Neuköllner Verein startet bundesweite Online-Beratung für Glücksspielsüchtige

dax_bally wulff_neuköllnJeden Tag werden in Berlin mehr als 500.000 Euro in den Glücksspielautomaten der Stadt versenkt. Nach aktuellen Schätzungen haben mindestens 50.000 Berliner ein problematisches Spielverhalten, davon sind etwas mehr als die Hälfte krankhaft spielsüchtig. Kazim Kazim Erdogan_Daniel Bucholz_Kerstin Jüngling_Spielsucht-Onlineberatung Aufbruch NeuköllnErdogan (l.), Psychologe, Sozial- berater und Vor- sitzender des Auf- bruch Neukölln e.V., stellte daher ges- tern zusammen mit dem Berliner Abgeordneten Daniel Buchholz (SPD) sowie Kerstin Jüngling, Geschäftsfüh- rerin der Fachstelle für Suchtprävention Berlin, bei einer Pressekonferenz im Neuköllner Leuchtturm sein neuestes Projekt vor: Eine bundesweite Online-Beratung gegen Spielsucht in mehreren Sprachen, die ab 5. Ja- nuar unter der Adresse http://www.aufbruch-spielsucht.de zu erreichen ist und in Kooperation mit dem Kurdistan Kultur- und Hilfsverein e.V. angeboten Spielsucht-Onlineberaterin_Aufbruch Neuköllnwird. Vorerst werden hier sechs Beraterinnen und Berater für Chats in Deutsch, Türkisch, Arabisch, Kurdisch, Russisch und Englisch rund um die Uhr zu erreichen sein.

„Ich habe in meinem Spandauer Wahlkreis kennengelernt, was Spielsucht bedeutet und welche katastrophalen Folgen sie für Familien hat“, begründete Daniel Buchholz, der das im Juni 2011 inkraftgetretene Ber- liner Spielhallengesetz maßgeblich voranbrachte, seinen Kampf gegen die Spiel- hallen-Flut. „Krankhafte Spielsucht ruiniert die soziale, berufliche und materielle Lebenssituation vieler Menschen. Junge Männer, Menschen mit Migrations- hintergrund und Arbeitslose haben ein deutlich erhöhtes Risiko für problematisches Glücksspiel. Die Hoffnung auf den großen Gewinn verleitet viele, unkontrolliert zu spielen und finanzielle Riskien zu unterschätzen.“ Weiter beklagte der Stadt-casino_neuköllnentwicklungsexperte: „Die meisten Spielhallen gibt es – ebenso wie Wettbüros – in den sozial schwachen Quartieren Berlins. Die Betreiber zah- len jede Miete und verdrängen den traditio- nellen Einzelhandel.“ Allein mit Regulierungen und Verboten sei dem Zocken an Spielautomaten, bei Sportwetten, Online-Poker und anderen Formen der Spielsucht aber nicht bei- zukommen, obwohl Berlin das strengste Spielhallengesetz Deutschlands habe, das aber erst Ende Juli 2016 nach dem Ende einer Überangsfrist seine volle Wirkung entfalten werde.

Kerstin Jüngling von der Fachstelle für Suchtprävention Berlin schilderte, dass das Glücksspiel angenehme Gefühle hervorrufen, stimulieren, anspannen und ent- spannen könne. Seine Wirkung sei in dieser Hinsicht mit der eines Suchtmittels zu vergleichen. In Gewinnphasen komme der Spieler in Euphorie und eine länger anhaltende Stimulation. Bei Verlust setzten Enttäuschung, Niedergeschlagenheit, Minderwertigkeitsgefühle oder auch Panik ein. Glückspiele hätten eine ähnliche Wirkung wie Alkohol oder Cannabis. „Seit 2001 ist pathologisches Glücksspiel-verhalten von den Krankenkassen und Rentenversichrungsträgern als rehabi- litationsbedürftige Krankheit anerkannt. Damit ist es der Alkohol-, Medikamenten- Spielsucht-Beratungs-Chat_Aufbruch Neuköllnund Drogenabhängigkeit gleichgestellt“, fasste Kerstin Jüngling zusammen.

„Den meisten Menschen ist nicht bewusst, dass die Glücksspielsucht eine Krankheit ist. Schätzungsweise nur ein Prozent der Be- troffenen outen sich als Spielsüchtige“, berichtete Kazim Erdogan: „Ich habe selbst kürzlich erst im Bekanntenkreis zwei Menschen erlebt, die Selbstmord begangen haben. Das darf man nicht hinnehmen!“ Die Online-Beratung soll deshalb ein niedrigschwelliges Angebot besonders für Männer mit Migrationsgeschichte sein, das die Spielsüchtigen dort abholt, wo sie tatsächlich stehen. Bei der Online-Beratung gibt es sowohl Gelegenheit zu anonymen Grup- pen-Chats wie auch zu anonymen Einzel-Chats, die ab Januar auf Deutsch, ebenso wie in Türkisch, Arabisch, Kurdisch, Russisch und Englisch geführt werden können. „Wir wollen keine Beratungseinrichtung ersetzen, sondern den am stärksten ge- fährdeten Gruppen in ganz Deutschland im Internet eine Anlaufstelle und Erst- beratung in ihren jeweiligen Muttersprachen bieten“, unterstrich der der Psychologe und Sozialberater deutlich. Nicht alle Mitarbeiter müssten deshalb ausgebildete Suchtberater sein. Es gehe vielmehr darum, den Betroffenen zuzuhören und sie in Kazim Erdogan_Spielsucht-Onlineberater Aufbruch Neuköllnihrer Muttersprache über Therapiemög- lichkeiten zu informieren. In weiteren Schritten sollen die Ratsuchenden – egal, ob sie in Berlin, in anderen Städten oder auf dem Land wohnen – an Therapeuten oder Schuldnerberater wei- tervermittelt werden.

Und wie wird das Projekt finanziert? „Bevor das Kind nicht auf die Welt kommt, kaufen wir keine Klamotten“, umschrieb Erdogan das Finanzierungsmodell blumig. Konkret übersetzt: Ab Januar kommen die Honorare der Online-Berater zunächst aus der Vereinskasse des Aufbruch Neukölln. Zusätzlich versprach der Neuköllner Psychologe, dass er Geld, das er bei möglichen öffentlichen Auftritten bekommt, an die Online-Beratung spendet. Um dieses Finanzierungskonzept rund zu machen, fehlen jetzt eigentlich nur noch lukrative Einladungen in die bekannten Talkshows.

=Christian Kölling=