So neu und aktuell wie nah am 140 Jahre alten Original

programmheft_die akte carmen_neuköllner operGeorges Bizets „Carmen“ ist eine der meistgespielten Opern in der Welt. Im März 1875 uraufgeführt, konnte der Kom- ponist den Erfolg seines Werks aber nicht mehr selbst erleben: Er starb schon drei Monate nach der Premiere im Alter von nur 36 Jahren.

Die Handlung der vier Akte noch einmal in aller Kürze in Erinnerung gerufen: Der Sergeant Don José wird von Micaela geliebt, erwidert jedoch ihre Liebe nicht, sondern verliebt sich stattdessen hoffnungslos in die freiheitsliebende Carmen, für die er aus Liebe bald eine Straftat begeht. Über seine Liebe zu Carmen kommt José mit einer Neuköllner Oper_Die Akte Carmen_Feistkorn_Stadler_SchleicherSchmugglerbande in Kontakt, in deren Kreis auch Carmen verkehrt. Aber mit Escamillo liebt noch ein anderer Mann die attraktive Carmen. Es kommt zu einem Kampf zwischen den beiden Männern, bei dem Carmen José gerade noch daran hindern kann, Escamillo zu töten. Carmen entzieht sich der Liebe von José, was zu einem Streit Neuköllner Oper_Die Akte Carmen_Ensembleführt, der damit endet, dass sie von José erstochen wird.

In der Neuköllner Oper ist Bizets Werk nun als Neuinszenierung namens „Die Akte Carmen“ zu erleben. Der Regisseur David Mouchtar-Samorai hat zusammen mit Bern- hard Glocksin, der für Text und die Drama- turgie zuständig war, die Handlungsebene auf ein aktuelles, gesamteuropäisches Thema übertragen: den Zuzug von Men- schen aus afrikanischen und arabischen Ländern nach Europa. Weit hergeholt? Von wegen! Ist doch Carmen selbst bei Bizet eine Zigeunerin. Und soll heutzutage nicht auch der Zuzug der Sinti und Roma aus Rumänien und Bulgarien nach Deutschland unterbunden oder zumindest besser reglementiert werden? Diese Transformation in die gegenwärtige gesellschaftliche Fragestellung, wie mit den Flüchtlingen umzu- gehen ist, gelingt in „Die Akte Carmen“ hervorragend. Zu keinem Zeitpunkt der Aufführung hat man das Empfinden, hier wurde die Oper Bizets mit bühnenbild_die akte carmen_neuköllner opereiner Thematik verknüpft, die ihr nicht gerecht wird.

Angefangen vom Bühnenbild, das Heinz Hauser entworfen hat: Blaue Bänder, senk- recht und waagerecht an den Bühnenseiten gespannt, die sich tief in den Bühnenraum ziehen. Unterstützt von dem sparsamen Einsatz von Videosequenzen von Vincent Stefan, die mitunter auch ein Bild von Fäden zeigen, die wahllos und wirr durcheinander gehen. Die klar strukturierten Grenzen der Bühneninstallation, die für Ländergrenzen oder auch für gesellschaftliche Grenzen zwischen Wir und Ihr stehen können, treffen dann auf ein Beziehungsgeflecht von Neukoellner Oper_Die Akte Carmen_EnsembleMenschen, ein Wirrwarr von Verknüpfungen, in dem sich kein Anfang und kein Ende finden lässt.

Die Kostüme von Urte Eicker unterstützen die Intention, Menschen am Rande der Gesell-schaft, wo auch Carmen sich bewegt, zu zeigen. Ärmliche, einfache Kleidung zwar, doch nicht gleichmachend. Sie unterstreicht, dass es um Individuen geht, und fordert auf, den Einzelnen anzuschauen statt die Menschen als Masse oder Klasse wahrzunehmen. Wie überraschend, dass ein junger Mensch mit nur einem Bein, der sich auf zwei Krücken fortbewegen muss, allein zur Musik akrobatisch mit seinen Krücken tanzt. Hätte man ihm dies zugetraut, als er vorher langsam über die Bühne gegangen ist? Oder sind wir jetzt überrascht Neuköllner Oper_Die Akte Carmen_Schleicher_elDibanyvon seinen Fähigkeiten und dem Potential, das ihm innewohnt?

Aus José wird in „Die Akte Carmen“ ein Grenzpolizist, der sich in die illegal im Land lebende Carmen verliebt. Liebe, die Grenzen überwindet und doch auch an gesellschaftlichen und persönlichen Grenzen scheitert. Besetzt ist die Hauptrolle der Carmen mit gleich zwei Mezzosopranistinnen, die sich von Vorstellung zu Vorstellung abwechseln: Mal steht die aus Ägypten stammende Farrah El Dibany auf der Bühne, mal – wie am vergangenen Sonntag – Valentina Stadler aus Deutschland. Wunderbar neben ihrer tollen Stimme ist ihr schauspielerischer Aus- Neuköllner Oper_Die Akte Carmen_el Dibany_Schleicherdruck. Die Persönlichkeit der heißblütigen, impulsiven, freiheitsliebenden Carmen nahm man ihr absolut ab. Da war es dann schade, dass sie vom Spielerischen her in Christian Schleicher, der den José gibt, zunächst keinen gleichwertigen Gegenpart hatte, da er sich anfangs doch sehr auf seine stimmlichen Herausforderungen konzentrierte. Erst im dritten Akt, nach der Pause, agierte er erheblich freier und vermittelte endlich den Eindruck, jetzt seine Sicherheit auf der Bühne gefunden hatte. Zur großen Oper wurde das Zusammenspiel schließlich im vierten Akt, als es den furchtbaren Beziehungsstreit zu singen und mimen galt. Da waren alle Emotionen präsent, die potenzielle Vorboten einer Verzweiflungstat darstellen: Freiheitsdrang, Überheb- lichkeit, Eifersucht, Zorn, Wut, Kränkung und Verunglimpfung. Es endet wie einst bei Bizet: José ersticht Carmen mit dem Messer. Er tötet diejenige, die er liebt.

Auch sehr stimmig war Mirjam Mieserfeldt in der Rolle der Micaela. Einen herrlichen Kontrast zur heißblütigen Carmen verkörperte sie als braves, liebes Mädchen, schlussapplaus_die akte carmen_neuköllner operdessen sichere Liebe für José keinen Reiz ausübt. Ebenso großartig: die aus Athen stammende Sopranistin Elpiniki Zervou als Frasquita, der Freundin von Carmen. Überhaupt bot das ganze Ensemble eine tolle Leistung. Dazu die wunderbaren Melodien, die unter der Leitung von Hans-Peter Kirchberg vom einem Septett gespielt wurden. Hervor- ragend. Am Ende der über zweistündigen Vorstellung gab es donnernden Applaus vom Publikum für das „Die Akte Carmen“-Ensemble in der restlos ausverkauften Neuköllner Oper.

Die nächste Vorstellung von „Die Akte Carmen“ findet  heute um 20 Uhr mit Farrah El Dibany als Carmen statt. Weitere Termine weist der Spielplan der Neuköllner Oper aus; die Sonntagsvorstellungen beginnen um 19 Uhr und nicht mehr, wie bisher, um 20 Uhr.

=Reinhold Steinle=

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