Über die Grenzen hinaus

galerie im saalbau neukölln_emel geris„Schon als Kind malte ich leidenschaftlich“, sagt Emel Geris. Zu ihren ersten Werken gehörten Portraits, die sie von und für Arbeitskollegen ihrer Mutter anfertigte. Dass die Tochter Malerin werden soll, sei schon früh deren Traum gewesen. „Ich wollte aber Psychologie studieren.“ Gott sei Dank, findet die Mittdreißigerin heute, habe sie jedoch keinen Studienplatz bekom- men und dann beschlossen, bei einer Künstlerin das akademische Zeichnen zu lernen, um sich an der Kunstakademie bewerben zu können. Von 1999 bis 2002 studierte Emel Geris schließlich an der Univer- sität der Künste in Izmir, nach dem Umzug nach Deutschland weitere Jahre an der Kunstakademie Stuttgart.

In Berlin lebt sie nun seit gut 10 Jahren. Bis zur Galerie im Saalbau, wo seit zwei Wochen ihre Ausstellung „ergo sum – also bin ich!“ gezeigt wird, sind es von ihrer Wohnung nahe dem Körnerpark nur wenige Minuten Fußweg. Über 100 Bilder antwort auf tapetenwechsel_emel geris_galerie im saalbau neuköllnerwarten die Besucher dort, vom großfor- matigen, wegen der glatteren Struktur auf Baumwolle gemalten Tafelbild bis zum Miniaturgemälde auf hölzernem Untergrund, das zur Serie „Erzähl mir vom Leben“ gehört. Die Holzstücke seien zufällig in ihr Atelier gekommen und erst als Bauklötze von ihren damals kleinen Kindern benutzt worden, erzählt Emel Geris: „Irgendwann kam mir die Idee, darauf Bilder zu malen. Da ich sonst eher ganz große Bilder male, war es eine sehr spannende Erfahrung. Am Anfang war also nur eine Inspiration, und erst  mit der Zeit kam der Titel  dazu und die

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Bilder wurden zu dem, was sie heute sind. Aus der Mehrheit wurde eine Einheit.“ emel geris_galerie im saalbau neuköllnEine, die von allen Facetten des Lebens erzählt und dabei in der Eindeutigkeit bleibt.

Mehrdeutig und surreal sind hingegen die Tafelbilder der Künstlerin, die meist wie collagenartig angelegte Bühnen wir- ken und durch ihre verschiedenen Ebe- nen, Farbkontraste und das Mit- oder Gegeneinander von kunstgeschichtlichen und alltäglich-aktuellen Motiven bestechen. Immer wieder taucht irritierend ein derber Stiefel auf. Auch der sei nicht eindeutig zu betrachten, sagt Emel Geris und erklärt, dass sie solche Stiefel in ihrer Jugend, als sie stiefel_emel geris_galerie im saalbau neuköllnauf Rock- und Heavy Metal-Musik stand, getragen habe: „In meiner Malerei steht der Stiefel aber eher für Kraft und Macht.“ Auch heute bevorzuge sie noch „Boots und Stiefel, die gar nicht weiblich sind, ohne Absätze und Schmuck“. Sie definiere sich eben nicht über ihr Ge- schlecht, und das solle auch in ihrer Malerei emel geris_galerie im saalbau neukoellnerkennbar sein.

Die Rolle der Frau spielt in der aber durchaus eine Rolle. Wie dem Stiefel, begeg- net man auch einer offensichtlich weiblichen Figur immer wieder, dem Alter Ego der Künst- lerin. Manchmal ist es mit Körper dargestellt, oft aber nur als Kopf mit leerem Gesicht und wehenden oder geflochtenen Haaren. „In der Bewegung der Figur“, deutet der Aus- stellungskatalog, „ist der Wille zu spüren, Grenzen zu überschreiten, Altes hinter sich kummer in kammer_emel geris_galerie im saalbau neuköllnzu lassen und in neue Lebenswelten aufzubrechen.“

Veränderungen und Neuanfänge sind auch in Emel Geris‘ Vita Faktoren, die gleichsam das künstlerische Schaffen beeinflussten: „Der Umzug nach Deutsch- land änderte die Farbigkeit meiner Bilder und die Inhalte. In Izmir malte ich grellbunt und in Stuttgart fing ich an, plötzlich nur grau in grau zu malen.“ Das Über- siedeln nach Berlin habe sie dagegen nicht in eine neue farbliche oder thematische Sphäre gebracht. „Ich denke und male ja über die Grenzen hinaus, viele Wüsten und Berge, und meine Städte haben eine völlig absurde Architektur und scheinen aus einer anderen Welt zu stammen.“ Sie lebe zwar sehr gerne in Berlin und fühle sich als Berlinerin, sagt die Neuköllner Künstlerin. Inspirieren lasse sie sich aber von der Welt und dem Leben an sich und nicht von der Stadt: „Ich verbringe die meiste Zeit im Atelier und konsumiere die Stadt, in der ich lebe, kaum.“

Die Ausstellung „ergo sum – also bin ich!“ ist noch bis zum 8. März in der Galerie im Saalbau (Karl-Marx-Straße 141; Öffnungszeiten: Di. – So. 10 – 20 Uhr) zu sehen. Zur Finissage findet am letzten Ausstellungstag um 17 Uhr ein Gespräch mit Emel Geris statt.

=ensa=

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