Happy End im Neuköllner Passage-Kino

spatzenkino berlin_passage-kino neuköllnVormittags im Passage-Kino. Bis zum Beginn der ersten Vorstellung dauert es noch einige Stunden. Dennoch ist die Tür zum Saal 1 mit seinen 220 Plätzen schon geöffnet, und auch die Beleuchtung ist angeschaltet.

Vor dem dunkelroten Vorhang steht eine Frau, die eine große Handpuppe trägt, die ein Spatz sein soll, obwohl sich dieser farblich doch sehr von seinen natürlichen Vorbildern unterscheidet. Ihm, dem Spatz, gibt Tamara Rettenmund seit inzwischen 10 Jahren spatzenkino berlin_passage-kino neukoellnCharakter und Stimme. Dass er noch Weih- nachtslieder üben muss, lässt die Schauspielerin ihn sagen. Und, dass er, ganz frecher Spatz, schon alle 24 Türen von seinem Adventskalender geöffnet hat – obwohl eigentlich erst 18 offen sein dürften. Konnte man bisher den Eindruck haben, Tamara Rettenmund würde weitgehend leeren Kinoses- seln von dem erzählen, was der Spatz getan hat und noch tun muss, stellt sich nun schlagartig ein anderer ein: „Wenn ihr wollt, dass der Film losgeht, nach dem Weihnachten wieder über eine halbe Stunde näher ist, müsst ihr mit den Armen das Licht einfangen!“, hatte die 42-Jährige in den Saal gerufen. Eine Aufforderung, die Stammgäste gar nicht brauchten, denn das Einfangen polly hilft der großmutterdes Lichts ist ein festes Ritual beim Spatzenkino.

Schon vor fast 25 Jahren wurde die Institution ins Leben gerufen, um Berliner Kindern im Kita- und Grundschulalter einen medienpädagogisch wertvol- len Zugang zum Film im Kino zu ermöglichen. Die Spatzenkino-Vorstellungen finden einmal monatlich polly hilft der großmutter_astrid lindgren-buch-verfilmungwerktags am Vormittag in stadtweit 20 Kinos statt und dauern etwa eine Dreiviertelstunde, in der meist zwei bis drei Kurzfilme mit einem gemeinsamen thema-tischen Nenner gezeigt werden. Im Dezember hieß der „Schöne Bescherung“. Ein 30-minütiger Film wie „Polly hilft der Großmutter“, der laufende Bilder aus der gleichnamigen Astrid Lindgren-Geschichte gemacht polly hilft der großmutter_astrid lindgren-buchverfilmunghat, sei für Spatzenkino-Verhältnisse extrem lang und komme nur sehr selten vor, sagt Tamara Rettenmund. Nicht selten ist hingegen, dass sich mehr Kinder, als in den größten Saal des Pas- sage-Kinos passen, für einen Spatzenkino-Termin anmelden und deshalb eine zweite Vorstellung an die erste gehängt werden muss: „Für heute haben wir etwas über 400 Anmeldungen, davon sagen aber bestimmt um die 10 Prozent wegen Krankheit ab. Das ist im Winter, wenn Erkältungszeit ist, normal.“ Über- wiegend sind es Kita-Gruppen aus Neukölln oder auch Kreuzberg, die einen Ausflug ins Kino an der Karl-Marx-Straße machen, um für einen Eintrittspreis von 1,50 Euro der maulwurf und das weihnachtsfestdas Gemeinschaftserlebnis Spatzenkino zu genießen.

Emotionsausbrüche wie Zwischenrufe, Aaahs und Ooohs, leises Kichern und lautstarkes Lachen oder spontaner Szenenapplaus sind hier ausdrücklich erwünscht. Außerdem sind Erleichterung und Freude Programm bei den Filmen, die allesamt ein Happy End haben. Bei „Polly hilft der Großmutter“ ging dem eine anrührende Episode aus dem Leben eines entschlossenen Mädchens voraus, das ohne Eltern in einem schwedischen Dorf aufwächst. Beim Kurzfilm „Der Maulwurf und das Weihnachts- fest“, der nach einem Pausenauftritt vom Spatz gezeigt wurde, hatte die bekannte tamara rettenmund_spatzenkino berlin_passage-kino neukoellntschechische Zeichentrickfigur zuvor mit den Tü- cken der Weihnachtsvorbereitungen zu kämpfen.

„Was für die Kinder oft  genauso wichtig ist wie die Filme, sind unsere Spatzenkino-Rituale“, ist Tamara Rettenmund sicher. Die Begrüßung durch den Spatz, seine Pauseneinlage, die Verabschie- dung. Statt sofort nach dem Ende der Vorstellung aus dem Saal zu stürmen, warten die Mädchen tamara rettenmund_spatzenkino berlin_passage kino neuköllnund Jungen darauf, dass sich der Spatz am Ausgang postiert hat, um sich zum Abschied streicheln, kneifen, kitzeln oder liebevoll an den Füßen zerren zu lassen. Der aktuelle Spatz sei schon der x-te, erzählt die seit Jahren in Berlin lebende Schweizerin: „Wir hatten auch mal einen begrüßung_spatzenkino berlin_passage-kino neuköllnmit Haaren auf dem Kopf, aber die waren ziemlich bald weggestreichelt.“ So ein Spatzenkino-Spatz müsse schon einiges aushalten.

Viel Zeit zur Erholung blieb ihm bei der letzten Veranstaltung des Jahres im Neuköllner Passa- ge-Kino nicht, das von Anfang an als Spatzenkino-Spielstätte dabei ist. Kaum waren die letzten Kinder der ersten Vorstellung verabschiedet, drängten schon die kleinen Besucher der zweiten einem Kinoerlebnis der besonderen Art entgegen. Als sie kürzlich als Spatz einen Jungen fragte, wie ihm denn die Vorstellung gefallen hat, habe der zunächst mit „Das war schön!“ reagiert, erzählt Tamara Rettenmund noch. „Im nächsten Moment meinte er dann aber: Nein, das war nicht schön, das war tausendhundertschön!“

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