Neukölln ist „stark überversorgt“, soll es aber nicht bleiben

st.thomas kirchhof_neukölln„Gestorben wird immer“ war nicht nur der deutsche Untertitel der preisgekrönten amerikanischen TV-Serie „Six Feet Under“. Es ist auch ein Bonmot der Be- statterbranche, die allerdings in Berlin schon bessere Zeiten erlebt hat: Lag die Sterberate, d. h. die Quote der Sterbefälle pro 1.000 Einwohner und Jahr, vor 40 Jahren in der Hauptstadt noch bei 18,1 ‰, so hat sie sich heute bei 9 ‰ eingependelt.  Das und der Wandel der Bestattungskultur, die gegenwärtig 80 % Urnen- bestattungen verzeichnet, führten dazu, dass sich der jährliche Friedhofsflächenbedarf gegenüber 1980 um mehr als die Hälfte verringert hat. Infolgedessen entwarf der Berliner Senat vor acht Jahren einen Friedhofsentwicklungsplan und beschloss, dass 290 Hektar der insgesamt 1.037 Hektar messenden Friedhofsflächen in der Stadt kurz-, mittel- oder langfristig „einer anderen Nutzung zugewiesen werden“ und lediglich 747 Hektar für Bestattungen erhalten bleiben sollen. Nur durch grab_st.thomas kirchhof_kirchhof luisenstadt II_neuköllneine Minderung des Friedhofsflächenüberschusses könne ei- ne „qualitätsvolle Friedhofskultur“ sicher- gestellt und das „wirtschaftliche Handeln der Friedhofsverwaltungen“ unterstützt werden, konstatierte das Ressort von Stadtentwicklungssenator Michael Müller (SPD) seinerzeit.

Letzten Dienstag informierte es über den aktuellen Stand der Umsetzungen des Friedhofsentwicklungsplans (FEP), der einzig für die Bezirke Charlottenburg-Wilmersdorf und Marzahn-Hellersdorf keine Fried- hofsflächenüberschüsse ermittelte. Neukölln indes, das nach Pankow und Steglitz-Zehlendorf stadtweit den drittgrößten Friedhofsflächenanteil hält, gehört zu den sie- ben Bezirken, die diesbezüglich „stark überversorgt“ sind: 118 Hektar wies der FEP

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2006 aus und gab vor, dass davon 74 Hektar für Bestattungen zu erhalten seien und die restlichen 44 Hektar nach Ablauf der mindestens 30-jährigen Ruhe- und Pie- tätsfrist langfristig umgenutzt werden sollen.

Bereits zum 31. Mai d. J. konnte die noch geöffnete Friedhofsfläche im Bezirk  auf 100 Hektar reduziert werden: So wurden alle sieben landeseigenen Friedhöfe durch Entwidmungen und beschränkt geschlossene Teilflächen rund 135.000 Quadrat- meter kleiner. Die zwischen Hermannstraße und Tempelhofer Feld gelegenen evangelischen Friedhöfe wurden 2011 vollständig geschlossen; der gegenüber lie- gende  St. Thomas-Friedhof, auf dem die Fotos entstanden, verlor im selben Jahr  et-

grabstelle_st.thomas kirchhof_kirchhof luisenstadt II_neuköllngrab bildhauer otto stahl_st.thomas kirchhof_kirchhof luisenstadt II_neuköllngrabstelle_st.thomas kirchhof_kirchhof luisenstadt II_neukoellnstatue_st.thomas kirchhof_kirchhof luisenstadt II_neukölln

wa 15.000 Quadratmeter Fläche. Ebenfalls in 2011 wurden auf dem Ev. Friedhof Emmaus im Ortsteil Britz 38.200 Quadratmeter vollständig und 24.000 beschränkt geschlossen; den benachbarten protestantischen St. Simeon und St. Lukas-Friedhof traf es noch einschneidender: Hier wurden 13.665 Quadratmeter vollständig, 5.100 Quadratmeter beschränkt geschlossen sowie eine Fläche von rund 17.000 Quadratmetern entwidmet, die lt. Senat für die „bauliche Nachnutzung vorbereitet“ wird. Selbiges ist für Friedhofsflächen in Reinickendorf, Pankow und Friedrichshain-Kreuzberg geplant. Der größte Teil der ausgewiesenen Schließungsflächen werde grab_st.thomas-kirchhof neuköllnjedoch als Grünpotenzial zukünftig weiter zur Verfügung stehen, teilt das Stadtentwick- lungsressort in seinem FEP-Bericht mit, der einen „Erfüllungsgrad von rund 72 Prozent“ verkündet. Geprüft werde ferner, „ob zusätz- liche Flächen für Bestattungen nach isla- mischem Ritus in Wohngebietsnähe zur Verfügung gestellt werden können.“

Völlig neue Wege geht indes das Bundes- land Bremen: Mitte Oktober verabschiedete der Bremer Senat nach monatelangen Ver- handlungen ein neues Gesetz zur Locke- rung des Friedhofszwangs. Ab Januar näch- sten Jahres wird nun als bundesweites Novum das Verstreuen der Asche von Toten auf Privatgrundstücken erlaubt sein, außerdem sollen öffentliche Flächen dafür ausgewiesen werden.

=ensa=

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