Von Giraffen, Randgruppen, Deutschlehrern und gemeiner Sehnsucht: Sebastian Krämer begeistert im Heimathafen Neukölln mit Liedern aus zwei Jahrhunderten

Sebastian_Kraemer_Pressefoto_03_Web„20 Lieder aus 20 Jahren“ hieß das Programm, das der Liedermacher Sebastian Krämer vorgestern im Heimathafen Neukölln vorstellte. Den Programmtitel solle man aber nicht wörtlich nehmen, meinte der 38-Jährige gleich und offenbarte, dass er das Entstehungsjahr seiner Lieder oft nicht aufschreibe. Zutreffend sei jedoch: „Im ersten Teil singe und spiele ich Stücke aus dem 20. Jahrhundert und nach der Pause aus dem jetzigen.“

Der ironische Ton ist überhaupt ein Merkmal von Sebastian Krämer, in der Ankündigung seiner Stücke oder in vielen Texten. Als er während des Liedes das Publikum fragt, ob ihm neben den gerade besunge- nen Randgruppen Frauen und Nazis  noch eine dritte einfällt, ruft eine Frau aus dem Publikum „Lokomotivführer!“. Ein großer Lacher war ihr dabei sicher, streikte doch an diesem Abend die Deutsche Bahn samt der Berliner S-Bahn. „Noch ein bisschen Moll, dann haben wir es hinter uns“, bereitete Krämer die etwa 400 altersmäßig sehr gemischten Besucher vor.

Die 20 Lieder spielte der gebürtige Ostwestfale, der seit 1996 in Berlin lebt, nicht allein am Bechstein-Flügel. Als Verstärkung hatte er sich drei hervorragende Musiker dazu geholt: Wanja C. Hasselmann begleitete ihn am Schlagzeug, Karsten Zim- mermann am Horn und Angelika Winnen am Cello. Als Zuhörer merkte man kaum etwas von den Schwierigkeiten, die Sebastian Krämer seinen Mitspielern bereitet. Manchmal, gestand er, mache er ihnen das Begleiten schwer, weil er ein anderes sebastian krämer_heimathafen neuköllnTempo als in der Partitur steht an- schlage.

Die Liedtexte von Sebastian sind oft witzig und überraschend. Oder lako- nisch oder sentimental, und man fragt sich, wie er bloß auf diese Ideen kommt. Er singt über Giraffen oder über seine Liebe zur Pizza Margherita. Dazu noch in so einer Sprachakrobatik und Schnelle, dass mir dazu die Abmoderationen der ZDF-Hit- parade von Dieter Thomas Heck einfielen. Inspiration für Texte seien auch seine Kinder, erzählte Krämer. Nicht umsonst gebe es zahlreiche Schlaflieder im Programm. Wenn man im Repertoire des multitalentierten Künstlers, dessen Bühnenkarriere als Kabarettist begann, nach einem Hit sucht, gehört „Deutschlehrer“ sicher dazu. Natürlich spielte Sebastian Krämer es auch im Heimathafen Neukölln, signierstunde sebastian krämer_heimathafen neuköllngenauso wie „Wovon träumst Du?“ oder „Sehnsucht ist gemein“.

Ob es insgesamt 20 Lieder waren, die er an diesem Abend intonierte? Während des Konzerts erkundigte sich Sebastian Krämer beim Publikum nach dem aktuellen Stand, musste jedoch erfahren, dass nie- mand mitgezählt hatte. Ich schätze aber, dass er mit den zahlreichen Zugaben sicher über die Anzahl hinaus kam.

Mit einem riesigen Applaus endete nach fast drei Stunden dieses tolle Konzert im restlos ausverkauften Saal. Feierabend hatte Sebastian Krämer aber noch lange nicht, stattdessen signierte er Notenhefte, DVDs und CDs für seine Fans.

=Reinhold Steinle=

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