Aus aller Welt gekommen, als Deutsche gegangen: Etwa 1.000 Menschen werden jährlich in Neukölln eingebürgert

deutschland-fahne_bezirkswappen_rathaus neukölln„In meinem Alltag ändert sich bestimmt nichts. Ich werde ja durch den deutschen Pass kein anderer Mensch“, ist sie überzeugt, als sie den BVV-Saal des Neuköllner Rathauses betritt. In ihrer Hand: die italienische Carta d’Identita, ein DIN A4-Bogen mit den Noten und dem Text der deutschen Nationalhymne sowie der Pro- grammzettel für den  „Festakt anlässlich der Übergabe von Einbürgerungsurkunden“.  An- dere, die ebenfalls an diesem Nachmittag zu Deutschen ernannt werden, sehen es ähnlich. Das Reisen und formelle Ange- legenheiten würden mit dem neuen Pass leichter, und dass er künftig bei Wahlen seine Stimme abgeben dürfe, sei auch ein Privileg, meint ein Mann, der als Nige- rianer ins Rathaus kam, um es als Deutscher zu verlassen. Da er optisch ein Afri- kaner bleibt, werde er gewisse Bezirke Berlins und Regionen Deutschlands aber musik collegium berlin_einbürgerungsfeier neuköllnauch weiterhin besser meiden.

Etwa 1.000 Frauen, Männer und Kinder werden jährlich in Neukölln mit einem Festakt eingebürgert, knapp 50 aus 17 Herkunfts- ländern waren es beim letzten. Nach einem Potpourri ihrer alten Nationalhymnen, gespielt nationalhymnen-potpourri_einbürgerungsfeier neuköllnvom Musik Col- legium Berlin, wurden sie vom Bezirksverordnetenvorsteher Jürgen Koglin „im Na- men der gesamten Bezirksverordnetenversammlung in der guten Stube Neuköllns“ begrüßt. Er finde Einbürgerungsfeiern gut und wichtig, stellte der SPD-Politiker fest und verwies darauf, dass man sie in Neukölln schon seit über 10 Jahren abhalte, um dem Ende eines aus unterschiedlichsten Beweg- gründen eingeleiteten „mühseligen Prozesses“ und einer „Entscheidung, die man normalerweise nur einmal im Leben trifft und sich wohlweislich überlegt hat“ einen würdigen Rahmen zu geben.

Der Schritt zur deutschen Staatsangehörigkeit gehe keinesfalls damit einher, „dass man Herkunft und Kultur verleugnen muss“, betonte Koglin. Er bedeute aber für alle einen Einstieg in eine freiheitliche Demokratie und damit in die aufwändigste Ge- sellschaftsform. „Haben Sie Respekt vor denen, die für die Demokratie gekämpft haben! Gehen Sie wählen, wählen Sie eine demokratische Partei und engagieren Sie sich in der Gesellschaft!“, appellierte der Bezirksverordnetenvorsteher. Auch in der kommunalen Politik böten sich diverse Möglichkeiten des Engagements, er- gänzte er mit Hinweis auf die anwesenden Bezirksverordneten Mahi Christians-Roshanai (Grüne) und Bijan Atashgahi (SPD): „Wie schon an den Namen einbürgerungsfeier neuköllnerkennbar ist, haben sie ihre Wurzeln nicht in Berlin sondern im Iran.“

