Aus der Zelle, in die Zelle

winterquartier bücherboxx luftbrücke_herrfurthplatz neuköllnTelefonzellen sind weitgehend aus dem Stadt- bild verschwunden. Seit fast jeder ein Telefon in der Tasche hat, werden sie nicht mehr ge- braucht. Auch die Telefonzelle, die jahrzehnte- lang auf dem Neuköllner Herrfurthplatz stand, wurde irgendwann abgebaut. Aber seit gestern steht nun wieder eine dort, nur wenige Schritte vom Standort ihrer Vorgängerin entfernt. Tele- fonieren kann man in ihr selbstverständlich auch bücherboxx luftbrücke_herrfurthplatz neukölln– so ein eigenes Telefon parat ist. Ihr eigentlicher Zweck ist allerdings ein anderer: Dank der Initiative des Instituts für Nachhaltigkeit in Bildung, Ar- beit und Kultur (INBAK), von der Berliner Stadtreinigung (BSR) und Schülern von Oberstufenzentren in Berlin wurde aus der Telefonzelle eine Kiez-Bibliothek namens BücherboXX Luftbrücke. „Die Schülerfirma der Marcel-Breuer-Schule in Weißensee hat im Rahmen eines Graffiti-Workshops die künstlerische Gestaltung übernommen, das OSZ TIEM aus Spandau hat die Solar- anlage eingerichtet und Azubis der BSR haben den kompletten Ausbau erledigt“, beschreibt Konrad Kutt von INBAK den Mutationsprozess und ergänzt, dass es sich bei der BücherboXX Luftbrücke um das Exemplar handelt, die noch kürzlich am Allmende-Kontor auf dem Tempelhofer Feld matthias backa_gabriele kutt_franziska giffey_bücherboxx luftbrücke_herrfurthplatz neuköllnstand: „Auf dem Herrfurthplatz ist sozu- sagen ihr Winterquartier.“ Im Frühjahr, plant er, werde sie wieder zurück ziehen.

„Vielleicht bekommt der Schillerkiez dann aber sogar eine eigene BücherboXX, wenn sie gut angenommen wird“, hofft Matthias Backa (2. v. l., neben Gabriele Kutt und Dr. Franziska Giffey). Er ist Lehrer an der be- nachbarten Carl-Legien-Schule und gehört – wie auch Heidi Trull (Foto l.) – zu heidi trull_bücherboxx luftbrücke_herrfurthplatz neuköllnden derzeit 20 Betreuern, die sich darum kümmern, dass Ordnung in den Regalen herrscht, kein Müll in der Mini-Bibliothek liegt, die Fenster geputzt sind und der Bücherbestand aufgefüllt oder auch ausgemistet wird. „Religiöse oder politische Erwe- ckungsschriften haben in den BücherboXXen nichts zu suchen“, sagt Gabriele Kutt, die das Projekt zusammen mit ihrem Mann initiierte und in Berlin bereits 14 Standorte akqui- rieren konnte. „Erstaunlicherweise gab es übrigens an kei- nem bisher einen Fall von Vandalismus.“ Überall, wo die Büchereien auftauchten, würden sie vorbildlich behandelt werden und sich regen Zuspruchs erfreuen. „Auf dem Tempelhofer Feld“, bestätigt Backa, „haben wir  innerhalb eines Vierteljahres an die 1.000 Bücher nachgelegt.“ Erst franziska giffey_bücherboxx luftbrücke_herrfurthplatz neuköllnin den letzten Wochen sei deutlich geworden, dass sich bei den Nutzern mehr und mehr das Prinzip des Nehmens und Gebens durchsetze.

Zu denen, die nicht tauschen oder ein Buch mitnehmen wollten, zählte gestern bei der Eröffnung der Bücher- boXX am Herrfurthplatz Franziska Giffey (r.). Sie freue sich über dieses niedrigschwellige Bildungsangebot mitten im Bezirk, in dem „viele Bewohner keine große Affinität zu Büchern“ hätten, stellte die Bezirksstadträtin mit Verweis auf die hohe An-Alphabetenquote fest, bevor sie das vom Bezirksamt herausgegebene und mit einer helus hercygier_konrad kutt_elisabeth kruse_bücherboxx luftbrücke_herrfurthplatz neuköllnhandschriftli- chen Widmung versehene Sachbuch „Zehn Brüder waren wir gewesen …“ ins Regal schob. Ihrem Beispiel folgen will auch Elisabeth Kruse (r., neben Konrad Kutt) von der Genezareth-Gemeinde, die den Stand- ort vor der Kirche für das kulturelle Nachbarschaftsprojekt zur Verfügung stellt. „Ich bin gespannt, wie das läuft“, meinte die Pfarrerin, „auf jeden Fall aber ist die BücherboXX ein wunderbares Entree für das Ensemble aus Café und Kirche.“ Tucholsky-Rezitationen von Helus Hercygier (l.) rundeten das mit heißem Tee, Kaffee bienenstich_bücherboxx luftbrücke_herrfurthplatz neuköllnund dem „obligatorischen Bienenstich“ beschlossene Eröffnungsprogramm im eisigen Ostwind ab.

Wer übrigens glaubt, dass die Telecom ihre aus- gemusterten Telefonhäuschen gerne an das INBAK-Projekt abgibt, wird von Gabriele Kutt eines Besseren belehrt. „Schön wär’s“, sagt sie, „aber die sind im Gegensatz zur französischen Telefongesellschaft sehr knauserig und verschrotten alte Telefonzellen lieber, statt sie uns zu schenken.“ Deshalb müssten die Ein- richtungskosten von rund 1.500 Euro pro BücherboXX aus Spenden oder auch Preisgeldern finanziert werden, die die von bürgerschaftlichem Engagement ge- tragene Nachhaltigkeitsinitiative einnimmt.

=ensa=

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