ausstellung_galerie im körnerpark_neuköllnerkennen, die hinter Glas in der Galerie im Kör- nerpark hängen, aber ihr großer Vorteil ist, dass sie einen ange- nehmen Kontrapunkt in das schwere Thema mischen. Um es gleich vorweg zu nehmen: Der am Eingang angebrachte Warnhinweis ist berechtigt. Wer ohnehin schon schlecht drauf ist, sollte den Ausstellungsbe- such vielleicht lieber verschieben, denn die Exponate der 11 skandinavischen Künst- ler zeigen bestenfalls Relativierendes, aber nichts Tröstendes.

Der gellende Schrei einer Frau zieht sich durch die Galerie, kurz darauf hört man sie verzweifelt schluchzen, wenig später plärren Martinshörner. „Der Kurzfilm ‚Recon- mattias härenstam_exitus-ausstellung_galerie im körnerpark_neuköllnstruction‘ zeigt Mattias Härenstams Versuch, den Selbstmord des eigenen Vaters zu rekonstruieren“, beschreibt Sabine Sieg, eine von zwei Frauen, die an Sonntagnachmittagen durch die Ausstellung führen. Der schwedische Künstler, der in Norwegen studierte und jetzt in Berlin lebt, hat sich des idealen Stilmittels bedient, um das Kopfkino der Betrachter zu aktivieren: Eine starre Kameraposition fokussiert die Straße einer Osloer Vorstadtsiedlung, inszeniert Distanz, nichts wird erklärt oder von einer Off- Stimme kommentiert. Der Zuschauer weiß nur, was er sieht, die Phantasie liefert Vermutungen dazu, jannicke laker_exitus-ausstellung_galerie im körnerpark_neuköllnund genau das führt zu der eindringlichen Atmosphäre des Werks von Mattias Hären- stam.

„Schwer auszuhalten“, findet Sabine Sieg, ist auch das Video der ebenfalls in Berlin lebenden Norwegerin Jannicke Låker, das in einem abgetrennten Raum gezeigt wird. Mit „As You Read This“ dokumentiert die Kame- ra die letzten drei Tage vor dem Suizid einer jungen Frau. Wobei Aufnahmen der Selbsttötung an sich den Zuschauern erspart bleiben, die die Szenen von Eva, die in Einsamkeit und Depression ebenso gefangen ist wie ihr Kanarienvogel in seinem Käfig, über die vollen 36 Minuten verfolgen. Dass sie sich in einer Wohnung in Kreuzberg abspielen, ist eine von wenigen Informationen, die man erhält – und überrascht. Der optische Eindruck hätte eher auf Kopenhagen, Stockholm oder Oslo tippen lassen.

Überhaupt ist es oftmals eine sehr skandinavische Ästhetik, mit der die Ausein- andersetzung mit dem Tod widergespiegelt wird. So könnte es sich bei Claudia Reinhardts Fotoserie „Dødspar“ durchaus um Szenenbilder aus der Verfilmung eines Mankell-Krimis oder Stieg Larsson-Thrillers handeln. Doch die 23 Fotografien zeigen Laiendarsteller, die die gemeinsame Selbsttötung von Liebespaaren insze- nieren. Ihrem eigenen drohenden Tod, ihrer Krankheit und den damit verbundenen Emotionen zwischen Angst und Wut hat sich hingegen Jo Spence mit „The Final Project“ auf drastische Weise fotografisch genähert: Die Künstlerin erhielt 1982 die ursula reuter-christiansen_exitus-ausstellung_galerie im körnerpark_neuköllnDiagnose Brustkrebs, zehn Jahre später starb sie an Leukämie.

Die eigene Betroffenheit war es auch, die Ursula Reuter Christiansen zu ihren Filz- stift-Tusche-Zeichnungen inspirierte. Seit sie 2008 Witwe wurde, verarbeitet die Deutsche, die als Galionsfigur der Frau- enbewegung gilt und nach Dänemark auswanderte, das Sterben ihres Mannes nebst ihrer eigenen Vergänglichkeit. Der Schwede Thomas Henriksson war ebenfalls bereits dem Tod dramatisch nah, als sein Atelier in Flammen aufging und er mit lebensgefährlichen Verletzungen geborgen werden konnte. „Seine ‚Feuerbilder‘ jo spence_thomas henriksson_exitus-ausstellung_galerie im körnerpark_neuköllnentstanden als Ausdruck des Malens ge- gen die Angst und für das Leben“, erklärt Sabine Sieg.

tor borresen_per teljer_exitus-ausstellung_galerie im körnerpark_neuköllnPer Teljers foto- realistische Koh- le-Graphit-Zeich- nung mit dem Titel „Mordbrand“ (r.) indes benötigt keinerlei weitere Erläuterungen. Erklärungsbedürftig ist einzig, ob es einen direkten Zusammenhang mit der auf Boden liegenden, angestrahlten Birkenholz-Skulptur „Plan of Hell“ des Nor- wegers Tor Børresen gibt, die eine abstrahierte Bombe oder ein Brandsatz sein könnte. Den gebe es nicht, sagt die Ausstellungsführerin. Vorhanden ist jedoch die persönliche Betroffenheit, die sich als roter Faden durch die verstörenden Exponate zieht. Dass es ausgerechnet das Portrait eines Mörders ist, das zwischen den Werken voller Schrecken und Trauer ein wenig aufatmen lässt, irritiert zusätzlich: Fast romantisch wirkt das von dem Ge- richtszeichner Sverre Malling angefertigte  Bildnis von Anders Breivik, der im Som- mer 2011 mit Attentaten in Oslo und Utøya weltweit Schlagzeilen machte und wegen 77-fachen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt wurde.

Die Ausstellung „Exitus – Tod, Trauer, Melancholie“ ist noch bis zum 19. April in der Galerie im Körnerpark (Schierker Str. 8; Öffnungszeiten: Di. – So. 10 – 20 Uhr) zu sehen.
Jeden Sonntag beginnt um 15 Uhr eine kostenlose Führung durch die Ausstellung. Darüber hinaus finden im März drei Veranstaltungen im Rah- menprogramm statt.

=ensa=

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