Thomas Blesing, Bezirksstadtrat für Bau- en, Natur und Bürgerdienste, in dessen Ressort auch die Stelle für Staatsange-hörigkeiten gehört, richtete zunächst Grüße vom Bezirksbürgermeister aus, bevor er über die „Wehmut, die vielleicht einige beim Hören der alten National- hymne befiel“  zum November überleitete, der ein trauriger Monat, aber wegen des Mauerfalls und der Reichspogromnacht auch ein Monat des Gedenkens sei. „Besuchen Sie am 9. November die Feierlichkeiten anlässlich des Falls der Berliner Mauer!“, lud Blesing ein. Am ersten Dezember-Wochenende stehe dann bereits ein Neuköllner Ereignis an, das wegen seiner einzigartigen Atmosphäre und der Besonderheit, nicht-kommerziell zu sein, zu einer Attraktion über die Bezirksgrenzen hinaus wurde: der Rixdorfer Weihnachtsmarkt. „Bummeln Sie über den Markt und lernen Sie eine andere Seite Neuköllns kennen!“, warb der Stadtrat und beendete mit einem Hinweis auf den weiteren Ablauf des Programms seine Rede: Zunächst würde die „kleine Staatskapelle“ die Europahymne spielen, dann werde jeder namentlich aufgerufen, um seine Eidesformel zu sprechen und die Urkunde für die deutsche Staatsbürgerschaft zu erhalten und anschließend würde gemeinsam die deutsche Nationalhymne gesungen. „Kein Mensch kann gar nicht singen!“, ermunterte Blesing eidesformel_einbürgerungsfeier neuköllnzum Mitmachen.

Ein kleines Mädchen ganz in Pink war die Erste, die an diesem Nachmittag zur deutschen Staatsbürgerin wurde – da sie noch nicht lesen konnte, sogar ohne das Ablesen des Bekenntnisses vom laminierten Zettel. Zur Urkunde erhielt sie außerdem einen Plüsch-Eisbären. „Ich erkläre feierlich, dass ich das Grundgesetz und die Gesetze der Bundesrepublik Deutschland achten und alles unterlassen werde, was ihr schaden könnte“, las eine Fünftklässlerin so fehlerfrei und flüssig, dass sie Applaus aus den Reihen bekam. Ein Mann hatte ein eigenes Blatt mit der Eidesformel mitgebracht; ein Mädchen im paillettenglitzernden Minnie-Mouse-Pull- over überreichte vor ihrer Einbürgerung einen Blumenstrauß an Jürgen Koglin, der diesen irritiert und erfreut entgegen nahm und feststellte: „Das passiert auch nicht alle Tage.“ Häufiger kommt indes vor, dass Angesprochene ihre Namen nicht auf Anhieb als solche identifizieren. Ein Paar, das demnächst ein Kind haben wird, wartete händchenhaltend auf den gemeinsamen großen Moment; ein junger Mann schlurfte im weißen Trainingsanzug nach vorne und wollte lediglich beim Sprechen der Eidesformel auf das Tragen seiner Basecap verzichten; eine Familie, bestehend aus Vater und zwei Töchtern, trat in festlichen Outfits vor. „Halt, halt, halt, jetzt singen wir noch die Nationalhymne!“, rief Thomas Blesing die zurück, die sich nach der letzten Einbürgerung schnell aufmachen wollten, den BVV-Saal zu verlassen. Kurz einbürgerung_rathaus neuköllndarauf stimmte die Sängerin Irena Bart-Greiner die ersten Töne der dritten Strophe des Deutschlandlieds an.

„Der Stil der Einbürgerungszeremonie hat sich in letzter Zeit schon etwas verändert“, resümierte Mahi Christians-Roshanai, „aber es ist noch einiges zu verbessern.“ Allein mit der Tatsache, dass in Neukölln eine Festivität stattfindet, während andernorts die Urkunden per Post zugeschickt werden, will sie sich nicht abfinden. Was ihr bei dem Festakt fehlt, ist ein Eingehen auf die Migrationsgeschichten und die Vermittlung eines Wir-Gefühls: „Ich wünsche mir, dass die Einbürgerten mit dem Eindruck ‚Yeah, die Bezirkspolitiker stehen hinter uns und sind für uns da!‘ aus dem BVV-Saal gehen.“ Deshalb fordert die Grünen-Abgeordnete, dass „als symbolischer Akt einmal im Jahr eine Einbürgerungsfeier direkt vor einer BVV-Sitzung“ stattfindet und der Integrationsausschuss in die Durchführung des Festakts eingebunden wird. Aktuell wird der nicht mal erwähnt.

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