„Die Inobhutnahme ist das letzte Mittel, aber kein Standard“

vw polo-übergabe_falko liecke_kinderschutzteam neukölln„Sie sind besorgt, weil Sie Anzeichen sehen, dass ein Kind vernachlässigt, misshandelt oder missbraucht wird? Rufen Sie uns an, wir beraten, wir prüfen und wir helfen weiter!“, versichert das Kinderschutzteam Neukölln jugendamt_bürgeramt blaschkoallee neuköllnauf der Homepage des bezirklichen Ju- gendamts und rät, in solchen Fällen die Telefonnummer  90239 – 55555  im Berliner Ortsnetz anzuwählen. Seit Jahresbeginn gibt es diese spezielle Hotline für Kinder in Not, kurz zuvor war das Kinderschutzteam Neukölln eingerichtet worden, das seit gestern auch endlich auf einen eigenen Dienstwagen zurückgreifen kann. „Bisher wurden die Einsatzorte per BVG angefahren“, berichtet Falko Liecke. War eine unverzügliche Inobhutnahme eines Kindes angeraten, musste ein Taxi gerufen oder das Kind per Bus, U- oder S-Bahn mitgenommen werden. Ein untragbarer Zustand, denn, so der falko liecke_kinderschutzteam neuköllnNeuköllner Jugend- und Gesundheitsstadt- rat, „in solchen Situationen braucht das Kind dringend ein geschütztes Umfeld.“ Das ist nun gewährleistet.

Liecke (r.) war es auch, der sich maßgeblich für die Einrichtung des Neuköllner Kinder- schutzteams einsetzte: „Emotionaler Auslö- ser war für mich der Fall der kleinen Lena, die 2012 von ihrem Vater totgeschüttelt wurde.“ Bis dato wurden Kinderschutzange- legenheiten von den Sozialarbeitern des Jugendamts bearbeitet; seitdem gibt es das Team mit eigenem konzeptionellen Schwerpunkt, der signalisiert, dass hier Kinderschutzfälle absolute Priorität haben, und nicht nur für Betroffene den Vorteil eigener Ansprechpartner mit Zusatzausbildung bedeutet, sondern auch eine falko liecke_axel hoppe_marlis bargen_kinderschutzteam neuköllnenorme Entlastung für die rund 80 Kollegen im Jugendamt.

Die allerdings hätten anfangs gewisse Probleme mit der zusätzlich installierten Fachgruppe gehabt, die sich fortan aller Kinderschutzverdachtsfälle in bisher unauffälligen Haushalten annehmen sollte, räumt Axel Hoppe (M.), der Leiter des Jugendamtbereichs Regionaler Dienst Süd, ein. Da habe es zunächst durchaus ein Konkurrenzdenken gegeben,  „inzwischen wird das Kinderschutzteam aber als große Bereicherung gesehen.“ Etwa 700 Einsätze, bei denen der Anfangsverdacht auf Gefährdung des Kindeswohls bestand, habe es seit Januar gehabt, berichtet Marlis Bargen (r.), die stellvertretende Teamleiterin: „In 46 Fällen mussten Kinder in Obhut genommen werden, bei etwa einem Drittel aller Einsätze stellte sich der Verdacht als unbegründet heraus.“ Manchmal, so die erfahrene Sozialarbeiterin, ließen die Recherchen vor Ort und die anschließende Risikoeinschätzung, die grundsätzlich durch drei Team-Mitglieder erfolge, einzig den Schluss zu, dass es um einen Nachbarschaftskonflikt statt um kinderschutzteam_bürgeramt blaschkoallee_neuköllndas Kindeswohl gehe. Bei rund 70 Prozent der durch Hinweise aus dem Umfeld der Betroffenen, durch Polizei, Kitas, Schulen oder Ärzte initiierten Hausbesuche durch das Neuköllner Kinderschutzteam habe die Inaugenschein- nahme der Kinder jedoch ergeben, dass Gewalt, Misshandlung oder Vernachlässigung vorliegt bzw. nicht aus- geschlossen werden kann. „Die Inobhut- nahme ist das letzte Mittel, aber kein Standard“, betont auch Falko Liecke. Standard ist indes der Prozess, der durch eine solche Maßnahme ausgelöst wird. „Selbstverständlich wird danach das Gespräch mit den Eltern gesucht, in Teamsitzungen das weitere Vorgehen besprochen und ein Schutzkonzept für das Kind erstellt“, beschreibt Marlis Bargen ihn. „Das A + O ist für uns, dass das Kind gut versorgt im geschützten Raum ist.“ Sei es in einem Heimplatz oder in einer Pflegefamilie. Hinsichtlich letzteren gebe es jedoch das Problem, ergänzt Bargens Mitarbeiter bürgeramt blaschkoallee_neuköllnChristian Thomas, der einzige Mann im achtköpfigen Kinderschutzteam, dass „Kurzpflegestellen für Null- bis Siebenjährige in Krisenfällen in Neukölln sehr knapp sind.“

Einen Pflegeeltern-Bedarf gebe es definitiv, bestätigt Liecke, der aber eine weitere Notwendigkeit sieht: „Ich will eine Kinderschutz-Ambulanz in Neukölln, in der alle Misshandlungen und Verdachtsfälle rechts- medizinisch untersucht und sauber dokumentiert werden.“ Doch diese Forderung ziehe zwangsläufig die Frage nach der Finanzierung hinter sich her. „Aber“, gibt der Bezirksstadtrat zu bedenken, „wenn man Kinderschutz ernst nehmen will, müssen auch die Ressourcen zur Verfügung gestellt werden.“ Eine solche Stelle, vermutet er jedenfalls, hätte den Tod von Lena verhindern können. Sie könnte auch Licht in andere Fälle bringen: „Bei vielen Kindern, die schwerstbehindert sind, wissen wir nicht, warum es so ist“, unterstützt Axel Hoppe Lieckes Ambition. Dass bei einigen ein Schütteltrauma die Ursache ist, könne nicht ausgeschlossen werden.

=ensa=

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