Geschichte auf der Bühne: Heimathafen Neukölln plant Stück über Verfolgte im Nationalsozialismus und hofft auf das Mitwirken vieler Neuköllner

heimathafen neukölln_saalbau neukölln„In Neukölln lagerten die ‚Judenmöbel‘ im städtischen Saalbau.“ Es war dieser Satz auf Seite 457 des Buches „Zehn Brüder waren wir gewesen …“, der Julia von Schacky und Stefanie Aehnelt wieder an eine Idee erinnerte. „Wir wollten schon lange ein Stück machen, das sich mit dem Nationalsozialismus im Bezirk beschäftigt“, sagt letztere, die zu den Gründerinnen des Heimathafens Neukölln gehört und dessen Geschäfts-führung übernommen hat. Aus zeitlichen Gründen seien großer saal_saalbau neuköllnsie jedoch bisher nicht dazu gekommen. „Von der Saalbau-Vergangenheit in der Nazi-Zeit ist ja leider nicht viel bekannt“, er- gänzt von Schacky, Regis-seurin im Heimathafen-Team. „Deshalb war uns klar, dass ein so extrem retroperspektiver Ansatz sehr aufwändig werden würde. Und was dabei rauskommt, ist völlig unklar.“ Zumal es den Frauen vom Heimathafen außer um das Forschen in der Bezirkshistorie auch darum geht, dass sich die Neuköllner stefanie aehnelt_julia von schacky_heimathafen neuköllnaktiv an der Produktion des Stückes betei-ligen.

Momentan machen beide ihre Hausauf-gaben: Mit dem Museum Neukölln wurde bereits Kontakt aufgenommen, eine Recher- che im Geschichtsspeicher des Museums steht noch bevor. Nur wenig Erhellendes brachte ein Besuch im Landesarchiv Pots- dam, wo Listen der Oberfinanzdirektion über das konfiszierte Hab und Gut deportierter Juden gelagert sind.  „Dort hat man sich aber nur mit der Erfassung der Sachen und nicht mit der Abrechnung beschäftigt“, berichtet Julia von Schacky (r.). Die erhofften Informationen, an wen die im Saalbau gehorteten Gegenstände verkauft wurden, waren folglich nicht zu erhalten. „Viele Akten sind offenbar vernichtet worden“, schlussfolgert Stefanie Aehnelt, „weshalb wir auch bei der Recherche nach dem Schuhmacher Simon Luft nicht entscheidend weitergekommen sind.“ Dass dessen Besitz im Zuge seiner Deportation im No- historisches wandbild_saalbau neuköllnvember 1941 nach Minsk in den Saalbau Neu- kölln gebracht wurde, hatten sie bereits aus dem von der ehemaligen Kulturamtsleiterin Dorothea Kolland herausgegebenen Zehn Brüder-Buch erfahren. Auch das Mobiliar von Bela Kopf, der in der Bürknerstraße gelebt hatte und im selben Transport wie Simon Luft nach Minsk verbracht wurde, informiert die über 600-seitige Recherche nach Spuren jüdischen Lebens in Neukölln, landete im Saalbau. „Davon, dass sich das Möbellager in unserem großen Saal befand, gehen wir aus, weil alles andere bühne_heimathafen neuköllnunlogisch wäre. Daher“, so Aehnelt, „ist es auch keine Frage, dass das Theaterstück auf die Bühne des großen Saals muss.“

Ein Konzept, wie das Stück aussehen wird, das im September Premiere haben und etwa zehnmal aufgeführt werden soll, haben sie und Julia von Schacky noch nicht. Es werde sich erst in der Auseinandersetzung des gesamten Produktions- teams mit der NS-Zeit entwickeln, wobei auch die Biographien der Mitwirkenden mit einfließen sollen. Was haben deren Eltern und Großeltern über die Zeit des Nationalsozialismus erzählt – oder eben nicht erzählt? Was hat der Holocaust heute mit uns zu tun? „Der Aufhänger ist für uns natürlich das Möbellager im Saalbau, aber Gegenstand des Stückes soll nicht die Aufarbeitung der Vergangenheit sein. Die Fragen, die jetzt in dem Zusammenhang auftauchen, sind das Interessante“, findet die Regisseurin. Sie wünsche sich für das Stück eine heterogene Gruppe, die typische Neuköllner Mischung eben, die sich an der Entstehung beteiligt, um kollektive und individuelle Ansätze auf der Bühne in Einklang zu bringen. „Dass sich auch Leute aus Neukölln, stefanie aehnelt_heimathafen neukölln_cafe rixdie nicht in Deutschland aufgewachsen sind, an dem Stück beteiligen, wäre uns sehr wichtig“, unterstreicht Stefanie Aehnelt (l.). Schließlich sei es außerordentlich interessant, wie sie die Deutschen in Bezug auf die ge- schichtliche Auseinandersetzung mit der NS-Zeit sehen. julia von schacky_heimathafen neukölln_cafe rix„Die große Frage ist doch: Was bedeutet nationale Identität in einem Bezirk mit einem hohen Migranten-anteil?“, meint Julia von Schacky, deren Mutter Ame- rikanerin ist.

Dass es schwierig ist, Leute dafür zu gewinnen, sich mit diesem schweren Thema der deutschen Geschich- te zu beschäftigen, zeigt die Resonanz auf die Einladung zu einem ersten Treffen potenzieller Mitwirkender. Ganze zwei Personen fanden sich dazu ein. Wobei eine Frau durch Aehnelt und von Schacky eingeladen wurde und bei der anderen nicht die Thematik des Stückes im Vordergrund stand, sondern die Lust Theater zu spielen: Es war eine Kreuzbergerin, die aus Belgien stammt  was dann auch wieder interessant gewesen sei, weil sie einiges von dem Verhältnis zwischen Deutschen und Belgiern zu erzählen hatte. „Ich dachte, ich wüsste durch die Schule viel von der Nazi-Zeit, aber jetzt erfahre ich immer öfter, was ich alles nicht weiß“, resümiert Julia von Schacky.

Für die Produktion des Stückes sucht der Heimathafen Neukölln noch Mitwirkende jeden Alters, die „im Thema sind und sich in Neukölln aus- kennen“. Leute mit oder ohne Bühnenerfahrung und Interesse an Schau-spielerei sind ebenso willkommen wie Zeitzeugen und Neugierige, die gerne recherchieren, um Näheres über die Geschichte des Saalbaus in der NS-Zeit herauszufinden.
Das nächste Treffen findet am 13. Januar um 18 Uhr im Studio des Hei- mathafens Neukölln statt, ein weiteres am 28. Januar um 18 Uhr; die erste Kontaktaufnahme kann auch telefonisch unter 030 – 56 82 13 34 bzw. per Mail unter theater[at]heimathafen-neukoelln.de erfolgen.

=ensa/Reinhold Steinle=

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