„S.O.S. – Save our Souls“: Neuköllner Arbeitslosen-Theaterprojekt entdeckt die Potenziale von Homers Odyssee

JA_tC_Berlin_Neukoelln_PLakat_2014-53b8c4abGeförderte Weiterbildungen sind ein gängiges Mittel der JobCenter, um die Chancen arbeits- loser Menschen auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern. Dass man mit Weiterbildungen auch ungewöhnliche, kreative Wege beschrei- ten kann, das zeigte die Projektfabrik gGmbH in den Räumen der Deutschen Angestellten-Aka- demie (DAA) in der Sonnenallee. Hier, gegen- über vom Estrel Hotel am Neuköllner Schiff- fahrtskanal,  wo früher das Finanzamt Neukölln ansässig war, führte sie in der letzten Wochen an zwei Abenden mit arbeitslosen Menschen das Theaterstück „S.O.S. – Save our Souls“, frei nach Homers Epos „Die Odyssee“, auf.

Das wirklich Besondere an dieser Weiterbildung unter dem Motto JobAct® to Connect ist, dass damit nicht Arbeitslose aus künst- lerischen Berufen angesprochen werden, sondern Menschen aus ganz anderen beruflichen Bereichen: Fünf Monate intensiven Probens, an vier Tagen wöchentlich, waren für die mehr als 10 Teilnehmerinnen und Teilnehmer vorangegangen, bevor die Premiere vor Publikum stattfand. Unter den etwa 70 Gästen waren auch einige Angestellte des JobCenters Neukölln, die ihre Kunden die odyssee_projektfabrik ggbmh-theaterstück_daa neuköllnsicher einmal auf gänzlich andere Weise kennen gelernt haben.

Los ging es im Erdgeschoss in der Kantine, wo das Publikum in fünf Grup- pen aufgeteilt und aufgefordert wurde, ihrem jeweiligen, mit Matrosenmütze und Fähnchenstab ausgestatteten Lotsen zu folgen. „This is a very german thing“, hörte ich als Kommentar von einem Zuschauer, während wir hoch in das Gebäude des DAA geführt wurden und jede Gruppe in unterschiedlicher Reihenfolge fünf bespielte Räume zu besuchen begann, die mit Namen wie „Zauberin Kirke“, „Im Hades“ oder „Telemachos = Sohn des Odysseus“ gekennzeichnet waren. Anders als bei Odysseus stellte sich der Hades als sehr humorvoller Ort dar: „Willkommen im Hades. Die Kantinen-öffnungszeiten sind von 12 bis 14 Uhr“. So unterschiedlich die einzelnen Orte gestaltet waren und von den Schauspielern bespielt wurden, so unterschiedlich waren auch die Sitzmöglichkeiten für die Zuschauer. Gab es in einem Raum nur Stehplätze entlang der Wand, konnte man sich woanders auf Sitzkissen nieder- lassen. Oder, wie im Hades, in Bankreihen setzen. Trotz des schon erwähnten die odyssee_projektfabrik ggbmbh_daa neuköllnHumors, musste hier ja auch Ordnung herrschen muss.

Zurück ging es nach über 90 Minuten Spieldauer mit den Lotsen wieder in die Kantine, wo alle Mitglieder des En- sembles nochmals Aussagen über und zu Odysseus machten und zum Ab- schluss gemeinsam ein Lied sangen. Applaus gab es danach reichlich für die neun Aufführenden, für den Theater- pädagogen und Regisseur des Stückes, Mansur Ajang, und für Fotini Albanti von der DAA, die das Bewerbungsmanagement, das flankierend neben der Theater- weiterbildung durchgeführt wurde, leitete.

Eine Mitspielerin, die ich im Anschluss an die Vorstellung interviewen konnte, diktierte mir in den Block, dass sie „ein Lob an das JobCenter Neukölln“ aussprechen möchte, das ihr diese Weiterbildung ermöglicht hätte. Von einem JobCenter-Mitarbeiter, erzählte sie, habe sie von dieser Möglichkeit erfahren und obwohl sie vorher noch nie Theater gespielt hat, sei sie darauf eingegangen: „Jetzt bin ich auf der Suche nach einer Amateurtheatergruppe.“ Ihr viermonatiges Praktikum, das sich für alle TeilnehmerInnen mit dem „Ziel der Aufnahme einer Ausbildung oder Anstellung“ an das Theaterstück anschließt und in verschiedenen Berufssparten möglich ist, möchte die Frau möglichst im Bereich Dramaturgie im Maxim Gorki Theater absolvieren. Sie sei froh, dass sie bei dieser Weiterbildung keinen Druck verspürt habe und neue Seiten an sich entdecken konnte. Dass es aber keine Kleinigkeit ist, sich darstellerisch und mit teils umfangreichen Textpassagen vor Publikum zu zeigen, verdeutlicht, dass ein Mitspieler seine Teilnahme am Vortag der Aufführung kurzfristig abgesagte.

Bernd Szczepanski, Neuköllns Sozialstadtrat, hatte zu Beginn der Aufführung, die er angetan verfolgte, ein Grußwort gesprochen, das bewies, dass er sich bestens mit der Sage von Odysseus auskennt. Er hob die Rolle des Mentors im Odysseus hervor: Der „Mentor, als väterlicher Berater, der jemanden unterstützt, berät und ihm manchmal auch einen neuen Weg aufzeigt“, betonte Szczepanski, sei noch in der heutigen Zeit eine große Chance.

Wenn am Ende einer Weiterbildung durch das JobCenter mehr Mut, mehr Lebens- freude, mehr Motivation und mehr Eigeninitiative beim Absolventen stehen soll, mit der Kooperation zwischen Projektfabrik und DAA Neukölln und dem Stück  „S.O.S. – Save our Souls“  wurden diese Ziele erreicht.

=Reinhold Steinle=

 

Advertisements

3 Antworten

  1. und was kostet diese sinnfreie weiterbildung mal wieder. totaler schwachsinn so was zu fördern, um mal wieder die schlimme arbeitsmarktpolitik und deren auswüchse des jobcenter neukölln in eine gutes licht zu rücken.. ich bin empört über soviel nicht reflektierten „journalismus“

    • Bei dieser Maßnahme scheint es doch – im Gegensatz zu vielen anderen – wenigstens so zu sein, dass die Teilnehmer den Eindruck haben, sie bringe ihnen etwas.

    • Für die Teilnehmerin, mit der ich ausführlich gesprochen habe, machte die Weiterbildung persönlich sehr wohl Sinn.

      In dem Artikel ging es um DIESE Weiterbildung und nicht um die Arbeitsmarktpolitik im Allgemeinen.

Kommentare sind geschlossen.