Mit dem Leben bezahlt: Gedenkstele für zwei Opfer der Mauer zwischen Treptow und Neukölln

britzer zweigkanal_neukölln_treptowHans-Joachim Wolf war gerade erst 17 Jahre alt, als er beschloss, einen Plan, der sein Leben verändern sollte, in die Tat umzusetzen: Er wollte raus aus der DDR. Der nur fünf Jahre ältere Werner Kühl wohnte indes in West-Berlin und erhoffte sich eine bessere Zukunft im Ostteil der Stadt. Die Schlüsselrolle, ent- schieden beide, sollte bei ihren Vorhaben der zwischen Treptow und Neukölln fließende Britzer Zweigkanal spielen, der mit seiner mäßigen Strömung und nur rund 25 Metern Breite selbst für untrainierte Schwimmer keine besondere sportliche Herausforderung darstellt. Dass die ei- berliner mauerweg_mauertote-gedenkstätte_treptowgentliche Gefahr nicht im Wasser lauert, sondern in Form von DDR-Grenzsoldaten am südlichen Ufer des Kanals, wussten beide.

Hans-Joachim Wolf unterschätzte sie dennoch. Er nahm wohl an, schlussfolgert man heute, dass die Grenzer an einem kalten Spätherbst- Abend nicht mit einer Flucht durch den Kanal rechnen würden. Es ist 18.30 Uhr, als der Lehrling aus Berlin-Friedrichshain am 26. No- vember 1964 vom befestigten Grenzstreifen auf der Treptower Seite ins Wasser springt und beginnt, auf das Neuköllner Ufer zuzuschwim- men. Kurz darauf muss er feststellen, dass er sich hinsichtlich der Aufmerksamkeit der Grenzer getäuscht hatte. „Ohne den Flüchtenden zu warnen, beginnen sie mit dem Beschuss. Hans-Joachim Wolf“, so die Rekonstruktion durch das Projekt Chronik der Mauer, „wird sich der Gefahr bewusst: Er ruft den Posten zu, dass sie nicht mehr schießen sollen. Aber sein Versuch, den Fluchtversuch aufzugeben, wird von dem Postenpaar nicht beachtet.“ Insgesamt 61 Schüsse werden auf Hans- maueropfer_hans-joachim wolf_werner kühl_chris gueffroy_gedenkstätte treptowJoachim Wolf abgegeben, einer trifft ihn tödlich.

Die Eltern des Jugendlichen erhalten erst zwei Tage später die Information, dass ihr Sohn nicht mehr lebt. Als Todesursache wird ihnen „Ertrinken bei Verletzung der Staatsgrenze“ genannt. Dass der 17-Jährige, dem ein Stasi-Bericht attestierte, dass er keine Sym- pathien für den Arbeiter-und-Bauern-Staat zeige, bei einem Flucht- versuch an der Sektorengrenze zwischen Treptow und Neukölln erschossen wurde, erfuhren sie nie. „Erst im Jahre 1994, in einem berliner mauerweg_neukölln_treptowProzess vor dem Landgericht Berlin gegen die Todesschützen, wird der Tathergang aufgeklärt“, dokumentiert die Biographie von Hans-Joachim Wolf. Die Eltern des Maueropfers waren bereits vorher verstorben.

Das Leben in der DDR sei ein besseres, davon war der West-Berliner Werner Kühl überzeugt. Und auch sein Freund Bernd Langer, der „im Rahmen einer Familienzusammenführung 1966 zu seinem in West-Berlin lebenden Vater übergesiedelt“ war, wollte zurück in den Ostteil der Stadt, wo er seine Kindheit verbracht hatte.

Am 24. Juli 1971, einem heißen Hochsommertag, fahren beide zusammen nach- mittags zu einer Badestelle am Britzer Zweigkanal in Neukölln. Ob Werner Kühl bereits mit der Idee hier angekommen war, an dieser Stelle nach Ost-Berlin zu flüchten, ist ungewiss. Sicher ist jedoch, dass sein Plan Bernd Langer überraschte und zunächst zögern ließ. Doch letztlich überqueren beide den Kanal und warten auf kleingartenanlage_berliner mauerweg treptowder Treptower Seite neben der Grenzanlage darauf, dass es dunkel wird. Gegen 22.30 Uhr beginnt schließlich ihre Flucht in den Osten. Sie steigen über einen Metallzaun, dann, so der protokollierte Tat- hergang, „laufen sie in Richtung Ost-Berlin, wo sich in unmittelbarer Grenznähe die Laubenkolonie ‚Gemüt- lichkeit III‘ anschließt. Bald darauf werden die beiden von den Posten im Grenzstreifen entdeckt, für DDR-Flüchtlinge gehalten und gedenkstelen-einweihung_chris-gueffroy-allee treptowbeschossen.“ Bernd Langer wird durch die Schüsse verletzt, gegen 23.40 Uhr ins Krankenhaus der Staatssicherheit gefahren und zwei Tage nach dem gescheiterten Fluchtversuch mit einem Haftbefehl maueropfer-gedenkstelen_chris-gueffroy-allee_treptowbelegt. Werner Kühl wird von einem Brustschuss tödlich getroffen und verblutet innerhalb weniger Minuten.

„Den beiden Todesschützen wird vom Generalleutnant der DDR-Grenztruppen ein ‚taktisch richtiges Handeln‘; die Grenzposten werden kurz darauf mit der ‚Medaille für vorbildlichen Grenzdienst‘ ausgezeichnet“, informiert die Biographie von Werner Kühl. Bernd Langer wurde am 30. August 1971 aus der Untersuchungshaft entlassen und der West-Berliner Polizei überstellt. „Im Mai 2000 wird einer der beiden Mauerschützen wegen mittäterschaftlich begange- maueropfer-gedenkstätte_chris-gueffroy-allee_treptownen Totschlags zu einer Jugend- strafe von einem Jahr und zwei Monaten zur Bewährung verurteilt; sein damaliger Ka- merad ist bereits verstorben.“

Seit Sonntag wird an der Britzer Brücke in Treptow, wo bereits eine Gedenkstele für Chris Gueffroy, das letzte Maueropfer, aufgestellt war, auf Initiative des Bezirksamts Treptow-Köpenick auch an Hans-Joachim Wolf und Werner Kühl erinnert.

=ensa=

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