„Der Bezirk hat für die Karl-Marx-Straße alles getan, was ein Bezirk kommunalpolitisch tun kann“

16.Aktion KMS-Treffen_Marcel Weber_SchwuZ Berlin-Neukölln„Wir sind ein Teil des ganzen Gentrifizie- rungsprozesses, den wir nicht verteufeln wollen, weil er ein natürlicher Entwicklungs- prozess der Stadt ist. Wir wollen aber die Leute von Anfang an mit ins Boot holen und sensibel mit dem Thema umgehen. Wir müssen nicht Experimente wie in Prenzlauer Berg wiederholen“, mit diesen Worten for- mulierte Marcel Weber, Geschäftsführer des SchwuZ, seine Erwartung an das 16. Tref- fen der [Aktion! Karl-Marx-Straße], das vorgestern Abend in den Räumen seines Veranstaltungszentrums für homosexuelle Männer und Tunten in der Neuköllner Rollbergstraße stattfand. Auch wenn die überwältigende Mehrheit der Anwesenden den Wunsch von Marcel Weber vermutlich teilte, das Wort Gentrifizierung fiel im Lauf des Abends nicht ein einziges Mal mehr. Bezirksstadtrat Thomas Blesing und die Lenkungsgruppe der [Aktion! Karl-Marx-Straße] hatten vielmehr unter dem unver-fänglichen Motto „Handel in Neukölln – beständig lebendig“ alle Akteure, Bewohner, Nils Busch-Petersen_16.Aktion KMS-Treffen_SchwuZ Berlin-NeuköllnInteressierte und Fachleute zum halbjährlich stattfindenden öffentlichen Austausch ein- geladen.

Nils Busch-Petersen (l.), Hauptgeschäftsführer vom Handelsverband Berlin-Brandenburg e.V., eröffnete das Fachgespräch mit einem fak- tenreichen und informativen Impulsreferat zur Entwicklung des Einzelhandels in Berlin. Da die Kaufkraft in Berlin deutlich unter dem Durchschnitt in Deutschland liege und in der Region nur der Landkreis Pots- dam/Mittelmark der durchschnittlichen Kaufkraft entspreche, sei der Tourismus als Einnahmequelle für den Berliner Einzelhandel immer wichtiger geworden: „Jeder Rollkoffer bringt Umsatz in die Stadt, pro Nacht so circa 40 Euro“, schätzte Busch-Petersen. Zweiter Wachstumstreiber im Handel sei aber der boomende Internet- handel. Der bedeute eine regelrechte Zeitenwende, die ähnlich einschneidend wie die Erfindung des Buchdrucks oder der Dampfmaschine sei, und die den Einzelhandel vor völlig neue Herausforderungen stelle. Zukunftsfähig seien deshalb innovative Store-Konzepte, die die Vorzüge des stationären Handels mit denen des E-Commerce kombinierten. „Warum soll der Kunde noch in mein Geschäft kommen, Podium 16.Aktion KMS-Treffen_SchwuZ Berlin-Neuköllnwenn er im Internet alles kaufen kann?“, laute deshalb die neue Existenzfrage des Einzelhändlers.

„Es gibt kein Produkt mehr, das nicht online bestellt werden kann. Jede Ware ist jederzeit für jeden Kunden an jedem Ort verfügbar“, griff Jochen Brückmann (2. v. r.), Leiter des Bereichs Infrastruktur und Stadtentwicklung der IHK Berlin, eine Kernthese seines Vorredners in der anschließenden Diskussion auf und provozierte damit regelrecht Plädoyers für die Unverzichtbarkeit des Ladengeschäftes. „Es gibt andere Geschäfte als vor 20 Jahren, andere Einwohner und auch andere Käufer in Neukölln“, fasste Baustadtrat Thomas Blesing (M.) die Situation in seinem Bezirk zusammen. Daraus würden Chancen entstehen, die zahlreiche Geschäftsleute für sich erkannt hätten: „Es gibt immer mehr Menschen, die kein Fleisch mögen und sich vegan ernähren. Ein Geschäftsmann hat deshalb gerade in der Sonnenallee einen Laden für vegane Lebensmittel aufgemacht.“ Clemens Mücke (2. v. l.) von der Wirtschaftsförderung Neukölln pflichtete dem bei und wusste von einem hochwertigen Feinkostladen im Reuterkiez zu berichten, der auch in andere Teile der Stadt liefere. „Geboomt haben in den letzten Monaten auch die Fahrradläden. Die haben Superangebote für die tollsten ehemaliger c&a neuköllnalte post_neuköllnFahrräder“, ergänzte Mücke.

Gegen Ende der Diskussion sprach Moderatorin Andrea Kurtz auch leerstehende Im- mobilien und die Ladenmie- ten in der Karl-Marx-Straße an. Das ehemalige C&A-Haus an der Kreuzung Anzengruber Straße und direkt gegenüber die Alte Post stehen seit langem und auch weiterhin leer. Für das C&A-Haus wollte Baustadtrat Blesing einen Abriss nicht ausschließen. Die Alte Post stehe hingegen unter Denkmalsschutz, was ein Investor beachten müsse. Clemens Mücke bemängelte, dass die Ladenmieten für viele kleine Geschäftsleute, gerade aus dem Bereich der Kreativwirtschaft, der sich in Neukölln besonders positiv entwickele, in der Karl-Marx-Straße einfach zu hoch 16.Aktion KMS-Treffen_SchwuZ Berlin-Neuköllnseien. Jochen Brückmann sah diese Entwicklung etwas differenzierter. Der Bezirk habe für die Karl-Marx-Straße seit 2007 alles getan, was ein Bezirk kommunalpolitisch tun kann, stellte er auch im Hinblick auf die Einrichtung des Citymanagement-Instruments [Aktion! Karl-Marx-Straße] fest. Der Neuköllner Krea- tivwirtschaft stehe, nicht zuletzt wegen des Mindestlohnes, der jetzt gezahlt werden müsse, ein schmerzhafter Anpassungs- prozess bevor. Längerfristig rechne die IHK mit einem Ladenmietniveau in der Karl-Marx-Straße, das auch für Unternehmen der Kreativwirtschaft bezahlbar sei – wenn sie zuvor den Anpassungsprozess überstehen.

=Christian Kölling=